Flusensieb #27 – 10 kurze Platten-Reviews

Veröffentlicht am 12.02.2020

Wieder einmal fängt das Flusensieb auf, was vom Tisch der überarbeiteten Stormbringer-Redakteure gerutscht ist. Mit dabei ist diesmal der schwarze Okkultismus dunkler Kuttenträger, die Symptome eines Cartoonisten, eine Wanderung durch kanadische Klanglandschaften, wuchtiger Sound ohne echte Fehler und ein bezauberndes Stückchen Krachgewalt. Doch damit ist noch nicht genug! Wer jetzt weiterliest, bekommt auch noch ein wunderbares Stückchen Kunst von Déhà, strömenden Regen zwischen sturmgepeitschten Bäumen, unterkomplexen Todeskrach, mitreißenden Elektro mit Einstiegshürde und Sympho-Synth-Groove. Viel Spaß!

 


 

DARKEND – Spiritual Resonance

DARKEND spielen Symphonic Black Metal, den sie selbst „Extreme Ritual Metal“ nennen. Bei mittlerer Zugänglichkeit taucht der Hörer bald in die mächtige, mitunter epische, aber nie zu glatte Kraft von „Spiritual Resonance“ ein und findet sich in einem Kreis dunkler Kuttenträger wieder. Mit gewaltiger Stimme wird man hier auf einen schwarzen Okkultismus eingeschworen. Will der ein oder andere sich anfangs vielleicht noch wehren, weil ihm die ungehobelteren Anteile etwas zu thrashig durch die Gehörgänge kratzen, werden auch sie sich bald der Stärke dieser italienischen Urgewalt hingeben. Kompositorisch, technisch, stimmlich liefern DARKEND mit ihrem vierten Album ein prächtiges Stück Metal ab! (jazz)

 


 

THE TEX AVERY SYNDROME – Origin

Woosh! Mit der Energie von SUICIDE SILENCEs Mitch Lucker (R.I.P.), einem Unterton von MACHINE HEAD und einem Hauch Post-Hardcore à la LA DISPUTE spielen THE TEX AVERY SYNDROME (nach Cartoonist Tex Avery) einen hervorstechenden Metalcore, der Hoffnung für das Genre schöpfen lässt, zu dem man heute lieber sagt: Modern Metal mit Hardcore-Elementen. Würde Metalcore allerdings häufiger von so fähigen und un-stereotypen Bands wie TTAS bespielt, wäre das Wort ein Kompliment und kein heikel umschifftes Riff. Das Frankfurter (a. M.) Quintett unter der Führung der beeindruckenden Vokalistin Laura Gierl debütiert mit seiner „Origin“-Story in LP-Länge und macht dabei Lust auf noch viel mehr. Bäääm! (jazz)

 


 

ARCTOS – Beyond The Grasp Of Mortal Hands

Atmosphärischen Black Metal präsentieren die 2014 gegründeten kanadischen ARCTOS auf ihrem Erstling „Beyond The Grasp Of Mortal Hands“ und damit eine vertonte Kälte des Nordens, die von melodischen Gitarren umschmeichelt wird. Untergemengt werden Blastbeats, Keyboard- und Klavierklänge, Growls, mehrstimmiger Sprechgesang und eine Prise Death. ARCTOS beweisen eine gewisse Erfahrung und ein Gespür für abwechslungsreiches und modernes Songwriting. Im Mittelteil lässt die Spannung zwar ungewollt etwas nach, spätestens mit dem finalen „The Light Beyond The Sky“ wird diese aber wieder angezogen. Ein erstklassiges Debüt, ich freue mich auf die nächste Wanderung durch Kanadas Klanglandschaft. (AO)

 


 

PINEWALKER – Migration

Knarzig-dröhnend walzt Mothra durch das Dickicht vor Salt Lake City, USA. Doom, Sludge und ein Schwung Death Metal erfüllen die Klänge auf „Migration“, obwohl der Stil wohl eher Heavy-Metallern gefallen könnte, als den Freunden extremerer Spielarten. Bis zu diesem ersten Album waren PINEWALKER als YETI unbekannt. Großen Ruhm wird ihnen dieses Debüt auch nicht einbringen. Zwar ist die Platte sehr geeignet, um die eine oder andere Runde hintergründig für ansprechenden Lärm zu sorgen, aber übermäßig kreativ oder im Gedächtnis haftenbleibend ist sie nicht. Doch ich habe nicht wirklich etwas zu meckern, denn der wuchtige Sound hat keine direkten Fehler. (jazz)

 


 

ACATHEXIS – Acathexis

Als die Debüt-LP „Acathexis“ von ACATHEXIS sich erstmals an meine Trommelfelle schmiegt, überfällt mich eine musikalische Verliebtheit, die mich stutzig werden lässt. Habe ich tatsächlich ein Projekt von Déhà (SLOW) verpasst? Tatsächlich hat sich das Musik-Genie aus Belgien mit zwei anderen Könnern aus Argentinien und den USA zusammengetan und beglückt meine frohlockenden Ohren mit Black Metal vorzüglichster Art. Wer an großem, atmosphärischem, brutalem, aber nicht unmelodischem Schwarzmetall der feineren Produktionsart Freude hat, sollte dieses bezaubernde Stückchen Krachgewalt nicht an sich vorbeiziehen lassen, sondern tief in die Klänge von ACATHEXIS eintauchen – kopfüber und mit Anlauf! (jazz)

