HELLOWEEN Listening Session

Text: Sonata
Veröffentlicht am 29.03.2021

Als Michael Kiske und Kai Hansen sich seinerzeit von HELLOWEEN abwandten, wähnte sich denke ich für eine verdammt lange Zeit niemand in Gefilden, die einer Re-union auch nur ansatzweise näherkommen würden. Zwischendurch entstanden Kollaborationen wie UNISONIC (Kiske und Hansen) oder es wurden gemeinsame Touren gespielt (HELLOWEEN und GAMMA RAY) und somit lag doch irgendwie was in der Luft? Richtig. 2016 kamen alle Parteien zusammen und man brach auf, Teil einer großartigen Tour zu werden, die durch diese ermüdende Pandemie erstmal zum Erliegen kam. Würde man nun als vollwertige Band zurückkehren, Neu und Alt quasi zusammenbringen? Yes! HELLOWEEN haben in neuer alter Besetzung an einem Werk geschraubt, das im Juni dieses Jahres das Licht der Welt erblicken wird. Kiske, Hansen und Deris auf EINEM Album! Die Welt würde aufhorchen und die Nuclear Blast Tonträger Produktions- und Vertriebs GmbH (abgesondert vom "klassischen" Nuclear Blast, wirre Geschichte) würde das natürlich in einem an die Verhältnisse der Pandemie angepasstem Event zelebrieren! So kamen Journalisten aus aller Welt in einem Zoom Meeting am Wochenende vom 13. März zusammen und durften zum ersten Mal exklusiv in die neue selbstbetitelte Scheibe der Pumpkins rein hören mit anschließendem Talk. Auch wir von Stormbringer wollten natürlich was vom Kuchen abhaben und so können wir euch einen kleinen Einblick in das geben, was im Juni auf euch zukommen wird!

Das selbstbetitelte Album sollte ursprünglich schon im vergangenen Jahr erscheinen, doch aufgrund der Pandemie entschied man sich dazu, es nach hinten zu schieben, da der Plan ja durchaus vorsah, die weiterhin geplante Tour mit neuen Songs zu bespielen. 2021 bietet uns nun leider kein ganz neues Bild und so "wollten wir, dass 2021 überhaupt irgendwas von uns zu hören ist" wie Kai Hansen uns mitteilte. Wie schreibt man ein Album in so einer Supergroup, wo jeder auch irgendwo seinen eigenen Dickkopf besitzt? "Ich habe mich aus dem Songwriting völlig raus gehalten, da haben wir einfach fähigere Köpfe, wenn es darum geht, guten Power Metal zu schreiben". Michael Kiske zog sich also vorsorglich schon mal zurück und überließ anderen das Feld. Kai Hansen musste laut eigener Aussage erstmal wieder zum HELLOWEEN Sound seiner aktiven Zeit zurückfinden, da sein Songwriting natürlich noch sehr stark auf GAMMA RAY gemünzt war und das Resultat davon erwartet uns bereits Anfang April mit "Skyfall", einem monumentalen Epos von 12 Minuten! "Skyfall" möchte ich aus unserer Listening Session auch als Erstes hervorheben. Der Track wird von einem kurzen Intro eingeleitet und offenbart relativ schnell die Hook, welche von Michael Kiske vorgetragen wird. Ein Track, der in der Folge ordentlich Fahrt aufnimmt und einen sehr dominanten Bass zeigt (was sich grundsätzlich auf den Gesamtsound des Albums übertragen lässt). Es gibt ein wildes Wechselspiel zwischen Kiske und Deris, während Hansen persönlich den Mittelteil veredelt, der durchaus Vibes aufweist, die an David Bowie erinnern. Aggressive Strophen, ein hymnischer Power Metal Chorus und ein ausladender Mittelteil, der viel von ruhiger Atmosphäre geprägt ist, die psychedelische Ausmaße annimmt. Eine würdige Single? Definitiv! Der Song zeigt mit seiner Vielschichtigkeit bestens auf, wohin die Reise auf der Platte geht.

