Flusensieb #32 – 10 kurze Platten-Reviews

Veröffentlicht am 21.04.2020

Das Flusensieb ist bei Stormbringer.at der Ort, an dem fast übersehene Platten noch eine Chance bekommen, ein wenig Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dieses mal gibt es progressive Prahlerei an den Instrumenten, stressig schnelle Langsamkeit und Klänge, die einen wie ein 16-jähriger Jungspund rocken lassen. Außerdem eine Besteckschublade in der Waschmaschine, Gehirnzellen schädigende Nachrichten, eine Wirbelsäule, die beim Moshen aus dem Rücken bricht, und Trip-Hop-Dubstep-Gefilde mit Post-Stempel. Nicht zu vergessen ein Höhepunkt im Befreiungskampf von der unsäglichen Diktatur der klangästhetischen Gefälligkeit, kurzer Tech-Death und Burnoutprävention. Viel Spaß!

 


 

ARONIOUS – Perspicacity

Was lange währt, wird endlich großartig! Neun Jahre haben sich ARONIOUS (auf Deutsch etwa „absolut falsch“) aus Wisconsin (USA) seit ihrer Gründung Zeit gelassen, um ihre erste LP zu veröffentlichen. Und „Perspicacity“ merkt man eben diese Zeit auch an. Präzise ist jeder Ton des hervorragend komplexen Technical Progressive Death Metal ausgefeilt. Da passt auch der Albumtitel, der übersetzt „Scharfsinn“ bedeutet, wie ein Stick aufs Becken. Tempowechsel, exquisites Growling und geradezu Prahlerei an den Instrumenten machen dieses Debütalbum zu einer expliziten Empfehlung für alle, die Brutalität, Technik und Kreativität gern gleichzeitig hören. Das ist Kunst und schmeckt trotzdem vorzüglich! (jazz)

 


 

NAUTHIK – Araganu

Doom dröhnt durch die Gassen Kölns. Die Art Doom, die das Blut in den Adern gefrieren lässt, bei dem die Hoffnung in verzweifelten Todesschreien verlischt. NAUTHIK bringen ihr Debütalbum „Araganu“ heraus. Die Musik steigert sich von quälend langsamen Tönen in eine gewaltige dunkle Welle, die nicht bricht, sondern in ihrer kalten schwarzen Größe über die Welt hinwegwalzt. Dazu erklingen überwiegend solide Death-Growls oder auch geflüsterte Worte und streuen Angst in die schlichte Gewaltigkeit. Der Stimmungsaufbau gelingt gerade durch das Gefühl der allgegenwärtigen Steigerung exzellent. Im Gegensatz zu anderem Doom gibt es hier auch Tempo, was geradezu zu Stress führen kann. Beeindruckend! (jazz)

 


 

SILVERSTEIN – A Beautiful Place To Drown

Aktuell sind SILVERSTEIN auf 20. jähriger Jubiläumstour und lassen einen doch wie einen 16-jährigen Jungspund rocken. „A Beautiful Place To Drown“ feiert fetten Gitarrensound und rockige, gut tanzbare Ohrwurmgaranten. „Bad Habits“ haben die Herren ganz sicher nicht, feiern Sie doch auf den Bühnen ordentlich ab. Als Album steht es wie ein Brett, in der Gesamtansicht der Band gibt es kaum nennenswerte Veränderungen bei diesem Release. Klar kann man darüber meckern, nur welche Band erfindet sich nach 20 (!) Jahren neu? Es sind die altbewährten Dinge, die uns wohlfühlen lassen.“Where Are You“ – „every second is a lifetime“. (SV)

 


 

T.O.M.B. – Thin The Veil

Wo fängt wahre Underground-Trveness an? Wie versuchen Musiker einen Fähigkeitenmangel zu kaschieren? Wann ist eine Lärm-Orgie große Kunst? T.O.M.B. scheinen mit ihrer sechsten LP diese Fragen zwar nicht stellen zu wollen, liefern aber einen bezeichnenden Beitrag zu ihnen, indem sie ein deutliches Beispiel dafür setzen, wie schwer diese Fragen zu beantworten sind. „Thin The Veil“ rumpelt und vor allem scheppert wie eine Besteckschublade in der Waschmaschine – kann aber mit weniger spannenden Überraschungen aufwarten. Das kann man durch die nur bedingt passenden Zusätze Industrial und Noise zu ihrem Black Metal begründen, aber fairer wäre, es einen bewusst krachig-rohen Sound zu nennen. Lärm! (jazz)

 


 

