Moralisches Fehlverhalten von Musikern – ist mir egal

Veröffentlicht am 17.10.2019

Dieser Kommentar soll einen möglichst neutralen Anstoß zur Diskussion leisten, wie die Rock- und Metalszene sich zu politischen und moralischen Fehltritten öffentlicher Personen verhält und welche Handlungsmöglichkeiten mit welchen Konsequenzen verbunden sind. Er soll idealerweise zum gemeinsamen Nachdenken darüber anregen, wie sich jeder von uns dazu positionieren möchte.

Gerade weil das Spiel mit „dem Bösen“ seit je her fester Bestandteil der Metalkultur ist, sollte man nicht undifferenziert alles feiern, was darunterfällt. Es gibt durchaus Unterschiede zwischen künstlerischer Freiheit und rebellischer Provokation auf der einen Seite und ernstzunehmendem Fehlverhalten durch welches Menschen zu Schaden kommen auf der anderen. Wer diese feine Linie ignoriert, zieht sich aus der Verantwortung. Aber nur in der persönlichen Wahrnehmung, denn durch unsere individuellen Entscheidungen - oder das Unterlassen von Entscheidungen - prägen wir das Gesamtbild einer Szene, deren Außendarstellung wiederum auf jeden Einzelnen zurückwirkt, der oder die sich mit ihr identifiziert. Die oft gestellte Frage, „Was geht mich das an, ich höre doch nur die Musik?“ beantwortet sich damit von selbst. Tut sie das nicht? Dann könnte es sich lohnen, weiterzulesen.

Wenn man moralisch Verwerfliches im Metal-Kontext thematisiert, kommt man um das Thema Rassismus schlecht herum. Und an dieser Stelle ist es hilfreich, erst einmal zu klären, was gemeint ist. Denn genau das, was nicht gemeint ist, wird gerne als Scheinargument angeführt, warum man selbst überhaupt nicht betroffen sei und folglich nichts tun könne:

1. Musik mit extrempolitischem Hintergrund – ist nicht gemeint
Der eindeutigste Fall ergibt sich daraus, dass sich auch am äußersten rechten Rand angesiedelte Gruppierungen traditionell gerne des Mediums härterer Gitarrenmusik bedienen. Die dazugehörigen Festivals unterscheiden sich von Metalfestivals deutlich durch ihren Fokus auf politische Inhalte und werden teilweise sogar als politische Kundgebungen angemeldet. Das ist offensichtlich kein Problem der Metalszene, auch wenn einzelne es krampfhaft zusammenrühren wollen.

2. MusikerInnen, die falsch verstanden werden - die wollen nur spielen
Einen klar davon abzugrenzenden Bereich stellen Musikschaffende dar, die durch die Art ihrer Musik oder die darin behandelten Themen (nordische Mythologie, Kriegsromantik oder die ironische Überspitzung von Elementen des Nationalsozialismus) – gebilligt oder teilweise auch entschieden ungewollt – zu einer gewissen Beliebtheit in rechtsgerichteten Kreisen gekommen sind. Genauso häufig besteht auch überhaupt kein irgendwie gearteter realer Zusammenhang und dieser wird von szenefremden Medien lediglich künstlich konstruiert um schmissige Schlagzeilen zu produzieren. Häufig werden diese Interpreten nicht müde, ihre künstlerischen Entscheidungen zu Erklären und müssen sich dauerhaft entweder für Entgleisungen ihrer Fans rechtfertigen oder dafür, was ihnen durch Mainstream-Medien angedichtet wird. Darum soll es also auch nicht gehen.

Worüber wir stattdessen sprechen sollten: Hass und Gewalt in unserem "Wohnzimmer"
Während man die beiden zuvor genannten Fälle als „missbräuchliche Aneignungen“ interpretieren könnte, treffen – offene oder verklausulierte – ernstgemeinte rassistische oder anderweitig von Menschenhass motivierte Bekenntnisse und Taten von Musikern, die unmissverständlich zur Rock-/Metal-Szene gehören (beispielsweise also auf Festivals ohne politischen Hintergrund zwischen andersgesinnten Musikern auftreten, von Fachmedien interviewt und besprochen werden) einen wunden Punkt in unserer Mitte. Sich damit auseinanderzusetzen erscheint daher notwendig. Gerade weil es nicht leichtfällt. Gerade weil dieses Thema schon oft besprochen wurde, aber sich über Jahrzehnte kaum etwas verändert hat.

