Flusensieb #26 – 10 kurze Platten-Reviews

Veröffentlicht am 15.01.2020

Das Flusensieb fängt nun wieder in der Nicht-Mini-Variante jene Platten auf, die von den großen Stapeln auf den Schreibtischen der Stormbringer-Redakteure gerutscht sind. 2020 startet nun also wieder mit zehn statt drei Reviews im Flusensieb. Diesmal führt uns der Pfad der metallischen Klänge durch Nicht-NDH und stimmgewaltig Ungeschliffenem, vorbei an Depression und Selbstverwirklichung, an Apfelbaumstämmen und an fein verziertem Mamor, Richtung illusorischer Kontrolle und starker Gitarrenarbeit. Außerdem mit dabei: kernkompetenter Thrash, Chlorreiniger für die Psyche und irgendwas aus dem Saarland. Viel Spaß!


 

IHRESGLEICHEN – II

Der Name IHRESGLEICHEN weckt die Erwartung, man würde Neue Deutsche Härte serviert bekommen. Die süddeutsche Truppe klingt aber sehr nach Metal: etwas Power, etwas mehr Prog, vor allem aber eine gewaltige Extraportion Skurriles. In deutscher Sprache gibt es reichlich Anspielungen, die auch vor Neuer Deutscher Welle oder Kinderliedern nicht halt machen und dennoch nie wirklich ins Alberne verzerren. Dazu eine eigenwillig leicht mittelalter-rockige Stimme. Das Album „II“ ist ein Re-Release, des bald 10 Jahre alten zweiten Albums „Deutscher Stahl“ und heute wie damals große musikalische Kunst einer viel zu unbekannten Band. Für 2020 sei dann ein neues Album in Planung. Ich freue mich drauf! (jazz)

 


 

TOTAL HATE – Throne Behind A Black Veil

Wenn der Opener „Psychopath“ heißt, ist klar, wo es heute langgeht. Tief in Richtung Black Metal mit den Franken TOTAL HATE. Seit 19 Jahren verbreiten sie gute, ähm, negative Laune und bringen mit „Throne Behind A Black Veil“ ihr 4. Album auf die Altäre der Nation. Im Prinzip bleiben sie ihrer Vorliebe für Satan, Tod und Düsternis treu, jedoch im Vergleich zum Vorgänger weniger ungeschliffen. „Raven Wings & Witchcraft Spells“ lebt von Adrastos Stimmgewalt und irritiert durch den kaum verständlichen Sprechgesang im Hintergrund. Etwas mehr Speed kommt mit „Death Raid Apocalypse“ durch die Boxen und die noch verbliebenen Nackenwirbel werden mit dem fast 8 Min langen „Venomed Seed“ plattgemacht. (SV)

 


 

KORA WINTER – Bitter

Bitte drehen Sie den Freak-Faktor von THE HIRSCH EFFEKT um 30% herunter, die Verständlichkeit dafür um 30% hoch, behalten sie die Energie bei und drücken Sie noch einmal auf die Eingängigkeits-Tube! Zack, fertig: KORA WINTER! Das bedeutet mitnichten, dass das Berliner Quintett wie ein Abklatsch daherkommt. Vielmehr kann der musikalische Bereich von Post-Hardcore und Djent bis Avantgarde und Progressive Metal immer starke neue Platten gebrauchen. Dazu gehört das Debütalbum „Bitter“ von KORA WINTER auf jeden Fall. Wer sich wirklich hineinfallen lassen mag, darf hier im verwirrten Hoffnungs-Schmerz einer Generation baden, die zwischen Depression und Selbstverwirklichung taumelt. (jazz)

 


 

THE ALLMAN BETTS BAND – Down To The River

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – die Söhne von Gregg Allman und Dickey Betts (beide ALLMAN BROTHERS BAND) liefern waschechten Southern Rock mit Wohlfühlgarantie ab. „Down To The River“ ist das Debutalbum von THE ALLMAN BETTS BAND, aber wenn man sich die Band anschaut, kann da ja gar nix schiefgehen: Berry D. Oakley, Johnny Stachela und einige andere Mitglieder der ALLMANN BROTHERS. Ob nun mit „All Night“ oder „Down To The River“, wer auf echten Southern Rock steht wird hier auf seine Kosten kommen. Ein bisschen Gospel (in „Try My Best“) darf auch nicht fehlen auf einer Reise durch einen entspannten Abend mit diesem Album. (SV)

 


 

EPITAPHE – I

EPITAPHE schlagen ihr Kapitel „I“ auf, die quasi namenlose Debüt-LP des französischen Quartetts, und es breitet sich eine Welt aus Schmerz und Schönheit vor dem inneren Auge des Zuhörers aus. Doom und Death Metal verquicken zu einer gigantischen Wand aus scharfkantigem dunklen Gestein und fein verziertem Marmor. Scheint sie den Betrachter in einem Moment noch mit kolossalen, aber nie groben Felsen erschlagen zu wollen, lockt sie mit der bezaubernden Ruhe, Tiefe und Kraft einer Tropfsteinhöhle. So wechseln sich beeindruckende Gewalt und erstarrende Leere, niederringende Wucht und elegante Ästhetik ab. Seit längerem eines der bemerkenswertesten Alben seiner Art. Danke, gerne mehr davon! (jazz)

