Covid-19 - eine Branche steht still

Veröffentlicht am 17.03.2020

Eigentlich hätten wir euch gerne einen fundierten Artikel über die Auswirkungen der Restriktionen für Veranstaltungen präsentiert, zu welchem Zwecke wir uns im Laufe der vorigen Woche mit einigen branchenrelevanten Vertretern aus verschiedensten Bereichen, von der großen Agentur bis zum kleinen selbständigen Tontechniker, unterhalten haben. Doch dann kam alles anders.

Noch am Dienstag der Vorwoche schockierte die Ankündigung, vorläufig keinerlei „Großveranstaltungen“ mit mehr als 100 Personen indoor und maximal 500 Personen outdoor mehr zuzulassen, die Konzertveranstalter von Wien bis Vorarlberg. In Windeseile wurden die Notprogramme bei allen Veranstaltern angeworfen, Strategien zur Limitierung ausgearbeitet und Pläne zur Verschiebung und Neustrukturierung des Spielplans entwickelt:
 



„Bei Problemen muss erst mal jeder den Ernst der Lage einsehen und dann wieder möglichst die gleichen Ziele haben. In unserem Geschäft sind Absagen absolut tabu, daher muss gemeinsam mit den Musikern und der Crew, aber auch mit Managements, Busfirmen, dem Club, und Backline-Vermietern geredet werden, um einen neuen Zeitraum zu finden und quasi unbezahlt das bereits gebuchte nochmal zu machen. Was manchmal schwierig sein kann, was Verfügbarkeit oder auch den Willen anbelangt. Denn es wurde oft bereits von Allen schonmal viel Zeit und Geld investiert und letzteres wurde jetzt halt in den Sand gesetzt. Zudem haben manche schon andere Termine im Kalender. Es ist wirklich wichtig, dass jeder so flexibel wie nur möglich bleibt und ohne Drama macht was gemacht werden muss.“
- Roman Hödl (District 19, Europäische Künstleragentur, Veranstalter von uA Eindhoven & Vienna Metal Meeting)

„Im Vordergrund steht bei uns, keine Termine abzusagen sondern für alle Termine einen Ersatztermin zu finden!
Die Schwierigkeit darin ist die neuerliche Terminkoordination. Unser Veranstaltungskalender ist bis Ende Dezember 2020 prall gefüllt
und es stehen uns nur sehr wenige Ersatztermine zur Verfügung (WE-Termine so gut wie gar keine).
Ähnlich sieht es natürlich auch bei den Künstlern/Agenturen aus. Bei einigen geht es etwas leichter aber zum Teil sind unsere Künstler
auch schon für 2021 ziemlich ausgebucht.
Die Zusammenarbeit mit den Agenturen, Künstlern und externen Veranstaltern funktioniert wunderbar und wir werden es schaffen für alle
Termine einen Ersatztermin anbieten zu können.“

- Petra Rodens (Booking & Veranstaltungsmanagement, Veranstaltungszentrum KOMMA Wörgl)

„Als Plan B haben wir mal die Vorverkaufstickets limitiert, um im Notfall den gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen, gleich absagen wollten wir dann auch nicht, weil ja noch nicht klar ist, wie lange die Sperre sein wird und wie die Situation in einem Monat ist. Aber wir haben auch noch einen Plan C, falls es wirklich dazu kommt.
Sonst alle erledigten ToDos rückwärts durchgehen und schauen, was man noch wie stoppen bzw. verzögern kann, in unserem Fall bis auf Gastro und ein paar Kleinigkeiten ist alles bereits bezahlt. Ich bin froh, dass wir alle so Listen-Monks sind – es war eigentlich anhand der Dokumentation schnell erledigt, vorallem ist es ja auch nur eine Show. Bitter ist halt, dass wir ein paar Tage vor dem Event eine riesige Drucksortenbestellung aufgegeben haben, die können wir uns wahrscheinlich am Bauch hauen.“

- Christine Cizek (Leitungsorgan Kulturverein Animals Mosh Harder)

