SABATON - Das 'The Great War' Gangbang-Review

Wenn man, wie ich z.B., mit den letzten Alben von SABATON eher mäßig viel anfangen konnte, weil sich das Füllermaterial gehäuft hatte und das Songwriting an sich erschöpft schien, schon an jeden Strohhalm klammern muss, um sich für ein neues Album, in diesem Falle eben "The Great War", zu motivieren, ist das – in der Regel – kein allzu verheißungsvolles Signal. Hier erging es mir tatsächlich so, dass ich dadurch, dass sich die Schweden dieses Mal drei Jahre Zeit liessen, plötzlich doch einigermaßen Lust auf neuen Output hatte – und die Standalone-Single "Bismarck" wusste dann mit dem fast schon oldschooligen Arrangement endgültig zu überzeugen.

 

Diese Rezension wird sich im Übrigen lediglich auf die "History Edition“ (wohlgemerkt: nicht die "History Channel Edition") beziehen, da Nuclear Blast Records diese dankenswerterweise nebst der Standard-Version bereitgestellt und mir damit eine echte Freude bereitet haben. Für viele mögen die Unterschiede zu marginal sein, aber ich mag diese themenbasierten Ansage-Intros im Stile von "The Art Of War". Auf besagter "History Channel Edition" soll diese übrigens Indy Neidell höchstselbst übernommen haben, weswegen ich das noch einmal explizit voneinander trennen wollte.

 

Unabhängig von solchen Details entpuppte sich "The Great War" nach vielen Durchläufen daheim, unterwegs und sonstwo als große Überraschung für mich. Nicht nur, dass man sich produktionstechnisch endlich vom Hause Tägtgren lösen und gemeinsam mit Jonas Kjellgren den bis dato ausgewogensten und fulminantesten Sound finden konnte, nein, auch die Songs für sich genommen klingen äußerst frisch und fahren diese typischen, fast schon penetranten „Diese Passage habe ich doch in einem anderen Song genau so schon einmal gehört“-Momente drastisch zurück. Keine Frage, "The Great War" klingt selbstredend immer noch zu 100% nach SABATON, aber man war dieses Mal trotzdem offen für Experimente jedweder Art. Die beiden auffälligsten Beispiele dafür sind "The Attack Of The Dead Men", das sich im Industrial bedient, und "The Red Baron", in dem Joakim die Hammond-Orgel zum Einsatz schleift.

 

Viel subtiler agierte dagegen zunächst die musikalischere, klassischere Gitarrenarbeit, die mit jedem weiteren Durchgang allerdings an Prominenz gewann, ehe ich mittlerweile sogar behaupten würde, dass sie in den meisten Songs, besonders spürbar beispielsweise in "A Ghost In The Trenches", "82nd All the Way" und "Seven Pillars Of Wisdom", gar die Keyboards als Melodiegeber ablöst. "The End Of The War To End All Wars" hingegen verzichtet komplett auf für SABATON gängige Songstrukturen bzw. einen Refrain und lässt den episch-orchestralen Anstrich dominieren, "The Future Of Warfare" könnte dank spezieller Rhythmik auch auf "Attero Dominatus" stehen und das andächtige Outro "In Flanders Fields", in dem ein Kinderchor zum Abschluss melancholische Klänge beschwört, ist eine regelrechte Überraschung inmitten all dem Pomp, für den die Schweden bekannt sind und gerne auch mal kritisiert werden (dazu unten mehr). Gemeinsam mit den urtypisch arrangierten "Devil Dogs" (erinnert mich wiederum an "Coat Of Arms"), "The Great War" und "Fields Of Verdun" (vielleicht eine Nuance düsterer als gewohnt) ergibt das ein höchst unterhaltsames und bislang auch über längere Zeit motivierendes Gesamtwerk, das ich persönlich momentan als mein liebstes seit "The Art Of War" bezeichnen würde.

 

Klar, "Carolus Rex" war bzw. ist ihr bis dato erfolgreichster Longplayer überhaupt, aber auf "The Great War" spüre ich durch seine homogene Qualität ein Einheitsgefühl innerhalb dieser Band, das ich zuletzt etwas vermisst habe. Selbstverständlich ist das eine eher abstrakte Empfindung meinerseits, aber auf diesem Album habe zumindest ich das Gefühl, dass sich SABATON schon während der Entstehungsphase bewusst waren, dass hier etwas Starkes in der Entstehung sein könnte – und eben nicht nur ein weiteres Album in der Diskografie, um neues Material für Live-Shows zu haben.

 

Epilog: Auch wenn SABATON immer wieder – zum Teil sicherlich gerechtfertigt – mangelndes Fingerspitzengefühl im Umgang mit (kriegs-)historischen Thematiken vorgeworfen wurde, gibt es auf "The Great War" einige Momente, in denen sie die Sinnlosigkeit des Krieges auf ihre Art infrage stellen. Das wird dem ein oder anderen Zuhörer vermutlich abermals zu geringfügig sein, auch weil T-Shirt-Aufdrücke à la „What's so fucking great about it?“ irgendwie flapsig wirken, aber man muss – gerade vor dem Hintergrund, dass man sich in den vergangenen Jahren in Interviews sowie dem eigenen History Channel immer wieder erklärte – auch keine Wissenschaft daraus machen und mehr in die Songs interpretieren als tatsächlich darin verborgen ist. Polarisieren wird man dadurch weiterhin, so viel ist sicher, aber auch hier wünsche ich mir manchmal etwas mehr Sachlichkeit und weniger Emotionalität in der eigentlichen Debatte, denn schon in der Vergangenheit sollten SABATON mit Songs à la "The Price Of A Mile", "Rise Of Evil" und "The Final Solution" (zumindest textlich, musikalisch stritt man sich zu Recht darüber) klargemacht haben, welche Motive man verfolgt und – vor allem – welche nicht.

 

4 / 5 - Pascal Staub


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: ADL
Seite 3: Lord Seriousface
Seite 4: Christian Wilsberg
Seite 5: Sonata
Seite 6: Pascal Staub
Seite 7: Marc Folivora
Seite 8: Anthalerero
Seite 9: Fazit


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