Funeral-Doom-Reise: Etappe 12: Schweden

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 01.04.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Schweden

Eigentlich hat Schweden acht aktuelle Funeral-Doom-Bands zu bieten, aber eine müssen wir leider aus Gründen ihrer Nähe zur NSBM-Szene auslassen. Doch das bedeutet, wir haben sieben Bands zu besuchen. Also rein in die Beerdigungsstimmung!

DYSPHORIAN BREED

Den schwedischen Anfang macht David Fredriksson. Der ist DYSPHORIAN BREED. Das bedeutet Funeral Doom und Death Metal, eher abwechselnd als vermischt, wobei man meistens ein deutliches Übergewicht von Death Metal und einen eigenwilligen Halbklargesang bekommt. Zumindest auf der 2017 herausgebrachten EP „I Will See The Storm Arise“. Die beiden existierenden Alben sind bereits 2014 erschienen und fallen daher nicht in unseren Betrachtungszeitraum. Ohne ein Faible für Death Metal wird man hier jedenfalls nicht wirklich glücklich.

GRAVKVÄDE

Erst war es der Death Metal, nun der Black Metal, der den Funeral Doom verschmutzt. GRAVKVÄDE (dt.: Grabstein) sind Ezra, Domedag und Gravrot, die 2020 ihr zweites Album unters geneigte Volk bringen konnten. „Grav|Ruin“ heißt das schmerzverbitterte Ding und bringt eine volle Leichenwagenladung Depressive Suicidal Black Metal mit. Ein Genre, das schon namentlich wie gemacht scheint, um mit Funeral Doom vermengt zu werden. Schmerz, Leid, Verzweiflung, Schmerz, Hoffnungslosigkeit und noch mehr Schmerz. GRAVKVÄDE machen Musik bzw. Lärm für die zerrissensten aller Seelen!

LUMEN OCEANI

Wenn eine Band LUMEN OCEANI, also „das Leuchten des Meeres“ heißt, wird man von ihr nicht das finstere Ende der doomschen Verzweiflung erwarten. Damit liegt man dann auch sehr korrekt. Das 2015 erschienene einzige Album der Band, deren Mitglieder anonym bleiben, heißt „Errabundus Eram Regno Tenebrarum“ (dt.: Ich wanderte in das Reich der Dunkelheit“) und klingt zwar nicht entrückt, aber spirituell – im Genrevergleich eher nach der Rückkehr ins Licht als der Pfad ins Dunkel. Nichtsdestoweniger gibt es neben den himmlischen Gesängen auch Gutturalgrollen, aber die Melodien und die Gesamtstimmung bleiben im leichten bis gemäßigten Bereich des Funeral Doom. Es muss ja nicht immer schmerzverzerrte Dämonenfolter oder brutale Hochseestürme geben!

OFFERSTIGEN

OFFERSTIGEN (dt.: opfern) kommen aus einem schwedischen Örtchen namens Båstad. Und ihre Musik klingt auch wie ein Bastard aus Funeral Doom, Sludge und Black Metal. Ihr zweites Album „Vilde“ (dt.: wild) kam 2019 heraus und klingt schmerzhaft und schmutzig. Gelegentliches grässliches Black-Geschrei zerreißt den basslastigen, geradezu stoner-mäßigen Sludge-Doom-Alptraum, der einen einfängt und nicht so einfach wieder loslassen will. Der Klargesang dagegen geht mild und heilend ins Ohr wie Aloe Vera auf die Haut. Wer sich wünscht, dass das Genre mehr Knarzen und Dreck gebrauchen kann, wird bei OFFERSTIGEN fündig!

PISSBOILER

Im südschwedischen Småland haben sich Karl und Victor vor ein paar Jahren überlegt, ihre Band PISSBOILER zu nennen. Das ist ein sehr schöner Name, wenn man vor hat, Punk oder Grindcore in die Welt hinauszubrüllen. Da die beiden aber leicht deathlastigen Funeral Doom spielen, kratzt der Name doch wie eine rostige Tackernadel in der Netzhaut. Immerhin haben sie sich beim Titel ihres bisher einzigen Albums an die Vorgaben des internationalen Funeral-Doom-Komitees gehalten. „In the Lair of Lucid Nightmares“ (dt: im Versteck der bewusst erlebten Alpträume) erschien 2017 und macht in etwa einer Dreiviertelstunde eine Wanderung von den gemäßigt düsteren Atmo-Doom-Ebenen durch ein kleines Ambient-Tal auf den Berg des blackened Death-Krachs, um letztendlich in einer schier endlosen Drone-Wüste elendig zu verrecken. Wahre Allrounder!

SVAVELH

„2020“ ist doch eigentlich der perfekte Titel für ein Funeral-Doom-Werk. Die EP von SVAVELH (dt.: Schwefel) kam allerdings schon zu Beginn des schrecklichen Jahres heraus, also noch bevor sich der Doom über die Welt legte. Haben die Schweden die Zukunft vorhergesehen? Jedenfalls haben sie eine zutiefst schmerzverzerrte Traurigkeit abgeliefert, in der sich Riffing und Gitarrenmelodien geschickt die Waage halten, die überwiegend hervorragend extremen Gutturalvocals allerdings dominant im Vordergrund agieren. Dadurch bekommen SVAVELH eine große Portion Depressive-Suicide-Black-Metalligkeit, ohne sich musikalisch vom Funeral Doom zu entfernen. Besonderer Tipp für alle, denen das leiden im Genre sonst zu passiv ist!

THE FUNERAL ORCHESTRA

Für THE FUNERAL ORCHESTRA war 2020, das 18. Jahr ihrer Existenz, ein sehr produktives Jahr. Sie veröffentlichten ihr zweites und drittes Album. Das letztere, „Negative Evocation Rites“, schleppt, rauscht und dröhnt sich schwer und düster durch die Gehörgänge und die Psyche des Hörers und gehört zum anstrengenderen Ende des Funeral Doom, taugt aber dennoch als Atmosphäre erzeugende Hintergrundmusik. Sobald aber die Konzentration auf die Klänge wächst, wächst auch das induzierte Unwohlsein. Da will man gar nicht wissen, welches Übel hier beschworen wird!

Schweden ist abgegrast. Der Funeral Doom des skandinavischen Landes ist aufgebraucht. Doch schon in Kürze wenden wir uns Finnland zu – und man darf zurecht bezweifeln, ob es dort nur Stoff für eine einzige Etappe unserer Reise zu finden gibt.

Alle Etappen unserer Funeral-Doom Reise gibt es hier.


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