„Zuallererst galt es natürlich, unsere Fans zu informieren und auf dem neuesten Stand zu halten, schließlich haben die ja bereits in großer Zahl Tickets gekauft und sich auf einen tollen Abend mit uns gefreut. Wichtig ist auch festzuhalten, dass die Konzerte nicht abgesagt, sondern nach Möglichkeit verschoben werden. Erste Ersatztermine sind bereits gefunden, die Veranstalter leisten hier wirklich tolle Arbeit.
Jetzt gilt es möglichst schnell Ersatztermine zu finden und die Fans diesbezüglich auf dem Laufenden zu halten. Wir arbeiten einerseits fieberhaft an Lösungen, andererseits können wir, was insbesondere die Shows in Deutschland betrifft, eigentlich nur zuwarten.“

- Tobias Jussel (Sänger/Keyboarder, THE WEIGHT)
 



Die sich überschlagenden Ereignisse und Ankündigungen immer neuer Restriktionen machten jedoch auch diese Erstmaßnahmen und weiterführenden Bemühungen sehr bald zunichte. Beinahe im Stundentakt änderte sich die Lage, die sich von einem kompletten Veranstaltungsverbot über Schließung aller öffentlicher Einrichtungen bis hin zur kompletten Ausgangssperre, einem de facto Erliegen des kompletten öffentlichen Lebens entwickelte. Womit vom großen Konzertveranstalter bis hin zum kleinen, selbständigen Techniker auf einmal wirklich jeder betroffen war – nicht nur ein wenig, sondern in vollem, existenzbedrohenden Ausmaß. Ein Domino-Effekt, deren endgültige Auswirkung kaum abzuschätzen ist...
 


Wann werden wir das wohl wieder sehen...? (COPERNIQUO, Rockhouse Salzburg, 2020)
 



„Von Hundert auf Null bedeutet keine Herausforderung. Stillstand... Sämtliche Betriebsausgaben sofort aufs Minimum reduziert - keine Einnahmen, aber die Betriebsausgaben für Versicherungen (an erster Stelle SVA) und Mieten bleiben. Ein wirtschaftliches Fiasko wenn nicht subventioniert wird.“
- Wolfgang Krug (Selbständiger Veranstaltungstechniker und Musiker, Sägewerk13, WOLLVIEH)

„Im Komma gibt es nur 4 fest angestellte Mitarbeiter (2 Vollzeit und 2 zu 50%) der Rest unserer Mitarbeiter arbeitet auf selbständiger Basis.
Techniker (Licht und Ton) (2-3 Personen)
Hands / Helfer für Auf- und Abbau (2 Personen)
Gastronomiemitarbeiter (2-4  Personen)
Securities (pro 100 Gäste – 1 Person)
Kassapersonal (2 Personen)
Hausmeister (1 Person)
Organisationsteam (3 Personen)
Da kann sich dann wohl jeder ausrechnen, was für ein Verlust es ist, wenn weit mehr als 10 Veranstaltungen in den nächsten Wochen bei uns im Komma abgesagt werden. Und
einige unserer Mitarbeiter arbeiten auch noch für andere Veranstalter und da wurden auch alle Termine bis vorläufig 14. April abgesagt.“

- Petra Rodens (Booking & Veranstaltungsmanagement, Veranstaltungszentrum KOMMA Wörgl)

„Ich bin selbständig, aber arbeite mit vielen anderen kleinen Firmen zusammen, da trifft es gleich mehrere. Das fängt mit den Bands und deren Crew an, und geht dann über die Clubs und dem Personal, über Grafiker bis zum Buchhalter und schlussendlich trifft es auch die Plattenfirmen. Denn wenn nicht gespielt wird, verkaufen die zB auch viel weniger Platten. Magazine schalten weniger Anzeigen, die Getränkefirmen verkaufen weniger Bier.  Shall I continue?
Ich erwarte da leider mehrere Monate an Problemen und nicht nur einen. Denn auch wenn der Bann in einem Monat wieder geliftet wird, so bleibt der Vorverkauf-Schaden, denn momentan sind leider nur die Fanatiker noch wirklich motiviert Konzertkarten zu kaufen.
Wie groß der Impact ist wird sehr von der Größe der Location und der zu zahlenden Miete & Mitarbeiter abhängen.“