 


 

RAZOR PUNCH – Tell Me Your Secret

„Love It Or Leave It“ – knüppelharter Hard Rock mit Schlagseite zu Metal und ein wenig Punk - fertig ist RAZOR PUNCH. Seit 2011 bestehend, kommt jetzt erst das Debüt „Tell Me Your Secret“. Die Nordlichter sind halt gemächlich, liefern dann aber ein rundes Ding ab. Ob AC/DC oder wie in „Revolution“ ein bisschen GUNS N' ROSES, die Einflüsse des Rock sind fix ausgemacht. „Falling Forever“ hat einen ganz besonderen Beat. Bei „Take A Ride“ möchte man den Motor jaulen und den Fahrtwind die Haare (falls vorhanden) zerzausen lassen. Die Texte von RAZOR PUNCH kommen aus dem Leben und es werden keine Blümchen drüber gekippt. Also hoch die Becher, „Out And About“ und Kontrolle ist eine Illusion. (SV)

 


 

MORS SUBITA – Human Waste Collection

„Aller guten Dinge sind drei“, dachten sich wohl auch MORS SUBITA und Out Of Line Music, denn zur Feier ihrer Unterbringung beim Label wurde die „Human Waste Collection“ veröffentlicht, die ihre drei bisher veröffentlichten Alben und zwei exklusive Bonus-Tracks enthält. Egal, in welches Album man zuerst reinhört, geboten werden jedes Mal reichlich Tempo mit leichtem Thrash-Einschlag, feinste Gitarrenarbeit, Doublebass und garstiges Gekeife bis zu tiefen Growls. „Human Waste Compression“ ist das härteste Album, „Degeneration“ das melodischste und „Into The Pitch Black“ geht Richtung Modern Metal. Eine erstklassige Sammlung, die in keinem gut sortierten Melo-Death-Regal fehlen sollte. (AO)

 


 

WAR CURSE – Eradication

Vom kleinen Scharmützel zum handfesten Frontalangriff. War die letzte Scheibe „Final Days“ noch im guten Mittelmaß durch den sehr gleichbleibenden Songaufbau und somit einer gefühlten Endlosschleife, haben sich WAR CURSE dieses Mal auf „Eradication“ mehr einfallen lassen. Die Kernkompetenz Thrash Metal passt nun vollständig in die Kanonenladung der Herrschaften, während dezent mehr Abwechslung (im instrumentalen Bereich und im Songaufbau) und der ein oder andere Gastsänger das Artilleriefeuer auch an richtiger Stelle zum Einschlag bringen. Laden – Zielen – Feuer! Das Thrash-Konzept geht auf und „Eradication“ bringt mehr Schwung und einen gern gesehenen thrashigen Arschtritt unters Volk. (lisi)

 


 

VISCERAL DISGORGE – Slithering Evisceration

Das Leben könnte der kindlich verspielte Glückstanz auf duftenden Frühlingsblumenwiesen sein. Ist es aber nicht. So richtig nicht! Das Leben ist anstrengend, hart und frustrierend. Am liebsten möchte man manchmal seine Wut einfach am nächstbesten Trottel auslassen. Sollte man aber nicht tun. Echt nicht! Und deswegen gibt es Brutal Death Metal. Quasi hochkonzentrierter Chlorreiniger für die Psyche. Einige der fähigeren Produzenten dieser therapeutischen Klänge nennen sich VISCERAL DISGORGE und haben mit „Slithering Evisceration“ ihre zweite LP auf dem Markt. Eine knappe halbe Stunde Lärmexzess mit humorvollem Extra am Ende. Das ist nicht schön, aber das soll so, funktioniert und hilft. Top! (jazz)

 


 

FROM FALL TO SPRING – Disconnected

Das Saarland ist zwar nicht groß, macht aber eines richtig gut: Es bringt qualitativ hochwertige Musik hervor, die oft das schon Dagewesene mit dem gewissen Etwas toppen kann. Dieses Mal überdauern die Jungs von FROM FALL TO SPRING den Winter mit überaus frischem und wohltuendem Alternative Metal. Was in einigen Kreisen als Pop Punk bezeichnet wird, tut sich auf der EP „Disconnected“ ganz klar durch eine spaßige Spielweise, hochwertige Qualität und erfrischendes, abgestaubtes Songwriting hervor. Ein hohes Maß an Energie und Dramatik in den Songs paart sich hierbei mit eingängiger Dynamik und macht „Disconnected“ innerhalb des Genres zu einem hörenswerten Glanzstück, das nach mehr schreit! (lisi)

 


 

Mehr Flusensieb!


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