 


 

OFDRYKKJA – Gryningsvisor

Bitte eine Großpackung Halspastillen in den traurigen Zauberwald liefern! Darin sitzen OFDRYKKJA und kombinieren uralte Folk-Klänge mit Depressive Black Metal, der aber auch gerne mal ins Atmosphärische oder auch Post-Black-Metallische hineinwandern darf. Die dritte Platte der Schweden hört auf den mehr oder weniger eingängigen Namen „Gryningsvisor“ und ist jenseits des Metals sehr genießbar. Langsame Gitarrentöne und ein liebliches Stimmlein entführen in mystische Naturwelten. Der Black Metal hingegen wurde wohl im strömenden Regen zwischen sturmgepeitschten Bäumen aufgenommen, anders ist das Rauschen kaum nachvollziehbar. Also eine wirklich schöne Platte, in der aber der Metal etwas nervt. (jazz)

 


 

CONVICTORS – Atrocious Perdition

Ohne Vorwarnung walzt eine Armee von Orks durch deinen Gehörgang. Nicht die hochaufgelösten CGI-Orks aus dem modernen Mainstreamkino, sondern etwas einfachere Keulenschwinger mit etwas weniger Dreck, dafür aber mehr Wut. So fühlt sich der unverfälschte Death Metal auf dem zweiten CONVICTORS-Album an. „Atrocious Perdition“ ist unverspielt, gradlinig und hart, geht aber im Gegensatz zu vielen anderen Oldschool-Death-Metal-Platten nicht in knarzigem Rumpelrauschen unter. True, original und underground kann man halt auch sein, ohne mit rostigen Nägeln übers Trommelfell zu kratzen. Für meinen Geschmack ist der süddeutsche Todeskrach zwar etwas zu unterkomplex, aber die brutale Energie beeindruckt! (jazz)

 


 

VOICE OF RUIN – Acheron

Mit „Acheron“ legt die Schweizer Formation VOICE OF RUIN ihren dritten Langspieler vor, der zusammen mit Henrik Udd und Fredrik Nordström (SOILWORK, IN FLAMES) in Göteborg aufgenommen wurde. Zwar liefert das Quartett mit feinstem Riffing, ordentlich Groove und Abwechslung im Tempo reichlich Komponenten, die es zu einem gelungenen Album braucht, richtig zünden und auf Dauer packen kann mich „Acheron“ aber nicht. Genre-Freunde können bedenkenlos zugreifen, einen wahren Meilenstein sollte man aber nicht erwarten. Eine starke Weiterentwicklung traue ich VOICE OF RUIN aber durchaus zu, an Potential mangelt es hörbar definitiv nicht. Anspieltipps: „Rotting Crows“ und „Mass Grave“. (AO)

 


 

NORTHLANE – Alien

Schluss mit schnödem Metalcore! Das dachten sich die australischen NORTHLANE, als sie ihr fünftes Album „Alien“ schrieben, auch wenn sie ihre Musik wohl nie schnöde genannt hätten. Machtvoll, vielschichtig und alles andere als unkompliziert ist die neue Platte eine verschachtelte, mitunter sogar anstrengende Mischung aus progressivem Alternative Metal, gewaltigem Elektro (Trance, Industrial, EBM und mehr) und modernem Metalcore. Die für NORTHLANE nicht ungewöhnliche Komplexität erreicht einen neuen Höhepunkt, sodass trotz mitunter fast poppiger Passagen eine große Einstiegshürde zu überwinden ist. Je elektronischer die Klänge, desto mitreißender werden sie. Gebt „Alien“ mehr als eine Chance! (jazz)

 


 

INFECTED RAIN – Endorphin

Nach zwei intensiven Arbeitsjahren präsentieren INFECTED RAIN mit „Endorphin“ ihr viertes Werk, auf dem mit der Gesellschaft abgerechnet wird. Die Moldauer vereinen eingängige Melodien und den bandtypischen Groove mit dem wunderschönen Cleangesang von Frontfrau Elena Cataraga (die Stimmfarbe der Shouts ist wohl Geschmackssache) und erzeugen damit ein starkes Grundgerüst. Dazu gibt es noch Synthesizer und symphonische Elemente; ein breites Spektrum also und genau dieses wird ihnen zum Verhängnis. Zu viel wird hier gewollt, um auf lange Sicht noch zu funktionieren, weshalb zwar durchaus einige einnehmende Momente kreiert werden, das Ganze aber zu überladen wirkt. Weniger wäre hier mehr. (AO)

 


 

Mehr Flusensieb!


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