- Roman Hödl (District 19, Europäische Künstleragentur, Veranstalter von uA Eindhoven & Vienna Metal Meeting)

„Wir müssen hier einfach schauen, was auf uns zukommt, um dann flexibel zu reagieren. Unsere Planungen für die nächsten Monate sind jedenfalls für den Hugo.
Mit dieser Situation hatten wir natürlich nicht gerechnet, doch schon unser Albumtitel IN CONTROL wie auch das dazugehörige Cover verweisen auf die Illusion, alles immer im Griff zu haben. Letztlich kann so etwas wie diese Pandemie immer passieren! Was zu tun ist, werden wir jetzt intern besprechen.“

- Tobias Jussel (Sänger/Keyboarder, THE WEIGHT)

„Man muss sagen wir sind ein ehrenamtlicher Verein und die Veranstaltungen zu 100% im Vorfeld ausfinanziert. Bei uns verdient keiner Geld damit und somit hängen auch keine Existenzen mit dem Verein zusammen. Würde die Sperre verlängert werden, und unsere Veranstaltung damit gekickt werden: Back to Zero, die nächste Veranstaltung müssten wir dann wieder privat vorfinanzieren und hoffen, dass nix is. Das kickt halt automatisch ein paar Ideen die wir im Kopf hatten. Indirekt, also abseits des Vereins betrifft es zwei Mitglieder von Animalsmoshharder.
Dort bricht von heut auf morgen die Existenzgrundlage weg. Das ist das Schlimmste was der so schon finanziell oft sehr angeschlagenen Branche noch gefehlt hat. Diesen glücklichen Fall wie wir haben, dass die Veranstaltung ausfinanziert ist, das hat ja kaum ein Veranstalter in Österreich. Und die ganzen kleinen Veranstalter haben ja alle keine VA-Haftpflicht, das zahlt sich (außer die Betriebsstätte verlangt es) ja nicht aus.“

- Christine Cizek (Leitungsorgan Kulturverein Animals Mosh Harder)
 



Düstere Aussichten sind es, die uns das gerade erst so wirklich gestartete Jahr 2020 präsentiert. Alle, wirklich alle Clubs, auch jene die nicht schon bei Ankündigung des Veranstaltungsverbotes – so wie der Viper Room in Wien, der vorsorglich auf unbestimmte Zeit seine Pforten schloss – die Reißleine zogen, sind geschlossen. Ein Betrieb der Stätten ist momentan in keiner denkbaren Konstellation möglich, da jede nicht lebenswichtige Branche eingefroren wurde. Die finanziellen Folgen des kompletten Shutdowns sind kaum absehbar und auch was danach kommt, ist zur Stunde, in der jedermann noch paralysiert von der rasenden Entwicklung ist, nicht wirklich fassbar. Alleine die Frage, wie man die entstandenen Schäden abfedern könnte und wer letztendlich für den herben Einschnitt aufkommen soll, wird quer durch alle Branchen die Leute noch länger beschäftigen – Galgenhumor hin oder her...
 



„AMS...??? (Ah ja, Arbeitslosengeld gibt’s ja für Selbstständige nicht sofort) Aber wer Autokonzerne und Banken rettet steht jetzt doppelt in der Pflicht!“
- Wolfgang Krug (Selbständiger Veranstaltungstechniker und Musiker, Sägewerk13, WOLLVIEH)

„Wir gehen davon aus, dass wir die Kosten hierfür tragen werden.
Aber wir hoffen, dass es für unsere externen, auf selbständiger Basis arbeitenden Mitarbeiter, eine Unterstützung von Seiten der Regierung geben wird!“

- Petra Rodens (Booking & Veranstaltungsmanagement, Veranstaltungszentrum KOMMA Wörgl)

