Flusensieb #42 - 10 kurze Plattenreviews

Veröffentlicht am 20.04.2021

In diesem Jahr macht nicht einmal der immer wiederkehrende, schlechte April-Scherz Spaß. Deswegen konzentrieren wir uns auf die wichtigen Dinge des April und sieben Flusen. Oder sammeln das Beste aus dem/n letzten Monat/en Resten und Reserven und stellen erneut das Schönste vor, was Übrigbleibsel zu bieten haben. Wechselhaft wie das Aprilwetter haben wir heute Flusensieb-Review Nummer 648 - 657, und im Speziellen aufstrebenden Post Metal, etwas überholten Hardcore, wunderschön-melancholischer Gothic/Doom, unmerkwüdigen Black Metal, female gefronteter Doom, hochwertig wechselhafter Prog aus Rumänien, fluffiger Psychodelic-Sound mit viel Fliehkraft, Death-Punk mit Warnhinweis, hammerharten angeschwärzten Thrash und flauschig-rockige Date-Songs aus Brasilien. Viel Spaß beim Stöbern!

 

AMIENSUS - Abreaction

In ihrer dritten LP „Abreaction“ behandeln die US-Amerikaner AMIENSUS die Thematik der unterdrückten Emotionen, instrumental ummauert von Black Metal mit einem Folk- und Progressive Death-twist. Auch mehrstimmige Vocals und Streichinstrumente, die sich eher in den ruhig gehaltenen Anfängen finden lassen, kommen wieder zum Einsatz; Im Laufe des Albums gehen sie immer mehr Richtung Black Metal und können damit durchaus aufhorchen lassen. „Abreaction“ hat definitiv einnehmende Momente („Euphoria“, „Iconoclasm“), letztendlich fehlen mir aber spannende Strukturen, um das Album länger im Gedächtnis zu behalten. Vielleicht aber einfach ein Werk, für das man zu 100% in der Stimmung sein muss. (AO)


 

FIGHT THE FIGHT - Deliverance

Von ihrem Nu Metal-Ursprung haben sich FIGHT THE FIGHT mittlerweile wegbewegt und lassen mit Hardcore und sogar Djent Neues einfließen. „Deliverance“ startet direkt mit einem ins Ohr gehenden Riff und bietet ein paar interessante Instrumentalparts, viel Positives kann ich über das Album aber nicht verlieren. Man findet hier weder spannende Songstrukturen noch raffinierte Lyrics oder starke Vocals. Negatives Paradebeispiel ist da „Triggerfinger“. Der Song nervt zunehmend, je öfter man den stupiden Text vorgekeift bekommt. Lange nicht mehr so stumpfe Präpotenz gehört, sorry, 90er-Anleihen hin oder her. Kann man hören, wenn man schon Fan der Band ist, man verpasst aber nichts, wenn man es lässt. (AO)


 

INVERNOIR - The Void And The Unbearable Loss

Die Italiener INVERNOIR haben nach der EP "Mourn" (2018) nunmehr ihr erstes vollwertiges Studioalbum veröffentlicht. Und Doom/Death und Gothic Metalfans dürften sich (so wie ich) nach dem Hören des Debüts wünschen, dass "The Void And The Unbearable Loss" nicht die letzte Veröffentlichung von INVERNOIR gewesen ist. Das Quartett taucht den Hörer in die tiefe Traurigkeit melancholischer Melodien, oft ruhig aber auch immer wieder aufbrausend. Dazu gesellt sich sehr variabler Gesang, der von Clean Vocals über Kreischen bis hin zu tiefen Growls reicht. Liebhaber von DRACINIAN und SWALLOW THE SUN sollten unbedingt ein Ohr riskieren. (EL)


 

LA FIN - The Endless Inertia

LA FIN haben in ihr Debüt alles gepackt, was man im Einsteiger-Handwerkskurs für Post Metal so lernt: Gekeife, das hin und wieder von cleanem Gesang abgelöst wird, ausschweifende Riffs, in denen man sich verlieren kann, schleppende Melancholie sowie Blastbeats. Die Band kann einnehmende Vertracktheit („Hypersleep“) genauso wie brachial, aber auch gefühlvoll („Endless“). Ein Treten in Fußstapfen oder gar Konkurrenz zu Genre-Größen wie CULT OF LUNA oder THE OCEAN gelingt den Italienern mit „The Endless Inertia“ zwar nicht, für einen Erstling aber weit mehr als nur ausbaufähiges Material. Die Weichen sind jedenfalls auf einen interessanten musikalischen Werdegang gestellt. (AO)


 

