Funeral-Doom-Reise: Etappe 7: Italien

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 25.02.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Italien

Natürlich wäre es ein gemeines Klischee, bei Italien nur an Pizza zu denken. Schließlich gibt es dort ja auch noch Lasagne – und Funeral Doom. Ganze 14 Bands und Projekte tummeln sich im Stiefel. Diese werden wir jetzt in alphabetischer Reihenfolge besuchen.

ENOCH

ENOCH ist eine biblische Gestalt, die vor ihrem Ende die Erde verlassen musste. Nach dieser entrückten Figur hat sich wohl auch die mailändische Band benannt, die zwar 2017 ein Demo herausgebracht hat, in das wir aber leider nicht reinhören konnten. Die wenigen Hörproben, die sich finden lassen, klingen sehr Death- sowie Heavy-Metal-lastig und roh bis underground-trve. Aber wer nicht gefunden werden will, den soll man auch nicht zu lange suchen, also schnell weiter.

ENTHRONED DARKNESS

ENTHRONED DARKNESS alias Nex und Spiritus Noctis haben ihre Wurzeln im Black Metal, der mittlerweile stark nach Verwesung riecht. Das ist zum einen darin begründet, dass sie sich zum Funeral Doom hin entwickelt haben, zum anderen daran, dass sie schon seit 2015 keine neue Musik mehr produziert haben. Damals erschien die dritte LP „Grim Symphony Of The Night“, auf der sich sakraler und naturbezogener Funeral Doom begegnen, die durch relativ schrilles Keyboard- und Orgel-Spiel gestört werden. Mancher mag das mysteriös-gruselig finden, manchem fallen davon die Zehennägel aus. Ich muss jedenfalls nicht so schnell wieder ins lombardische Lodi – jedenfalls nicht wegen ENTHRONED DARKNESS.

FORDOMTH

Vor einer Weile noch waren FORDOMTH tief im Funeral Doom verankert, mittlerweile hat das sizilianische Trio aber den Black Metal die Überhand gewinnen lassen. Gelegentlich gibt es aber noch wunderbar bedrohlich-böse Passagen aus dem Beerdigungs-Genre zu hören, weshalb FORDOMTH und ihr zweites Album „Is, Qui Mortem Audit“ hier zumindest eine kurze Erwähnung verdient haben.

FUNERAL OF GOD

In Ferrara gibt es ein mächtig trves Quartett – FUNERAL OF GOD –, das nur Demos herausbringt. Zuletzt erschien 2018 das sechste Demo „Becoming An Angry God“, das Funeral Doom mit Black Metal und Ambient mischt. Durch die aggressive Misshandlung der Instrumente entsteht eine schmerzliche Gewaltorgie, die zu beeindrucken weiß. Als hätte jemand schimmelnde Kotze in den Verstärker gegossen. Eine pure Provokation der Gehörgänge!

FUNERALE

Etwas westlich von Genua begegnen wir FUNERALE. Bestimmt habt ihr schon erraten, dass das einfach „Beerdigung“ auf Italienisch bedeutet. Die vierköpfige Band hat 2016 ihr drittes Album herausgebracht: „La lapide insanguinata“ – der blutige Grabstein. Klingt aber eher nach einer blutigen Lunge, die Lev Byleth da ins Mikro grunzhustet. Die Musik dazu ist sehr einfach gehalten. Das macht einen sehr eigenen Eindruck – wenn man nicht das Wort „amateurhaft“ benutzen möchte. Äh … ja … die Nächsten bitte!

FUOCO FATUO

In der Nähe der Schweizer Grenze kann man ein Irrlicht finden, denn das bedeutet FUOCO FATUO. „Backwater“ (dt.: verschlafenes Nest, Kaff) ist der Titel des aktuellen Albums, das 2017 erschien. Leider werden die Längen des ziemlich stark komponierten Werks nicht voll ausgespielt – Langsamkeit ist Trumpf! – und leider wird auch alles von einem unnötigen Rauschen überzogen. Ansonsten bringen FUOCO FATUO aber durchaus gelungenen Funeral Doom zustande – irgendwo zwischen Natur und Einsamkeit im Finstergrunzmodus.

IL VUOTO

Eines der Kernthemen des Funeral Doom ist das Nichts und eben so heißt auch das Ein-Mann-Projekt von Matteo Gruppi: IL VUOTO. Das neuere der beiden Alben trägt dazu den passenden Namen „Vastness“ (2019) – die Weite. Eben dieses Gefühl von unbeeindruckter und unbewerteter Existenz oder Nichtexistenz bringt die Platte auch rüber. Sogar sakrale Klänge, der eigentümliche Sprechgesang und das Stimmgrollen fügen sich gut in dieses Bild. Nur das Schreien reißt hin und wieder aus der Emotionslosigkeit. IL VUOTO gehört definitiv zu den stärkeren Vertretern der italienischen Funeral-Doom-Szene.

IN LACRIMAES ET DOLOR

In den letzten Jahren haben IN LACRIMAES ET DOLOR – lateinisch für „in Schmerz und Tränen“ nur noch Splits herausgebracht. Zuletzt 2020 gemeinsam mit den peruanischen SEPULTUS EST und den ukrainischen UNTIL MY FUNERALS BEGAN: „Ad Cenerem“. Ihr Beitrag dazu ist gitarrenlastig, etwas entrückt, etwas sphärisch und ihrem Namen treu mit femininem Weinen gesprenkelt. Das Grunzen ist ein wenig schal, aber insgesamt kann sich ein Ohr für das Quintett lohnen.

