Funeral-Doom-Reise: Etappe 5: Frankreich

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 11.02.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Frankreich

Zuletzt haben wir auf unserer Suche nach Funeral Doom die britischen Inseln abgegrast, nun geht es von dort aus weiter in den Süden, nach Frankreich. Wenn man etwas über französischen Metal sagen kann, dann dass er nicht stehengeblieben ist. Immer wieder gibt es Neues und Aufregendes aus dem schönen Land. Ob uns wohl auch im Funeral Doom außergewöhnliche Experimente erwarten? (Die Reihenfolge der folgenden Bands und Projekte ist nicht geografisch oder qualitativ, sondern alphabetisch.)

ABYSMAL GROWLS OF DESPAIR

Den Auftakt machen ABYSMAL GROWLS OF DESPAIR – funeral-doomiger geht’s namentlich nicht! – aus Toulouse, ein Ein-Mann-Projekt von Hangsvart, der uns bei ARRANT SAUDADE auf der vierten Etappe in Großbritannien schon einmal begegnet ist. Sein Output ist derart hoch, dass eventuell schon eine neue Platte erschienen ist, während diese Zeilen geschrieben werden. Ende 2020 kam jedenfalls die 21. LP „Mogroth Jordaven Molkagaal“ heraus, die jedoch eher entferntes Ambient-Getöse als Funeral Doom enthält. Auf dem keine zwei Monate zuvor erschienenen „Eternity Lies Blackened“ gibt es allerdings stimmlich fein eingeschwärzten Funeral Doom mit ordentlich Drone-Einschlag – bzw. abgründiges Knurren der Verzweiflung.

ARCHAIC MANTRA

Willkommen erneut in Frankreich! Warum erneut? Weil Sainte Vermine etwas typisch Französisches tut: Er nimmt Metal und macht etwas ganz anderes daraus. Für sein Projekt ARCHAIC MANTRA bedeutet das, das er nicht nur Gitarren, Drums und vielleicht ein wenig Synthesizer aufnimmt, sondern dass Percussion, Didgeridoo, Flöten und tibetanische Klangschalen hinzukommen. Entsprechend folkig geht es auf der zweiten EP „Asceticism“ (2018) auch zu: Ritualhaft inszeniert wird hier der funeral-doom'sche Nihilismus zum naturverbundenen Minimalismus. Einladend, sich hineinzulegen, sich hinzugeben, sich aufzugeben, wie das satte Grün des Mooses im Wald.


ATARAXIE

Begeben wir uns in die Normandie, wo ATARAXIE in unerschütterlichem Gleichmut deathigen Funeral Doom spielen. „Résignés“ heißt ihr 2019 erschienenes viertes Album, das erneut beweist, wie viel lebendiger, wenn auch dadurch etwas weniger zugespitzt, eine Platte klingen kann, an der eine ganze Gruppe von Musikern gearbeitet hat. Dafür wird allerdings der Pfad des Doom (leider) auch schon mal für eine deutlich schnellere Abkürzung verlassen. Der Name ATARAXIE mag metallisch-heftig klingen, ist aber das Gefühl der Seelenruhe, wie es die Stoiker zum Erlangen echter Freude anstreben. Nach Seelenruhe klingen die französischen ATARAXIE allerdings überhaupt nicht!

DEVEIKUTH

In der Provence kam 2019 das zweite Album von DEVEIKUTH heraus. Das schmerzverzerrte Drone-Dröhnen mit den ruhigen Drums hört auf den Namen „Cadavre“ und sei neben dem Funeral Doom auch dem Crust zuzuordnen, wofür mir allerdings die Punk-Elemente zu zurückhaltend bleiben. „Very slightly blackened“ trifft es vielleicht besser, allerdings sind damit die gern ins Chaotische mündenden schnelleren Parts nicht abgedeckt. So liefern Alexinister und Zero ein typisches, aber in Komposition und untröstlichem Gesangsgeheule hervorstechend starkes Genrewerk ab. Wer nicht jedes Jahr auf einen Frühjahrsputz besteht, könnte DEVEIKUTH lieben!