GLAUKOM SYNOD – Ectoplasmic Revelations

„This recording contains subliminal messages, that kann severely damage brain cells in case of repeated listenings!“ Das mag wie ein alberner Spruch klingen, könnte bei „Ectoplasmic Revelations“ von GLAUKOM SYNOD jedoch der Wahrheit entsprechen. Das ist weder Rock noch Metal, sondern irgendwas zwischen Noise, Industrial, Elektro und Ruhestörung. Garniert mit Adjektiven wie experimentell, avantgardistisch, anarchisch und fürchterlich. Was jedoch für den Portraitmalereiafficionado wie eine widerliche Fratze anmutet, kann jenseits des begrenzten Horizontes bzw. jenseits des mainstream-metallischen Ästhetikverständnisses durchaus ein faszinierendes Stückchen Kunst darstellen. Versuch's mal! (jazz)

 


 

UNMERCIFUL – Wrath Encompassed

Ein Blick in die Gesichter von UNMERCIFUL zeigt, dass ich mich keinen Millimeter trauen werde, etwas Schlechtes über diese Band zu schreiben. Deswegen würde ich auch niemals behaupten, dass ihr wirklich überaus brutaler Brutal Death Metal für meinen Geschmack etwas zu roh ist. Als würde man Leichenteiletennis in einem Raum voller rostiger Kreissägen spielen, aber in völlig wahnsinnigem Vorspultempo. Die Lyrics sind erstaunlich klar, die Instrumente beeindruckend präzise. Gesang und Schlagzeug geben der dritten LP „Wrath Encompassed“ auch Elemente von Oldschool Death mit, die aber technisch weit über dem Slam-Metal-Schnitt liegen. Also mosht bis die Wirbelsäule aus dem Rücken bricht! (jazz)

 


 

UNREQVITED – Mosaic II

Depressing and uplifting – so beschreibt William Melsness, der Schöpfer des Ein-Mann-Projektes UNREQVITED, sein neues Werk „Mosaic II“. Für die Genre-Fetischisten unter uns die Eckdaten: Das dritte Album des Kanadiers ist im Atmospheric Post Black Metal angesiedelt, schielt aber auch immer mal wieder in die Post-Rock-Richtung. Das Zusammenspiel mit elektronischen Elementen bis hin zu Noise-Passagen und Synthie-Einstreuungen sorgt für Mystik und eine dichte Atmosphäre. Selbst Exkurse ins Trip-Hoppige und in Dubstep-Gefilde lassen sich auf dem Album finden und heben die Experimentierfreude von Melsness zusätzlich hervor. Wer auf Atmosphärisches steht, sollte definitiv ein Ohr riskieren. (AO)

 


 

ULVEBLOD – Omnia Mors Aequat

Natürlich gibt es nicht wenige Menschen, die Black Metal als ganzes Genre mit dem Label „unerträglicher Krach“ versehen mögen, aber selten hätten diese Menschen mehr Grund dazu als beim ersten Album „Omnia Mors Aequat“ von ULVEBLOD. Dieses Folterinstrument ist avantgardistischer, experimenteller oder auch brutal chaotischer Black Metal mit erheblichem Noise-Einschlag. Jedes gesunde Gehör sollte hierbei seinem Besitzer sofort befehlen, jedes Tonabspielgerät der Welt zu verbrennen. Kranke Masochisten finden in dieser zweifelhaften Kunst allerdings vielleicht einen neuen Höhepunkt im Befreiungskampf von der unsäglichen Diktatur der klangästhetischen Gefälligkeit. Nicht schön, aber stark! (jazz)

 


 

ERGODIC – Ergodic

Eine knappe Viertelstunde hochwertigen Technical Death Metal servieren uns ERGODIC auf ihrer Debüt-EP „Ergodic“. Drei Songs voller Geschwindigkeit und Können, voller deutlich übersolidem Gebrüll und stets interessanter Spielereien. Ihre Kürze soll unsere Kürze sein und so gibt es hier nur eine schnelle, aber sehr respektvolle Erwähnung für dieses interessante Projekt, das nun in North Carolina seiner ersten Schritte in die Welt macht. Das fesselt! Das macht Spaß! Bitte mehr davon! Gerne bald dann in voller Länge! (jazz)

 


 

INSECT ARK – The Vanishing

In Zeiten der bewussten Burnoutprävention bekommt Doom einen therapeutischen Aspekt. So liefern auch INSECT ARK mit „The Vanishing“ ein grob-zartes Heilmittel gegen Stress mit etwas mehr als homöopathischer Sounddichte und Wirkung. Selbst will das US-amerikanische Duo sich „Psychedelic“ vor den Doom schreiben, führt als Einfluss aber nur „Whiskey“ auf, was ich ihnen gerne glauben mag, da ihr Sound zwar tief ins Hirn eindringen kann, aber keiner Vergleiche mit psychotropen Substanzen bedarf. Ohne Bedrohlichkeit und Stimme transportiert das Insektenschiff das Verschwinden trotz musikalischer Gewaltigkeit. Zur gelungenen akustischen Ästhetik gesellt sich ein passend hochwertiges Albumcover. (jazz)

 


 

Mehr Flusensieb!


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