NOCTU

Kommen wir zurück zu Solo-Projekten und zwar wieder mal aus dem Mailand-Umland. Dort ließ Noctu mit seinem gleichnamigen Projekt NOCTU 2020 die zweite LP „Gelidae Mortis Imago“ erklingen. Düster, sakral, schwer, mitunter psychedelisch und dämonisch. Wer gern dämonische Psycho-Horrorfilme schaut, erhält hier ein musikalisches Äquivalent – und zwar ein sehr gekonntes. Das schleppende Leiern in manchen Passagen ist die perfekte Untermalung für einen Alptraum. NOCTU hat ein starkes Gespür für Stimmungsaufbau.

PLATEAU SIGMA

Wuchtiger geht es an der Grenze zu Frankreich zu. Dort entsteht der deathige Funeral Doom von PLATEAU SIGMA, bei denen drei der vier Musiker Vocals beisteuern. So gibt es neben den üblichen Growls auch gequält-verzweifelten Klargesang. Insgesamt pendelt die Musik des Quartetts weiter heraus aus dem Funeral Doom als hinein. Auf ihrer dritten Platte „Symbols – The Sleeping Harmony Of The World Below“ (2019) auch viel in klassischen Doom und Post-Metal hinein. Doch in der Kombination mit den Funeral-Doom-Parts ergibt das ein kunstvolles Gesamtbild, das gerade jenen nahegelegt sei, die sich im Angesicht der vollen Portion dauerhafter Depressions-Leere etwas zu doomed fühlen.

RESTLESS

Man kann den Gutturalgesang im Funeral Doom ja so weit herunterregeln, dass er wie der Wind an einer felsigen Bergspitze klingt. Und man kann es so weit übertreiben, dass er sich nur noch wie das unwillkürliche Knarzen knorriger Borke anhört. So geschehen auf dem ersten und einzigen Album der beiden Italiener von RESTLESS. Im Gegenzug dazu lässt das Duo Wald und Ulv den verspielten Gitarren – E- wie Akustik- – freien Lauf und erlaubt auch elfenhaften weiblichen Klargesang. Das klingt alles andere als abgedroschen, manchmal allerdings ein bisschen zufällig. Nichtsdestoweniger ein Reinhörtipp!

SCENT OF DARKNESS

Funeral Doom muss gar nicht nach Leiche müffeln – er kann auch nach Dunkelheit duften. Das wollen SCENT OF DARKNESS beweisen respektive der Turiner Moreo Gianluca, der hinter dem Projekt steht. 2020 kam das Debüt „Insanitude“, das mancherorts als LP. Mit einer groben halben Stunde Laufzeit sind wir im Doom doch aber eher bei einer EP. Allerdings hat diese Musik wenig Entrücktes, sondern geht insbesondere an den Gitarren ziemlich nach vorne. Auch die Creep- und die Grunz-Vocals sind enorm präsent. Das ist nicht schlecht, aber wohl überwiegend eher Death Doom als Funeral Doom.

VOID OF SILENCE

In seiner Funeral-Doom-Zuordnung ebenfalls verschwommen sind VOID OF SILENCE, die zusätzlich im Genre Dark Ambient verwurzelt sein sollen. Das mag auf dem vierten Album „The Grave Of Civilisation“ auch noch einigermaßen hinkommen. Bis zum vierten Album „The Sky Over“ (2018) haben sie aber einen gigantischen Sprung gemacht. Zwar behalten sie sich die Funeral-Doom-Basis, aber darüber liegen progressivere Instrumentennutzung und vor allem ein (meistens) überragender klassischer Gesang, der das Wort „Symphonic“ mit in den Genresalat werfen lassen möchte. Da die Musik nun von dieser Stimme beherrscht wird, werden sich an diesem opernhaften Stil die Geister scheiden, aber qualitativ hochwertig klingt das ohne Zweifel! Beeindruckend! Hört da rein!

Y'HA-NTHLEI

Der lange Italien-Abschnitt unserer Funeral-Doom-Reise endet dort, wo sie begann: in der Lombardei. Oder aber in der Tiefe des Meeres, in einer der Städte der großen alten Göttergestalten aus der Mythologie von Lovecraft, in Y'HA-NTHLEI. Dies ist ein Ein-Mann-Projekt, das sehr kratzig-rohen, insbesondere stimmlich vom Black Metal beeinflussten, rifflastig-schweren, außerordentlich düster-grollenden Funeral Doom spielt. Das passt wie die Faust aufs Auge, wie die Tentakel ins Gesicht, wie die großen Alten in die Tiefe des Meeres. Cthulhu fhtagn!

Italien hat offenbar ein beeindruckendes Spektrum in Sachen Funeral Doom zu bieten. Da ist doch für jeden was dabei, oder nicht? Nächste Woche geht es dann jedenfalls in Südosteuropa weiter mit unserer Funeral-Doom-Reise.

Bisherige Etappen auf der Funeral-Doom-Reise:

Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süd)

Etappe 2: Deutschland (Norden)

Etappe 3: Niederlande, Belgien, Luxemburg

Etappe 4: Großbritannien, Nordirland und Irland

Etappe 5: Frankreich

Etappe 6: Spanien, Portugal


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