DIGENVEZ

DIGENVEZ spielen weitgehend im Rahmen der funeral-doom'schen Genregrenzen. 2020 erstmals in Erscheinung getreten überzeugt die Ein-Kopf-Band von Emzistruj mit Regen, kehligem Grollen, kratzigem Grundsound und präsenten Gitarren, die dem Doom eine gewisse urbane Geschäftigkeit verleihen im Kontrast zum sonst meist sehr natürlichen und dem typischen Void-Abyss-Nihilismus. Ein Bild eines Friedhofs zwischen tristgrau-unbeseeltem Hochhausbeton mag sich abzeichnen – durchaus gelungen, aber nicht hervorstechend im Genre.

DISJECTA MEMBRAE

Das Projekt DISJECTA MEMBRAE von Asmael LeBouc, dem wir in Kürze auch bei FUNERALIUM erneut begegnen werden, hat 2017 nach acht Jahren eine zweite EP bzw. ein zweites Demo erhalten: „De Exorcismis Et Suplicationibus Quibusdam Liber I“ – ein Titel fast so lang wie die Platte. Auf ein zweites Buch aus den versprengten Teilen des Ganzen („disiecta membra“) warten wir noch. Interessant wäre es allemal, mehr von diesem musikalisch nicht außergewöhnlichen, aber stimmlich bemerkenswerten Funeral Doom zu hören: Wie Besessene oder gar untote Kreaturen creep-gurgelt Asmael sich folternd durch das kleine Stückchen Hölle. So schön wie eine blutige Eiterpickel-Eruption.

EXHUMED SOULLESS

Wer ohne Seele vergraben wird, kann auch nur ohne Seele wieder ausgebuddelt werden. Das musste auch Sainte Vermine (ja, der von ARCHAIC MANTRA weiter oben) feststellen und benannte gleich sein Projekt und die bisher einzige dazugehörige EP danach: EXHUMED SOULLESS. In Ultra-Zeitlupe gurgelgrunzend verbaut der sonst vor allem im Death Metal beheimatete Franzose typisch sakrale und untypisch folkige Elemente in seinem mitunter fast zu Noise tendierenden Funeral Doom. Manchmal kann man sich fragen, ob er sein Valium mit LSD gestreckt hat. Faszinierende, wenn auch eher anstrengende Musik.

FUNERALIUM

Bei FUNERALIUM – Captain Obvious' Vorschlag für einen Funeral-Doom-Bandnamen – Treffen wir unter anderem Musiker von ATARAXIE und DISJECTA MEMBRAE wieder. Zu fünft entstand 2017 das dritte Album „Of Throes And Blight“. Ein Werk, das mit ungeheurer Kraft, Wucht, Gewalt ein unglaubliches Fehlen von Kraft, Hoffnung, Glück ausdrückt. Nicht selten ist der Funeral Doom stark von Black Metal beeinflusst, was zur Verzweiflung auch eine Wut-Komponente addiert, die jedoch durch die beeindruckenden Please-let-me-die-Vocals nicht die Überhand gewinnen kann. Doch es kommen auch noch düstere Grawls in die Mixtur und ab da empfehle ich dann einfach jedem geneigten Hörer die eine oder andere Stunde in FUNERALIUM zu investieren – denn sie sind das grandiose Gegenteil von langweiligem Funeral Doom!

GREY NOVEMBER

Marieke und Cédric in Paris. Was für den Romcom-geplagten STB-Leser vielleicht nach einer schnöden Liebesgeschichte klingen mag, ist das Projekt GREY NOVEMBER, das schon seit 1998 existiert. 2018 ist das dritte Album „L'autre mort“ – der andere Tod. Durch den klaren Gesang der Symphonic-Metal-Sängerin und das dunkelmystisch eingeflüsterte Französisch geht der Stil des novembergrauen Duos stark in eine Gothic-Richtung – also eine Art romantisiert-melancholische Form der Depression. Man muss die ungewöhnlichen GREY NOVEMBER nicht unbedingt mögen, aber genau für solche Abweichungen von der Normalität der Genres kann man die französische Metal-Welt nur lieben.

