Aus dem Re-Release-Regal: HEL - Falland Vörandi

Veröffentlicht am 08.04.2019

Von Re-Releases sind wir mittlerweile vieles gewohnt: Abgeänderte Artworks, Remasterings, die ihre Bezeichnung kaum verdient haben, weil die Unterschiede zum Original verschwindend gering sind, Bonustracks, die der halbe Planet eh schon kennt, und und und. Dass man auch weitaus kreativere Vorhaben realisieren kann, zeigt aktuell die längst aufgelöste deutsche Pagan Black-Legende HEL, die ihren Klassiker "Falland Vörandi", der bereits gefühlt seit Urzeiten vergriffen ist, nicht einfach nur mit einem neuen Coverart restauriert haben, sondern im Vergleich zum Original den Drumcomputer sowie den relativ sterilen Sound ausgemustert und durch ein echtes Schlagzeug mitsamt aufwändigem Remix und Remastering ersetzt haben. Ergänzt wird das löbliche Gesamtpaket durch drei Bonustracks, die wahrlich nicht als Etikettenschwindel zu bezeichnen sind - aber dazu später mehr.

Kommen wir erstmal zum Album, das, trotz dessen, dass es als Klassiker des deutschen Pagan Black Metal zu erachten ist, nie die Aufmerksamkeit genoss, die ihm aufgrund seiner Qualität zugedacht sein sollte. Einzelne Songs zu benennen, wäre anhand dessen, dass es sich hier um ein reines Konzeptalbum in seiner ursprünglichsten Form handelt, vermessen, weswegen ich lieber direkt zum lyrischen Hintergrund schwenke: es geht um Baldurs Tod, die Prophezeihung und den Verrat dahinter. Das mag sich von außen nun erstmal reichlich unspektakulär lesen, doch "Falland Vörandi" erschien in einer Zeit (2005), in der die germanische Mythologie selbst im deutschen Metal-Spektrum noch weitestgehend unberührt blieb - der große Hype sollte erst kurz darauf folgen. Um dazu einen geschätzten Kollegen vom großartigen WALDHALLA-Magazin zu zitieren: „Dieses Album ist ein Muss für jeden paganen Metalhead, denn schöner und spannender kann die Geschichte um Baldurs Tod selbst in der Edda nicht nachgelesen werden!“ 

HEL hatten, wie sich später in ihrem absoluten Meisterstück "Das Atmen der Erde" manifestieren sollte, damals schon einen einzigartigen, von skandinavischem Pagan- und Viking Metal der Frühphase inspirierten Charakter und ein fast schon unbegreiflich ausgereiftes Songwriting, das vielen anderen deutschen Vertretern mit Leichtigkeit um Lichtjahre enteilen konnte. "Falland Vörandi" ist ein fernab von jeglichen Klischees handelndes, erstklassiges Hörspiel zwischen mal rasantem, mal melodischem, mal hymnischem Black Metal und originellen, immersiven Zwischenspielen, die die Geschichte mit entschleunigendem Natursampling, narrativen Vorträgen oder einfach nur bildgewaltigen Harmonien vorantreiben. Das Hauptwerk, das aus einer knappen Stunde Spielzeit besteht und sich daher bestens für euer Reise- bzw. Wanderungsinventar eignet, gewinnt durch das komplett neu eingespielte Schlagzeug an Dynamik und Raum und wird dadurch einfach nochmal um einiges besser, zumal die erneuerte Produktion ganz ohne den heute so üblichen Loudness War auskommt und trotzdem einen fulminanten Klang entfalten kann. Somit lohnt es sich sogar für diejenigen, die das Album bereits in der 2005-Fassung besitzen.

Und weil man die Messlatte für zukünftige Re-Releases ohnehin schon extrem hoch angelegt hat, kommen auch noch drei fantastische Bonustracks hinzu, für die ich an dieser Stelle die Band selbst zu Wort kommen lasse, weil sie dafür bereits auf ihrem Facebook-Account ausführliche und lesenswerte Hintergrundinfos angeboten hat:

  • "Nannas Klage Prolog": „Wie der Name schon sagt, ist dies die orchestrale Einleitung zu "Nannas Klage", welche damals von Skaldir zum Video geschrieben wurde. Dieses Lied wurde bisher noch auf keiner CD veröffentlicht.
  • "Heimdall": „"Heimdall" ist ein Überbleibsel vom "Das Atmen der Erde" Album. Skaldir hatte "Heimdall" 2011 zusammen mit den anderen Songs geschrieben und in der selben Session aufgenommen und gemischt. Da keine passende Gesangsspur gefunden werden konnte, wurde das Lied instrumental gelassen. Stilistisch ist es etwas progressiver als die übrigen Songs, und erinnert etwas an ENSLAVED. Alle Beteiligten und jeder, der "Heimdall" schon mal im Kalthallen Studio hören durfte war jedenfalls ziemlich begeistert.
  • "Stille": „Dieser wurde bereits 1998 komponiert und sollte auf dem "Orloeg" Album landen. Er wurde nur als Entwurf aufgenommen, dann aber verworfen. Jahre später stieß Skaldir wieder auf dieses Lied und im Zuge der "Das Atmen der Erde" Aufnahme nahm er diesen Song mit auf und spielte auch selber Schlagzeug. Vor ein paar Jahren schrieb Valdr den Text dazu, und nun, 21 Jahre später, erblickt "Stille" das Licht der Welt. Stilistisch ist "Stille" etwas ungeordneter als neuere Kompositionen der Band, und klingt relativ BATHORY nah und teilweise auch sinfonisch. Textlich und musikalisch ist es ein schöner Abschluss.

Fazit: Die Frage, ob sich der Re-Release von "Falland Vörandi" lohnt, sollte sich erübrigen. Es ist ein absolutes, unumgängliches Muss für jeden Pagan Black Metal-Fan, der etwas von sich hält. Großartig komponiert und von hoher Authentizität geprägt, hat es das Profil einer Band geschliffen, die später mit dem Monument "Das Atmen der Erde" selbst im internationalen Vergleich der Klassiker konkurrieren konnte. "Falland Vörandi" ist kein Deut schlechter und ein meisterhaftes Kleinod für all diejenigen, die sich gerne mit der germanischen Mythologie befassen und mit den vielen üblichen Klischees nichts zu tun haben wollen. Pagan-/Viking Black Metal in seiner reinsten, ursprünglichen Form eben.


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