SABATON - Das 'The Great War' Gangbang-Review

Also ich fand SABATON schon immer scheiße. Ich erinnere mich ans Jahr 2005, "Primo Victoria" war eines von vielen Power Metal Alben, in das man mal reingehört hat. Und dieses jenes ging mal gar nicht an mich. 2006, EDGUY sind mit DRAGONFORCE und SABATON auf der "Rocket Ride" Tour unterwegs. Ziemlich angesäuselt habe ich die Show aller drei Bands verfolgt, aber diese SCOOTER Keyboards und Riff-Abstinenz von SABATON gingen auch da nicht an mich. Ebenso wenig wie ein Jahr später, als die gleiche, immer populärer werdende Truppe GRAVE DIGGER supportet. Ein weiteres Jahr und unzählige Stufen auf der Erfolgstreppe später kommt dann "The Art Of War". Da man den Schweden nun nicht mehr aus dem Weg gehen konnte, habe auch ich mir "The Art Of War" von einem Kumpel per MP3 organisiert und war positiv überrascht: Da waren gute Songs drauf. "Ghost Division", das Titelstück, "40:1", "Cliffs Of Gallipolli" und vor allem "The Price Of A Mile"! Vielleicht sollte ich mich doch nochmal mit dieser Band beschäftigen. Die Euphorie hielt exakt bis zur Veröffentlichung von "Coat Of Arms" an, das wieder genau so scheiße war, wie ich SABATON in Erinnerung hatte. SCOOTER Keyboards, Schrammel"riffs" (die dem Hören nach am Lagerfeuer auf der Akustikgitarre komponiert wurden), Refrains, die keine sind (ernsthaft, "Uprising"?). Da auch die Live-Shows inzwischen trotz stetig steigender Fanschar immer die gleichen Sprüche, die gleichen Gags, die gleichen Posen lieferten, war dann bei mir spätestens mit "Heroes" ganz Schluss und ich habe den weiteren Werdegang der Band so gut wie gar nicht mehr verfolgt. Aufgefallen sind mir SABATON erst wieder mit ihrer längeren Pause, welche auf "The Last Stand" folgte. Denn das Einzige, womit SABATON in ihrer bisherigen Karriere nicht geglänzt hatten, war Abwesenheit. Und diese Abwesenheit, sowie die Rekrutierung von Ex-REINXEED/jetzt MAJESTICA-Saitenhexer und Multitalent Tommy Johansson, hat tatsächlich in mir ein kleines Interesse an "Great War" geweckt. Dürfen wir uns etwa tatsächlich auf eine erwachsenere und musikalisch wertvollere Performance freuen? Eine, die dem Status der Band gerecht wird? Nein! Dürfen wir nicht. Aber schlecht ist "Great War" überraschenderweise trotzdem nicht.

