Aus dem Re-Release-Regal: MEGADETH "United Abominations" - "Endgame" - "Th1rt3en"

Text: Sandy
Veröffentlicht am 02.08.2019

Man könnte als Zyniker ja meinen, Dave Mustaine verarbeitet seinen METALLICA-Komplex, in dem er so viele, und so lange Compilations, Boxen, Live-Alben und eben Re-Releases seine Oeuvres veröffentlicht, bis er schlussendlich die Verkaufszahlen seiner Ex-Band doch noch übertrumpft.


Während sich Hetfield & Co. bei der Zweitverwertung ihres Backkatalogs schon fast etwas zu sehr in nobler Zurückhaltung üben (bis dato z.B. keine einzige „Best Of“/„Greatest Hits“ Zusammenstellung, und das bei mehr als 35 Jahren Bandgeschichte!) , operiert Megadave diesbezüglich ohne jegliche Schamgrenze. Alle paar Jahre wird mit mehr oder weniger essentiellen Neu-Editionen bekannter Album-Veröffentlichungen aufgewartet. So ließ er es sich bereits 2004 nicht nehmen, diverse Alben neu zu mixen und zu remastern. Bis dato sind übrigens drei (stark unterschiedliche) Abmischungen des Debüts „Killing Is My Business…“ auf dem Markt erschienen!

Das Sommerloch sollen aktuell die Re-Releases von „United Abomination“, „Endgame“ und „Th1rt3en“ stopfen. Speziell für Platten-Freunde gibt es die drei Longplayer wieder auf Vinyl, aber auch als CD und digital.

Während man den Langspielplatten haptisch und soundtechnisch einen ganz typischen Reiz zugestehen muss, und die CDs (mit exklusiven Bonustracks) im sehr schmucken Digipack kommen, handelt es sich beim Streaming/Download-Angebot um reine Augenauswischerei. Warum werden hier Songs „remastered“, die ohnehin erst wenige Jahre auf dem Buckel haben. Zumal auch beim akribischen Vergleichshören die vermeintlich hörbaren Unterschiede in eher homöopathischem Ausmaß zu sein scheinen. Zur Musik sei soviel gesagt, als dass sich MEGADETH zwischen 2006 und 2011 in guter, bisweilen sogar sehr guter kreativer Verfassung befunden haben.

Megadeth United Abominations 2019 Re-Release

War das 2004er Comeback „The System Has Failed“ de facto noch ein Mustaine-Soloprojekt, so kamen für das darauffolgende "United Abominations" die Power Metal-Spezialisten Shawn und Glen Drover (vormals EIDOLON, aus Kanada) zur Band. Die beiden Brüder, und der damals ebenfalls neue Bassist James LoMenzo orientierten sich unter Alleinherrscher Dave (Ausnahme: „Never Walk Alone… A Call To Arms“, mit Glen Drover als Mitkomponist) merklich am frühen Bandsound, wie er auf „Rust In Peace“ (1990) zur Vollendung gebracht wurde. Im Vergleich wirkt die Performance leider etwas hüftsteif, die Arrangements weniger vielschichtig, und die Dynamik und Stilvielfalt wurde ebenfalls nicht auf das Maximallevel hochgefahren. Man merkt dem Longplayer aber an, dass Mustaine viel daran lag, wieder in einem Atemzug mit damals angesagten, und vor allem knallharten Ami-Thrashern wie MACHINE HEAD und CHIMAIRA genannt zu werden. Herausgekommen ist in jedem Fall ein sehr solides MEGADETH-Album, auf dem sich die Band an der eigenen Frühphase viel intensiver abarbeitet, als auf den Vorgängern. Abgerundet wird der Re-Release übrigens vom ursprünglichen Japan-Bonudtrack „Out On The Tiles“, einer ziemlich brutalen Coverversion des LED ZEPPELIN-Klassikers.

