Funeral-Doom-Reise: Etappe 9: Tschechien, Slowakei, Polen

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 11.03.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Tschechien und die Slowakei

Einst ein Staat betrachten wir die beiden Nachbarländer Tschechien und die Slowakei heute auch gemeinsam, da die Region insgesamt nur drei aktuelle Funeral-Doom-Projekte aufzuweisen hat.

MISTRESS OF THE DEAD

Wir starten diese Etappe in Tschechien bei der Gebieterin der Toten: MISTRESS OF THE DEAD. Dahinter steht Vlad Cristea Vales, der 2018 sein fünftes Album „Beloveth Forever In My Thoughts“ veröffentlicht hat. Es klingt nach Schmerz und Trauer und entstammt den atmosphärischen, aber auch sakralen Winkeln des Funeral Doom. Die Klänge nehmen sich aber weit genug zurück, um als Stimmungsmusik im Hintergrund gut geeignet zu sein, sich nie aufzudrängen und selbst in den Orgel-Passagen nicht kitschig oder anderweitig lästig zu werden. Damit ist MISTRESS OF THE DEAD bestimmt nicht das aufregendste Projekt auf dem Markt, aber eine mehr als solide Empfehlung wert.

QUERCUS

Eine zweite Portion tschechischen Funeral Doom bieten QUERCUS. Das Pilsener Trio ist schon rund 20 Jahre aktiv und beweist diese Erfahrung auf vier LPs. Auf dem 2019 erschienenen „Verferum“ wird das Genre ohne Extreme bedient. Gutturalgesang, schweres Gitarrenspiel, minimalistische Drums, Orgelspiel und streckenweise eine Ruhe, wie man sie aus dem Atmospheric Black Metal kennt. Besonders hervorhebenswert ist aber vor allem die spannende Komposition, die symphonisch bis avantgardistisch ausfällt. Kein easy listening!

SAMSARA

SAMSARA ist der ewige Zyklus des Seins in mehreren indischen Religionen. SAMSARA sind auch ein slowakisches Quartett, das sich einer – ihrem Namen entsprechend – nicht übermäßig extreme Form des Funeral Doom verschrieben hat. Genretypisch erhalten wir auf dem ersten und einzigen Album „When The Soul Leaves The Body“ eine düstere Stimmung mit stimmungsvollen Gutturalvocals und einer gelungenen Ausgewogenheit von bedrohlichem Riffing und aufhellenden, meist aber nichtsdestoweniger traurigem Gitarrenspiel. Dies wie auch die gelegentliche akustische Gitarre und das geschickte Sampling ergeben ein sehr rundes Gesamtbild. Besser als die meisten Genrevertreter, sticht aber nicht durch besondere Auffälligkeiten hervor.

Polen

Sechs ist die Zahl der polnischen Funeral-Doom Bands und Projekte. Da das Land an der Ostsee durchaus bekannt für seine Extreme-Metal-Bands ist, dürfen wir hoffentlich auch von ihrem Funeral Doom einiges erwarten.

AILMENT

In Leiden, Krankheit und Beschwerlichkeit beginnen wir mit AILMENT (dt.: Gebrechen) alias Michał Krzysiak, der im östlich gelegenen Lublin ganz alleine vor sich hindoomt. Zumindest für ein Album lang. „The Lachrymal Sleep“ (bedeutet etwa: Der Tränenschlaf, aber ganz schön medizinisch) erschien 2017 und klingt nach der üblichen Trauermaximierung bei gleichzeitiger Reizminimierung – nur etwas knapper und roher als der Durchschnitt. Besonders gut: die Stimme, wie Wind, der durch eine dunkle Gruft rauscht, und das akustische Gitarrenspiel: weniger ist mehr!

GURTHANG

GURTHANG bedeutet „Todeseisen“, ist das Schwert von Túrin Turambar, einer Figur in Tolkiens „Silmarillion“, und ist auch der Name einer weiteren Funeral-Doom-Band aus dem polnischen Lublin – diesmal mit richtig viel Black Metal. Zu fünft brachte man dort 2019 das sechste Album in neun Jahren heraus. „Ascension“ (dt.: Aufstieg, Himmelfahrt) heißt die Platte, die allerdings so viel mehr im Black Metal zuhause ist als im Funeral Doom, dass wir ihr nur minimale Aufmerksamkeit schenken. Wer minimal angedoomten Black Metal mag, wird hier sicher Freude haben, alle anderen reisen mit uns weiter.