Doch durch welche Mechanismen kommt es überhaupt dazu, dass so ein Problem kollektiv ausgesessen wird, dass sich niemand zuständig fühlt und vereinzelt angestoßene Diskussionen dann doch oft  "im Sande" verlaufen? Ein kleiner Exkurs in die menschliche Psyche könnte helfen zu verstehen, was da in uns und im zwischenmenschlichen Bereich abläuft, sich beim nächsten Mal daran zu erinnern und sich bewusst einmal anders zu verhalten, so man es denn möchte. Denn ja, es kann ziemlich anstrengend sein, die eigene Komfortzone zu verlassen und höchstwahrscheinlich bekommt man auch keinen Applaus dafür.

Moral Disengagement in der Metalszene
Der Sozialpsychologe Albert Bandura hat ein erstaunlich simples aber einleuchtendes Modell entwickelt um diese noch heute brandaktuellen Fragen zu beantworten. Das Verhalten, das es uns ermöglicht, moralische Verfehlungen zu tolerieren oder aus unseren Gedanken zu verbannen, wenn es einem persönlich wichtigeren Aspekt nützt, beschrieb er als „Moral Disengagement“ – Moralisches Loslösen. Wie funktioniert das in unserem Alltag? Beispielsweise durch die Umdeutung von schlechtem in ein würdiges Verhalten, die Verniedlichung der Taten oder das Diskreditieren der Betroffenen.

Diese Verhaltensweisen lassen sich in allen möglichen Zusammenhängen beobachten, erreichen jedoch im Kontext der Metalszene besonders plakative Ausmaße. Weil es ohnehin darum geht, ein wenig zu provozieren, mit dem zu Flirten, was Spießbürger aus der Fassung bringt, um zu zeigen, dass das Böse und Dunkle ohnehin zum Menschsein gehört und in der Musik gefahrlos kanalisiert werden kann. Wenn unsere Freude am Destruktiven aber so gar keine Grenzen kennt, wir echte Gewalt feiern und Straftäter als Posterboys verehren, führen wir diese Ideen ad absurdum.

Ein Beispiel für Verharmlosung: Vikernes als niedliches Meme und lustiger Erzählonkel
Der Musiker, verurteilte Mörder und überzeugte Rassist Varg Vikernes (mittlerweile auch „der französische Familienvater Louis Cachet“ ) hat, unter Anderem, jahrelang unbehelligt den YouTube-Kanal „Thulean Perspective“ betrieben, auf dem er seine rassistischen und geschichtsrevisionistischen Ansichten über die Welt zum Besten gab. Seine freundlich besonnene Art sich dort als naturverbundener Erzählonkel zu inszenieren und das Selbstverständnis mit dem er menschenverachtende Äußerungen beiläufig in alltägliche Schilderungen einzuflechten vermochte, haben dazu beigetragen, dass eine breite Öffentlichkeit dies nicht nur kommentarlos tolerierte, sondern sich auch noch zu Sympathiebekundungen hat hinreißen lassen. Waren diese Menschen alle Vikernes Brüder und Schwestern im Geiste? Wohl eher nicht. Es ist auch hoffentlich klar, dass niemand allein durch das Tragen provokativer Shirts oder das Verwenden ironisch sarkastischer Memes zum schlechten Menschen wird! Trotzdem hat jedes Teilen, Liken und Klicken seiner Videos, jedes Loben seiner Musik sowie das Kaufen und Verkaufen ernstgemeinter oder sich lustig machender Merchandise-Produkte dazu beigetragen, dass dieser Mann weltberühmt ist und seine kruden Ideen darum von sehr vielen Menschen rezipiert werden. Denn wie heißt es so schön: "Bad publicity is better than no publicity".