HELLOWEEN schaffen es trotz der großen Anzahl an Songwritern, ihr gesamtes Repertoire irgendwie auszuspielen und trotzdem ein homogenes Album zu präsentieren. Der Opener "Out For The Glory" lässt unweigerlich "Eagle Fly Free" Parallelen aufkommen und wird in seinen sieben Minuten von Kiske vertont, wohingegen Hansen hier und da ein paar aggressivere Parts übernommen hat. Das ausladende Intro baut eine tolle Atmosphäre auf, woraufhin ein Kickstart erfolgt und uns mit Double Bass ins Power Metal Geschehen befördert. Die Strophen haben fast schon was Melancholisches, während die Hook jedes HELLOWEEN Herz höher schlagen lässt. Als wäre Kiske nie weg gewesen! Vom Sound her haben die Jungs einen 80er Sound angestrebt, weswegen zum einen analog aufgenommen wurde und zum anderen das Drumset vom ehemaligen verstorbenen Drummer Ingo Schwichtenberg genutzt wurde bei den Aufnahmen. Insgesamt ein sehr rundes Soundgerüst, das dem Album gut zu Gesicht steht und eine gute Dynamik ermöglicht. "Fear Of The Fallen" begibt sich wieder in die moderneren Gefilde von HELLOWEEN, was durch die Handschrift von Andi Deris deutlich wird. Hier teilen sich er und Kiske die Vocals, was extrem viele Spielereien ermöglicht und wunderbare Melodiebögen kreiert. Allein der Mittelteil ist ganz große Klasse, der uns wunderschöne Harmonien spendiert. "Best Time" fusioniert praktisch den 80er Sound von HELLOWEEN mit 2021 und lässt ein spannendes Konstrukt entstehen. Insgesamt ein gediegener Track, der etwas runter fährt und sich eher dem melodischen Hardrock annähert. "Mass Pollution" ist ein klassischer Deris Track, der auf eine Portion Aggressivität setzt, moderne Elemente einbaut und in der Hook trotzdem verdammt catchy daherkommt. "Angels" nimmt leicht progressive Züge an, hält sich grundsätzlich eher im Midtempo Bereich auf, offenbart aber durchaus den ein oder anderen spannenden Rhythmuswechsel. Gerade in der Hook entsteht hier so eine wunderbare Dynamik, die hervorsticht. Ebenfalls ein Track, den Herr Kiske für sich beansprucht, nachdem Deris "Mass Pollution" zu veredeln wusste.

"Rise Without Chains" bewegt sich dann wieder in Richtung "klassischer Power Metal" mit viel Double Bass. HELLOWEEN verstehen es auf ihrem selbstbetitelten Album, die beiden Sänger perfekt miteinander zu kombinieren. So dürfen sich eure Ohren auf verschiedene Interpretationen der Refrains freuen, was dem Album insgesamt ein nicht zu unterschätzendes Frischesiegel spendiert. "Indestructible" ist dann leider das, was ich als einen Rohrkrepierer bezeichnen würde. Der einzige Grosskopf-Song auf der Platte weiß so gar nicht zu überzeugen, driftet sowohl textlich als auch musikalisch in die Belanglosigkeit ab. "We're indestructible cause we are one". C'mon HELLOWEEN, das könnt ihr besser! Für mich der klassische Streichsong auf der Platte, der bei Release sicherlich durch einen der fünf angekündigten Bonustracks ersetzt wird. "Robot King" entschädigt für diesen Sinkflug dann doppelt und dreifach. Ich rieche das Highlight der Platte! Weikath weiß einfach, wie man hymnischen Power Metal mit einer gewissen Prise Abgedrehtheit inszeniert. Sage und schreibe DREI verschiedene Hooks habe ich hier in den circa sieben Minuten wahrgenommen, eine beeindruckender als die andere. Hier klingen Kiske und Deris so, als würden sie schon seit Jahrzehnten als Duo gemeinsam auftreten, GROßES Kino und der Mittelteil lässt unweigerlich dicke Gänsepelle aufkommen! Wenn das nicht live gespielt wird, dann weiß ich auch nicht. Unter allen Journalisten kristallisierte sich der Track schnell als Favorit heraus. "Cyanide" ist zwar der kürzeste Song der Platte, aber mitnichten der langweiligste. Hier bekomme ich starke GAMMA RAY Vibes, wenngleich Hansen diesen Song nicht mal geschrieben hat. Alles in allem ein eher aggressiver Track, der mit einem hymnischen Charakter in der Hool veredelt wird. Gerade die verschiedenen Rhythmuspassagen innerhalb des Refrains lassen mich staunen und die Mähne sofort kreisen. "Down In The Dumps" sticht in ähnliche Gefilde wie "Robot King" und verbindet Melodie und Aggressivität miteinander. Doppelchorus mit aggressivem und melodischem Teil, wo erneut eine perfekte Arbeitsteilung stattfindet. Kiske und Deris in Kombination miteinander sind ein gigantischer Gewinn für die gesamte Metalszene. Ich will nicht zu weit vorgreifen, aber das wird dem ein oder anderen bei den neuen Songs im Livegewand Pippi in die Augen treiben.

Ich hoffe, euch hat der kleine Ausflug ins HELLOWEEN-Lager gefallen und wird euch im Juni genauso beglücken wie die zahlreich anwesenden Journalisten in der Listening Session. HELLOWEEN erfinden das Rad hier nicht neu, kombinieren aber die Stärken aller Protagonisten miteinander und das will was heißen bei einer ReUnion nach SO vielen Jahren. Der Star des Albums sind die Harmonien zwischen Kiske und Deris, die meine Kinnlade manchmal gen Boden haben fallen lassen. Hansen ließ uns auch wissen, dass sein gesamter Fokus auf HELLOWEEN gerichtet ist und GAMMA RAY erstmal hinten anstehen muss. Die Tour habe den Jungs gezeigt, dass die Band in dieser Besetzung funktioniert und man super miteinander harmoniert. Dementsprechend schnell war dieses Album geschrieben und macht Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft! Happy HELLOWEEN!


WERBUNG: Hard
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