LIFELESS GAZE

In und um Katowice (Kattowitz) werden wir leblos angestarrt von einem Duo, das ebenfalls Funeral Doom mit Black Metal mischt. Bei LIFELESS GAZE halten die Genres aber ganz gut die Waage, wenn nicht sogar meistens der Doom überwiegt. 2018 brachten Michał und Michał, genannt Neithan, ihr zweites Album heraus. Langsam, rauschend, dröhnend, unsauber und anstrengend schleppt sich das ziemlich noise-ige „The Unbearable Darkness of Being“ unerträglich und dunkel durch seine Existenz. Hier dürfen wieder all jene einen längeren Halt auf der Reise machen, die ihren Funeral Doom mit bitterer Mühe gewaltvoll durch ihre Gehörgänge gezerrt haben mögen. Wirklich beeindruckend fies!

POSTMORTAL

Wesentlich entspannter geht es bei POSTMORTAL aus Kraków (Krakau) zu. Das Quartett arbeitet nur partiell mit grollenden Riffs und lässt den einzelnen Saiten viel Raum. Das Schlagzeug hält sich zurück, der Gutturalgesang sucht keine übermäßigen Extreme und wird auch mal von klar gesprochenen Worten abgelöst. Auf der 2018er Debüt-EP „Soil“ (dt.: Erde, Schmutz, Boden), der noch kein Album gefolgt ist, gibt es zwei große Stärken: das Gitarren- vor allem aber das Bassspiel, wenn es sich alleine in den Vordergrund begibt. Ein Tipp für alle, die es nicht zu extrem, aber basslastig mögen!

SUFFER YOURSELF

Ertrage dich selbst! Das könnte ein psycho-philosophisches Mantra sein. Erleide dich selbst! Das ist das Konzept von SUFFER YOURSELF. Gegründet von Stanislav Govorukha begann das Projekt in Polen, machte in der Ukraine halt und findet mittlerweile in Schweden statt. Das 2016 erschienene „Ectoplasm“ versetzt seinen Funeral Doom mit Death Metal. Das gibt der Traurigkeit noch eine gewisse Portion Extra-Wucht. Auffällig ist der Einsatz vielseitiger Techniken in den Vocals: vom üblichen Gutturalgesang über Kirchengesang, opernhaften Tönen und gesprochenen Worten bis hin zu Schmerzensschreien – allesamt gekonnt und nicht zu präsent, um die Doom-Stimmung zu trüben bzw. zu sehr aufzuhellen oder anders zu stören. Nicht schlecht!

THORNS OF GRIEF

Krzysztof Domański ist Nebiros, der einzige Kopf hinter THORNS OF GRIEF, denn wir beenden unseren Reiseabschnitt mit einem Solo-Projekt von der Ostseeküste, aus Gdynia nahe Gdańsk (Danzig). Ein erstes Album entstand 2019. „Anthems to My Remains“ kann man mit „Hymnen an meine sterblichen Überreste“ übersetzen. Hymnisch klingt da allerdings gar nichts. Vielmehr wird hier so lange in ein offenes Grab gestarrt, bis die Blicke minimal ins Totenreich hinüberreichen. Reduzierter Grunzgesang und schwere Riffing-Atmosphäre bei minimalem Schlagzeug – darüber heulen Gitarrensaiten, aber nicht zu dominant. Ein mindestens solides Mittelfeldwerk.

Alles findet ein Ende. Das ist traurig. Funeral Doom setzt dieser Trauer ein Denkmal. Auch diese Reise-Etappe geht nun zu Ende. Trauern muss man darüber aber nicht, denn es geht schon bald weiter. Dann reisen wir durch Belarus (Weißrussland) und die Ukraine.

Bisherige Etappen auf der Funeral-Doom-Reise:

Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süd)

Etappe 2: Deutschland (Norden)

Etappe 3: Niederlande, Belgien, Luxemburg

Etappe 4: Großbritannien, Nordirland und Irland

Etappe 5: Frankreich

Etappe 6: Spanien, Portugal

Etappe 7: Italien

Etappe 8: Südost-Europa, Türkei


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