Moralische Rechtfertigung: Folter als Selbstverteidigung, Menschenhass als edles Weltbild
Neben der Verniedlichung von Straftaten bewältigen wir moralischen Ungereimtheiten gerne damit, dass wir Begründungen finden, die das Verhalten als gerechtfertigt oder zumindest nachvollziehbar erscheinen lassen. Während sich bei dem durch Vikernes begangenen Mord die Rechtfertigung als Notwehr allein schon durch die Anzahl der Messerstiche nur ironisch interpretieren lässt, ist die Zustimmung beim ebenso verurteilten Gewalttäter und früheren Rassisten (jetzt Modedesigner und sensiblen Musiker) Kristian Eivind Espedal (Gaahl) schon größer. Vergangene Interviews, in denen Gaahl das stundenlange Foltern seines Opfers als durch Notwehr motiviert beschreibt, genießen mittlerweile Kultstatus, der darin geäußerte Menschenhass wurde aufgrund Gaahls charismatischer Art häufig als edles Weltbild eines weisen Eremiten inszeniert. In völliger Überspitzung gipfelte dies während einer Heim-Audienz durch die in der Stille verhallenden Worte eines beeindruckten Vice-Reporters: „Guide me!“. Interessanterweise addressieren die meisten Kommentare unter dem dazugehörigen Video die damit zum Ausdruck gebrachte Naivität und Dummheit der Interviewer, was direkt zum nächsten Punkt führt:

Gegenangriff - Schuldzuweisung und Entmenschlichung der Betroffenen
Eine naheliegende Strategie, mit Vorwürfen gegen bekannte Personen umzugehen, ist der Gegenangriff. Wahlweise entweder geäußert durch Verbalattacken gegen den Überbringer der Nachricht (z.B. Journalisten) oder aber durch Herabwürdigung der Opfer. Heutzutage ein stilprägendes Merkmal vieler Online-Medien, die über eine Kommentarfunktion verfügen, lange danach suchen muss man jedenfalls nicht. Bevor man sich an solchen virtuellen Fackelzügen beteiligt, kann man sich die Frage stellen, ob es im betreffenden Fall, auch ganz nüchtern betrachtet, etwas an der Tatschuld ändert, wenn die Berichterstattung schlecht oder das Opfer ebenfalls kriminell oder einfach unsympathisch ist.

Herdengefühle im Netz – Verantwortung geteilt durch unendlich
Verantwortungsdiffusion ist der sperrige Begriff für etwas, dass jeder schon einmal in den Nachrichten gesehen oder sogar selbst erfahren hat: es passiert ein unangenehmer Vorfall auf offener Straße, zahlreiche Menschen werden aufmerksam, doch keiner greift ein. Fragt man später nach dem Grund, bekommt man häufig Antworten wie „Ich dachte, Irgendjemand würde schon etwas unternehmen.“ Oder „die Anderen hatten bestimmt mehr Ahnung, was zu tun ist". Die persönliche Verantwortlichkeit zu Handeln wird umso geringer eingeschätzt, desto größer die Anzahl der anwesenden Personen ist.

Dieses Phänomen lässt sich auf Online-Situationen übertragen, denn auch dort sitzen wir gefühlt nicht alleine vor dem Gerät, sondern nehmen uns als Teil einer großen Community wahr. Einer Community, vor der wir unter Umständen dann auch noch keinesfalls als Spaßverderber dastehen wollen.
Ist nun einer prominenten Person mal wieder der Arm oder die Maus ausgerutscht, sind wir nur eine Suchanfrage davon entfernt, mit einer anonymen Gruppe unbekannter Größe vor diesem Vorfall zu „stehen“. Während das Liken eines Kommentars noch relativ leicht von der Hand geht, ist das Schreiben, auch ohne Klarnamen, schon mit mehr Überwindung verbunden, besonders dann, wenn die Mehrheit sich bereits belustigend oder abfällig geäußert hat und genau das ist, wie weiter oben gezeigt, häufig der Fall. Wenn sich aber niemand traut, die Initiative zu ergreifen und dafür verhöhnt zu werden, verpasst man die Chance herauszufinden, ob es nicht doch eine schweigende Mehrheit gibt, die genau wie man selbst so ganz und gar nicht mit dem Gesagten einverstanden ist.

Wenn niemand, der oder die etwas Konstruktives mitzuteilen hat, den ersten Schritt macht, werden wir auch zukünftig gähnende Leere oder Kaskaden witziger Memes unter Berichten über Arschgeigen vorfinden – und das war’s.


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