„Mein Schaden ist jetzt nach nur einer Woche schon fünfstellig. Da in diesem Business die Kosten und Umsätze leider sehr hoch sind und die Gewinnspannen niedrig, schaut‘s leider wirklich nicht gut aus. Auswirkungen auf mein Business wird es wenig bis keine haben, denn es ist halt das gesparte was jetzt leider drauf geht. Ich hätte das lieber für was anderes ausgegeben.
In der Branche wird sich auf Dauer nicht viel ändern. Vielleicht schrumpft sie sich sogar gesund, dann gibt’s nachher einige Konkurrenten weniger und die Fans haben auch wieder mehr Lust auf Konzerte. Oder wir haben Pech und es gibt in 9 Monaten eine Geburtswelle. Dann bekommen noch weniger als jetzt den Arsch hoch.
Wird schon wieder. Vorher halt besser nicht bewegen, wenn man rasiert wird ;-)“

- Roman Hödl (District 19, Europäische Künstleragentur, Veranstalter von uA Eindhoven & Vienna Metal Meeting)

Wir hoffen, dass möglichst alle in der Branche ihre Arbeit nach Beruhigung der Lage fortsetzen werden können.
Es schaut im Moment zwar alles sehr trist aus, aber man darf sich nicht unterkriegen lassen. Die vielen Generationen vor uns sind mit ganz anderen Problemen fertig geworden. Wir werden die Zeit nützen, um im Proberaum an neuen Songs zu arbeiten.

- Tobias Jussel (Sänger/Keyboarder, THE WEIGHT)

„Vielleicht bringt es die Leut zum Nachdenken, was passiert, wenn auf einmal wirklich alles an Freitzeitoptionen weg ist, wenn nicht drei Konzerte zur Auswahl stehen und Kino und Theater nicht immer dann verfügbar sind und sie sind dann umso motivierter, wenn sie wieder raus dürfen und die kleinen Shows können sich dann vor lauter motivierten Gästen kaum retten. Wäre zumindest schön. Realistisch gesehen glaube ich, dass da einige nicht mehr wieder kommen werden, leider. Mir tut es im Herzen weh, wenn ich grad sehe wie Leut, die teilweise seit Jahrzehnten kämpfen und nicht aufgeben wollen, ihre Existenz und ihr Lebenswerk verlieren.“
- Christine Cizek (Leitungsorgan Kulturverein Animals Mosh Harder)
 


 


Und wann dürfen sich Bands wieder so bejubeln lassen? (HOMELESS KINGS, Rockhouse Salzburg, 2018)

Sollte wieder alles so werden wie es einmal war, was wir an dieser Stelle einfach einmal hoffen wollen, so bleibt neben enormen finanziellen bis existenziellen Sorgen und Nöten vor allem auch eines zurück: Das Gefühl, wie es war, auf einmal von jeglicher „Unterhaltung“, die über einen sterilen Bildschirm hinaus geht, abgeschnitten zu sein. Vielleicht sehen wir alle das als Warnung, aber auch als Chance, dass gerade Veranstaltungen mit Live-Musik eine Kultur sind, die es unbedingt zu erhalten gilt.

Wenn ihr das auch so seht, dann würden wir euch bitten, wenn ihr es irgendwie entbehren könnt, gerade bei kleineren Veranstaltungen auf die Rückerstattung eurer Tickets zu verzichten, dass ihr damit vielleicht den einen oder anderen kleinen, unabhängigen Veranstalter vor dem Ruin bewahrt. Und vielleicht schaut ihr in Zukunft neben den Konzerten größerer, bekannter Bands auch öfter einmal bei einem dieser kleinen Events in eurer Nähe vorbei und kauft den dort auftretenden Bands eine CD oder ein T-Shirt ab – auch wenn sie vielleicht nicht so professionell klingen wie die Hochkönige des Heavy Metal. Es erhöht die Chance diese ganze Vielfalt auch zu erhalten, auf die wir aktuell verzichten müssen.

Bis dahin – bleibt zuhause & gesund!


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