SABATON klingen auch auf dem neuen Album wie zu erwarten nach SABATON. Neue Trademarks oder abweichende Ideen sucht man so gut wie vergeblich. Das Einzige, was sich sofort offenbart und das Album tatsächlich vom Rest abhebt, ist das enorme Produktionsbudget. Soundtechnisch haben wir hier ein High-End-Blockbuster-Popcorn-Kino Album auf Marvelformat. Chöre, Orchestrierungen, sonstige klangtechnische Special-Effects: Hier gibt es auch bei wiederholten Spins eine Menge zu bestaunen und zu entdecken. Das macht schon der sich langsam steigernde Opener "The Future Of Warfare" klar, bei dem vor allem die Chöre eine unfassbar mächtige Kulisse erhalten, wie kaum vergleichbar. Richtig intensiv ist das Finale des Albums. Das Highlight "The End Of The War To End All Wars" schafft es durch seine Mammutproduktion tatsächlich, der Kriegsthematik angemessen eine bewegende Grundstimmung zu erschaffen, welche durch das Outro "In Flanders Fields" komplettiert wird. Und es erschafft tatsächlich eine emotionale Wirkung. Zwar pathetisch ohne Ende, aber effektiv. Weniger komplex, aber dafür punktgenau inszeniert sind die beiden richtigerweise als Vorabsingle veröffentlichten "Red Baron" und das Titelstück "Great War". Der rote Baron, welcher mit Hammond-Klängen eingeleitet wird, hat so einen banal einfachen Chorus, dass man sich gegen den Ohrwurm gar nicht mehr wehren kann. Punktgenau aber deswegen, weil das von Brodén markant gesungene "Higheeeer" so klingt, als würde er den Hörer direkt mitnehmen auf einen Flug des Roten Barones. "Great War" ist dann fast eine Eins-Zu-Eins Kopie von "The Art Of War", was aber ja eines der besseren Stücke aus dem eigenen Backkatalog ist. Der Chorus von dieser Auflage hier gefällt durch die gelungeneren Lyrics sogar noch mehr. Und einen schönen MEAT LOAF C-Teil hat man dem Stück ebenfalls spendiert. Und dann gibt es noch "82nd All The Way", welcher musikalisch im Grunde genommen das Gleiche macht wie "Metal Machine" oder "Metal Crüe", allerdings mit Kriegsthematik. Funktioniert!

Ihr seht aber: Neues oder gar Verbessertes gibt es nicht. Und richtige, typische SABATON-Gurken gibt es auch. Allen voran "The Attack Of The Dead Man" mit einem nicht minder katastrophalen Refrain wie bei "Uprising". Oder das ebenfalls bereits bekannte "Fields Of Verdun", bei dem mal wieder die SABATON-Phrase "Thy/My will be done" intoniert wird, wie es bei mindestens zwanzig anderen Stücken auch der Fall ist. "Devil Dogs" ist eine richtig konfuse und überladene Angelegenheit, bei der man so gar nicht durchsteigen möchte. Zu viele Lyrics, zu wenig Raum.

Instrumental passiert auf dem Album auch nicht mehr als sonst, und das ist zumindest für mich persönlich die größte Enttäuschung. Tommy Johannson hat mit seinem MAJESTICA-Debüt ein Album geschaffen, welches zwar unendlich kitschig ausgefallen ist, aber an musikalischer Finesse, Filigranität und songwriterischem Witz an frühe HELLOWEEN heranreicht. Von diesem Talent ist auf "Great War" leider wenig zu hören. Lediglich "Seven Pillars Of Wisdom" zeigt eine etwas ausgefeiltere Gitarrenarbeit. Die meiste Zeit über kredenzt man uns die altbekannten Lagerfeuer-Riffs und teilweise erschreckend uninspirierte und technisch irrelevante Soli. Es stellt sich die Frage, ob Johansson da nicht sogar ein bisschen überqualifiziert ist.

Fazit: Produktionstechnisch wird es sicher kein besseres Album 2019 geben als dieses hier. Und ja, einige Songs haben einen dermaßen treibenden Ohrwurmcharakter, dass man sich deren Wirkung nicht entziehen kann. Unterm Strich hat man es aber exakt mit den gleichen SABATON zu tun, die man über die Jahre hinweg lieben oder hassen gelernt hat. Und an der grundsätzlichen Problematik, dass man aus schweren inhaltlichen Thematiken Kirmessongs macht, hat sich ebenfalls (bis auf eine lobenswerte Ausnahme) nix getan! Und doch ist "Great War" einer der besseren SABATON-Alben. Dafür gibt es wirlklich gut gemeinte 3 von 5 Sternen!

3 / 5 - Christian Wilsberg

 


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: ADL
Seite 3: Lord Seriousface
Seite 4: Christian Wilsberg
Seite 5: Sonata
Seite 6: Pascal Staub
Seite 7: Marc Folivora
Seite 8: Anthalerero
Seite 9: Fazit


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