Funeral-Doom-Reise: Etappe 10: Belarus, Ukraine

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 18.03.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Belarus

Um die Souveränität von Belarus gegenüber Russland zu verdeutlichen, wird empfohlen, nicht von Weißrussland zu sprechen. Dem kommen wir gerne nach, wollen wir doch auf der zehnten Etappe unserer Reise nicht plötzlich allzu politisch werden, sondern uns dem Funeral Doom widmen.

BITTER THE PALE

Wieder einmal treffen wir zuerst auf ein Solo-Projekt. Nekkro ist BITTER THE PALE. Oder er war BITTER THE PALE, denn ganz klar sagen, ob das Projekt beendet ist, kann man aktuell wohl nicht. Da es unter diesem Namen auch nur eine einzige EP gab – „Three Pieces Of Sugary Scorn“ (2016) –, halten wir uns damit auch nicht sehr lange auf. Die EP bewegt sich zwischen Funeral Doom und Black Metal, mal langsam, mal schnell, keine Vocals und oft so auf das programmierte Drumming und Keyboardklänge reduziert, dass fast eher ein elektronischer Eindruck entsteht. Speziell. Experimentell.

REIDO

REIDO spielen in Minsk und zwar bereits seit 2002. 2019 erschien mit „Anātman“ das dritte Album. Der Titel bedeutet „Nicht-Selbst“ in der buddhistischen Lehre. REIDO stamme nicht von der Rune, sondern aus dem Japanischen und bedeute „Grad Null“. Und ein Gefühl von Kälte, von Gefrieren vermittelt auch die Musik. Der Funeral Doom ist mit Sludge angereichert und besticht durch sein Spektrum: von dräuender Ruhe bis tobender Härte, von kaltem Klargesang bis zum gewaltigen Gutturalgrollen. REIDO verstehen genau, was sie tun, und verdienen dein Ohr!

WOE UNTO ME

Als letzte Station in Belarus besuchen wir WOE UNTO ME (dt.: wehe mir) im Nordwesten des Landes. Die Band hat 2017 das knapp zweistündige zweite Album „Among The Lightened Skies The Voidness Flashed“ (dt.: Inmitten des erleuchteten Himmels blitzt die Nichtigkeit auf) veröffentlicht. Darauf hören wir eine nur lose auf Funeral Doom basierende Musik, die sich auch weitgehend in Post-Black-Metal-Sphären bewegt. Vor allem aber ist der Sound von WOE UNTO ME progressiv. Das reicht von einer leichten Verspieltheit bis hin zu deutlichen Jazz-Elementen. Das klingt derart eigen, gekonnt, sanft einlullend und beeindruckend, dass das belarussische Sextett zum Pflichtprogramm aufgeschlossener Funeral-Doom-Interessenten gehört. Ganz aktuell ist auch die EP „Spiral-Shaped Hopewreck“ erschienen. Reinhören!

Ukraine

Unsere Funeral-Doom-Reise führt uns nach Süden in die Ukraine. Ob dort ebensolche Schätze warten wie in Belarus, wird sich zeigen, wenn wir die fünf dort gefundenen Funeral-Doom-Projekte mit aktuellem Output genauer betrachten: drei Solo-Projekte, ein Duo und ein Sonderfall.

EGO DEPTHS

Volodymyr Kryuchkov alias Stigmatheist, der EGO DEPTHS im Alleingang betreibt, zog aus der Ostukraine nach Kanada. Wegen des lokalen Ursprungs des Projekts platzieren wir ihn auf unserer Reise nun hier. Sein letztes Album, das nicht als Kollaboration zu werten ist, erschien 2015 und heißt „Dýrtangle“. Alleinstellungsmerkmal ist der Wechsel aus fernöstlich Angehauchtem und dem arrhythmisch Psychedelischen. Wie ein Strudel aus Schrott, der einen einsaugt und mit einer Vielzahl überlagerter Geräusche langsam zermalmt. Das ist künstlerisch wertvoll, aber auf Dauer nicht leicht zu hören.