STONY SUGARSKULL - Lioness

Ich LIEBE Sugarskulls – ihr müsst euch Dios de los Muertes in Mexico City geben. Der Oberkracher! Aber zurück zu STONY SUGARSKULL aka Dr. Demmler. Schubladen sind aus – ihr dürft selber zuordnen. Grundzutat Rock, übergossen mit 60er Psych-Stil gefüllt mit viel Philosophie. Erinnert mich stark an DEEE-LITE oder Tamara Danz. Groovy, strange aber irgendwie fluffig, ohne kitschig zu sein. Definitiv emotional geprägt, lädt es auf eine Reise ein, die ein Fallen-lassen bedingt. Kann als Snack aber auch als Menü genossen werden. Tipp: „Butterflies“ (SV)


 

WHITE WALLS - Grandeur

Ganze sieben Jahre nach Album No. 2 erschien „Grandeur“ von WHITE WALLS. Der Reifeprozess hat nicht geschadet: Es geht los mit sanftem Gesang, der kurz darauf von schweren Riffs und Growls abgelöst wird. WHITE WALLS beherrschen diesen steten Wechsel aus langsam-gefühlvoll zu technisch-heavy tadellos. Ein zum Großteil ruhig gehaltenes Album mit pointierten härteren Momenten und nur einem Minimum an Growls, dafür viel verträumte Instrumentals – die Mischung macht‘s. Highlights sind „Starfish Crown“ (catchy Riff und perfekt ergänzender zweistimmiger clean Gesang), „Descent“ (viel instrumentale Variation) und der finale Überlängen-Song „Marche Funébre“ - wahnsinnige Sogwirkung und ein Gänsehaut-Abschluss. (AO)


 

RED MOON ARCHITECT - Emtiness Weights The Most

Düstere Aussichten geben RED MOON ARCHITECT schon alleine mit dem wenig optimistischen Titel von Album Nummer fünf. Zwischen doomig-melancholischen Parts und gewaltigen Growls bleibt noch genug Platz für weibliche Vocals, die wunderbar mit den verträumten Harmonien symbiotisieren. Die gutturalen Vocalparts wirken in diesen Momenten aber etwas fehl am Platz bzw. hätten sie sich in anderer musikalischer Umgebung sicher besser zu entfalten gewusst. Bis auf „Rise“ gibt es keinen Song, der heraussticht. Der Ablauf ist immer ähnlich schleppend mit schönen Harmonien, zwar keineswegs schlecht, aber eben doch zu wenig Variation, um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Keine „Reform“ des melancholischen Dooms. (AO)


 

RAGEHAMMER – Into Certain Death

Das polnische Kampfgeschwader macht auf dem neuen Werk wahrlich keine Gefangenen. Mit panzerartiger Aggression wird hier Wald, Wiese und Gehörgang plattgewalzt. Bissig-namensgebendes Drum-(Rage)Gehämmere, schnelles, fast schon obligat-notgedrungenes Riffing und brachiale Lyrics treiben „Into Certain Death“ von Anfang bis Ende durch jede Stahlwand. Hin und wieder eingefrickelte Speed-Runs an der Gitarrenfront hält die Thrash-Additüde der einigermaßen durchgeschwärzten Polen hoch, der Rest ist ein aschgraues Blitzgewitter an Speed, Härte und großartig durchdringender Fulminanz, ohne fulminant zu sein. (lisi)


 

FEACES CHRIST - Eat Shit And Die!

Warnung: Explizite Texte – sowas hatte ich auch noch nie als Vorwarnung. Aber wann wünscht man schon mal „Eat Shit And Die!“? Natürlich die Death Metal Punks punkten wieder mit trommelfellschädigendem Gegrunze inklusive geschmacklich differenziert aufstoßenden Texten. Rauh, kratzig und ziemlich Gore kommen die Regensburger FEACES CHRIST dahergesifft. Fühl mich wie auf ner Schlachtbank – bloß nix anfassen, es blutet noch aus. Da kommt sicher noch was nach. (SV)


 

SILENT - Fragments

Leicht southern-rock-angehauchter Hard-Rock aus Brasilien lädt nicht gerade zum Headbangen aber zum Hüftkreisen ein. SILENT wurde 1991 gegründet, jedoch besteht die jetzige Formation erst seit 2012/2013. Sie lassen die 80er Classic-Rock-Generation mit ein wenig Grunge und ganz viel Flauschigkeit kuscheln. Quasi die Date-Musik, wenn das Gegenüber alles über FOREIGNER als zu hart empfindet. Bei „What Love Can Be“ wünsche ich mir eine weite Autofahrt mitten durch die Pampa mit offenen Fenstern und kracherten Boxen. Hab auch ziemlich selten Bands, die den Soundtrack für eine Telenovela liefern. Tipp: „Bye Bye Superman“ (SV)


 

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