Megadeth Endgame 2019 Re-Release


Der Thrash-Ansatz von „United Abominations“ wurden 2009 auf „Endgame“ konsequent weitergeführt. Inzwischen hatte Chris Broderick (u.a. Ex-JAG PANZER, ACT OF DEFIANCE) Glen Drover ersetzt. Er shreddet sich ausgesprochen virtuos durch das Album, ohne aber die Finesse und den Ausdruck seiner legendären Vorgänger Chris Poland (1984 – 85, 1985 (sic!) – 87, 2004) und Marty Friedman (1990 – 1999) vorzuweisen. Damals von der Metal-Presse doch recht euphorisch abgefeiert, konnte die Band diverse Magazin- und Leser-Polls für sich entscheiden, und sogar die erste Grammy-Nominierung („Head Crusher“) seit 1997 einfahren. Eine Ausnahme inmitten der donnernden Thrash-Salven stellt das gemeinsam mit Broderick verfasste „The Hardest Part of Letting Go… Sealed with a Kiss“ dar, welches glatt mit früheren Balladen-Großtaten der Kalifornier mithalten kann. Dennoch fällt zehn Jahre später vor allem auf, dass die Dichte an catchy Hooklines und mitreißenden Melodien auf anderen Longplayern der Formation höher ist. Für Freunde knalliger Riffs und technisch versierter Soli war, ist und bleibt „Endgame“ dennoch ein Fest.


Dave Mustaine behauptete immer gerne, er sei tatsächlich der einzige der bei MEGADETH etwas zu sagen hätte. Dass es dennoch nicht unerheblich ist, mit wem er musiziert zeigt sich einmal mehr auf „Th1rt3en“. Rückkehrer David Ellefson am Bass wirkte nach achtjähriger Bandpause wieder an einem Album mit, und mit ihm kehrten auch kompakteres Songwriting und eingängigere Refrains zurück. Auf dem sinnig betitelten dreizehnten Studioalbum orientierte sich das Quartett einmal mehr an der eigenen Vergangenheit. Dieses Mal standen jedoch Anleihen an die zugänglicheren MEGADETH im Mittelpunkt. Viele der Stücke, welche Mustaine zum großen Teil mit Aufnahmeleiter Johnny K verfasste, atmen den Spirit von „Countdown To Extinction“ (1992), oder gar „Youthanasia“ (1994). Dazu kommt, dass nach den eher steril inszenierten Andy Sneap-Produktionen auf den Vorgänger-Alben die Darbietung Truppe auf „Th1irt3en“ dynamischer, und somit homogener wirkt. Auffallend ist, wie sehr trotzdem das bereits in den 90ern veröffentlichte „New World Order“ (eine echte Gruppenarbeit der legendären Besetzung Mustaine/Friedman/Ellefson/Menza) heraussticht. Bei der Performance wird im Vergleich zur Originalversion vor allem deutlich, dass trotz der unbestrittenen Fähigkeiten von Broderick und Drover, eben keiner der beiden über den breiten musikalischen Horizont ihrer legendären Vorgänger verfügt.


Alle drei Alben stehen für eine Band, die nach dem Überschreiten ihres Zenits wieder die Rückkehr in den Schoß der Fangemeinde geschafft hat. Ein Gedankenspiel wert wäre jedoch die Überlegung, wie sich der Status dieser Spätwerke entwickelt hätte, wäre Mustaine mit seinen Mitstreitern nicht alle zwei Jahre ins Studio gegangen. Schließlich verfügen „United Abominations“, „Endgame“ und „Th1rt3en“ über echte Knaller, aber eben nicht über ausschließlich herausragende Stücke. Sieht man sich die Setlist-Statistiken zur Bandphase seit 2006 an, so dürfte das Megadave ähnlich sehen. Hier rangieren die Alben lediglich im hinteren Mittelfeld, und das wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch so bleiben. Schließlich spielt die Band seit vier Jahren kein einziges Stück mehr von besagten Longplayern.


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