KOLOSS

In Dnipro wartet Großes auf uns. KOLOSS sind Eugene und Denis und damit für die aktuelle ukrainische Funeral-Doom-Szene schon wirklich groß. Doppelt so groß wie die anderen. Ein Duo halt und kein Solo-Projekt. 2020 erschien das zweite Album der beiden: „In Memory of H.P.L.“. „H.P.L.“ meint dabei natürlich den unvergessenen Meister des Horrors H. P. Lovecraft (Die kritische Auseinandersetzung mit seinem Weltbild wird empfohlen!). Entsprechend klingt die Platte auch vor allem nach Horror respektive nach einer antiquierten Variante von Horror. Dabei kommt insbesondere das Keyboard zum Einsatz. Wer also einen Soundtrack zum Lesen in Cthulhu-Geschichten sucht oder den Horror mag, den man noch „Grusel“ genannt hat, macht bei KOLOSS nichts falsch.

UNTIL MY FUNERALS BEGAN

UNTIL MY FUNERALS BEGAN (dt.: bis meine Beerdigungen begonnen haben), das ist Rumit, das ist Timur Mityukov. Er musiziert für sich alleine in Donetsk. Das Ergebnis ist ein ziemlich gelassener Funeral Doom, der zwar vergleichsweise Drum-lastig ist, aber ohne das typische Gutturalbrummen über ultratiefem Riffrauschen auskommt. Dafür lässt er sich Zeit im Aufbau und fällt auch gern im Laufe eines Songs zurück in ausgedehnte Atmo-Ambient-Parts. 2020 erschien die vierte LP mit dem Titel „Traitor“ – nichts Weltbewegendes, aber für Fans des sanfteren Funeral Dooms ein Verweilen wert.

ПРИП'ЯТЬ / PRIPYAT

Wenig ist bekannt über die Band (oder das Solo-Projekt?) ПРИП'ЯТЬ (entkyrillisiert: PRIPYAT). Es ist sogar gut möglich, dass ПРИП'ЯТЬ nur als ukrainisch gelten, weil der Ort, nach dem sie benannt sind, hier liegt. Es ist die Geisterstadt, die noch heute von der Kathastrophe um das Kernkraftwerk Tschernobyl zeugt. Das erste und einzige Album heißt „Tума́н“, was „Nebel“ bedeutet, und klingt neben Funeral Doom partiell stark nach Black Metal. Das Konzept klingt rund und fängt die Bedrohlichkeit und den Tod exzellent ein, der mit dem namensgebenden Ort verbunden ist, begibt sich aber auch in sakrale Klangbereiche. Unangenehm schön!

LUNA

Zum Abschluss geht es auf den Mond. Was nämlich die Wenigsten wissen, ist, dass LUNA nicht nur ein Hundename ist, sondern auch die römische Göttin des Mondes. Im ukrainischen Kyjiw (Kiew) trägt auch das Symphonic Funeral-Doom- und Death-Projekt von Anton Semenenko alias DeMort diesen Namen. Für den vollen Genuss von LUNA muss man schon einen großen Hang zu Keyboardklängen und computergeneriertem Orchestersound haben. Dann kann die passagenweise ungewöhnlich fröhliche Funeral-Doom-Musik tatsächlich Spaß machen – sonst eher weniger.

Das waren die gesammelten Werke des Funeral Doom aus Belarus und der Ukraine. Mehr gibt es nicht. Doch bevor hier Beerdigungsstimmung aufkommt, überlegen wir uns, wohin wir kommende Woche reisen mögen. Dann begeben wir uns nach Skandinavien: Dänemark, Norwegen und Island.

Bisherige Etappen auf der Funeral-Doom-Reise:

Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süd)

Etappe 2: Deutschland (Norden)

Etappe 3: Niederlande, Belgien, Luxemburg

Etappe 4: Großbritannien, Nordirland und Irland

Etappe 5: Frankreich

Etappe 6: Spanien, Portugal

Etappe 7: Italien

Etappe 8: Südost-Europa, Türkei

Etappe 9: Tschechien, Slowakei, Polen


WERBUNG: Hard
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