KNO3

Ein Funeral-Doom-Projekt, dessen Titel nicht nach der nihilistischen Leere abgründiger Verzweiflung klingt? KNO3 ist Kaliumnitrat, unter anderem ein Hauptbestandteil von Schwarzpulver. KNO3 ist aber auch das Funeral-Death-Doom-Projekt von Terpomele. Mit nur einer EP („Through The Mouth Of The Grotesque“ (2016)) wirkt das Ganze eher wie ein etwas zielloses Experiment, das mal sakral, mal ambientig, mal grunzgrollend, mal klassisch, mal mit Sprechgesang verschiedene Winkel des Genres erkundet. Die Stimmung passt präzise, aber so richtig hineinfallen lassen kann man sich in KNO3 eher nicht. Dazu dürfte die Vielseitigkeit der EP gerne auf ein bis zwei LPs gestreckt werden.

PLAGUEPRAYER

Der liebe gute Hangsvart – den kennen wir schon von ABYSMAL GROWLS OF DESPAIR und ARRANT SAUDADE – ist auch der eine, einzige Kopf hinter PLAGUEPRAYER, ein Projekt, das nur mit viel Wohlwollen als Funeral Doom aufgefasst werden kann – oder auch nur als Musik. Naturgeräusche, Weinen, Krächzen, Regen, Gebetsvorträge, schamanische Anrufungen, weiblicher Klagegesang rückwärts, bösestes Gutturalgrollen – aber keine Instrumente. Wer hat's erfunden? Natürlich, ein Franzose! Wahrlich eine faszinierende Abwechslung vom üblichen Funeral Doom!

SEKTARISM

Lasst uns noch mal in Toulouse vorbeischauen. Denn dort haben SEKTARISM 2018 ihre dritte LP „Fils de Dieu“ (auf deutsch: „Gottes Sohn“) herausgebracht. Das Quartett orientiert sich also an religiösen Themen, wenngleich mich auch das Gefühl beschleicht, dass es sich dabei nicht um kirchliche Lobgesänge handelt. Vielmehr dürfen wir nach einer langen Ambient-Einleitung eine meist sehr reduzierte, rohe, schleppende Tortur voller starker Kompositionsarbeit erleben. Die halb klaren, halb schwarzen Vocals provozieren das Trommelfell, aber oft bleiben sie im Hintergrund. Auch SEKTARISM sind ein klarer Reinhörtipp!

THE AUSTRASIAN GOAT

THE AUSTRASIAN GOAT ist ein Solo-Projekt von Julien Louvet alias The Goat, der auch in der Funeral-Doom-Band YRSEL aktiv ist. Austrasien ist keine Mischung aus Australien und Asien, sondern war ein nordöstlicher Teil des Fränkischen Reichs im sechsten bis achten Jahrhundert. Was die sich dieser Region zuschreibende Ziege zuletzt veröffentlicht hat, ist eine EP mit dem Titel „Snowing Reason“ (2017). The Goat ist eigentlich dem Funeral Doom und dem Black Metal zuzuordnen, experimentiert aber gerne. So klingt das aktuelle Werk eher nach einer Electro-Drone-Mischung mit Ambient-Einschlag. Mit älterem Output werden Funeral-Doomer sicherlich glücklicher, wenngleich dort auch schon stark experimentell gearbeitet wurde.

WASTES

WASTES bringen uns noch einmal nach Paris, bevor wir Frankreich nach Südwesten verlassen werden. Dieses Solo-Projekt gehört Laurent Chaulet, der auch mal im Line-Up von FUNERALIUM stand. Es gibt nicht mehr als die 2017er LP „Into The Void Of Human Vacuity“ – in die Leere der menschlichen Belanglosigkeit. Seufz. Ist Funeral Doom nicht wunderschön? WASTES schenken uns einen nicht ungewöhnlichen Abschluss unserer Frankreich-Etappe: tiefe Grawls, verzweifelte (DS)BM-Schreie, übliche Drums, recht präsenten Bass und ziemlich kreatives, mitunter fast psychedelisches Gitarrenspiel. Das klingt weniger nach bedeutungsloser Leere als nach zerrissenem (Selbst-) Hass – der ist aber exquisit!

So also klingt der aktuelle französische Funeral Doom. Suhle dich gern noch ein wenig in der nihilstisch-depressiven Beerdigungs-Langsamkeit, aber dann ruhe dich aus. Denn bald schon geht die Reise weiter nach Spanien und Portugal.

Bisherige Etappen auf der Funeral-Doom-Reise:

Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süd)

Etappe 2: Deutschland (Norden)

Etappe 3: Niederlande, Belgien, Luxemburg

Etappe 4: Großbritannien, Nordirland und Irland


WERBUNG: Hard
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