Das große Bullshit-Bingo des Musikjournalismus

Veröffentlicht am 29.03.2019

Schreibe auf, was du hörst und ich sage dir, welchen Job du hast!

Es ist gar nicht so leicht, über Musik zu schreiben. Vor allem dann nicht, wenn man es regelmäßig tut. Viele Begriffe oder Beschreibungen, die einem tagtäglich in Veröffentlichungen zum Thema Musik begegnen, sagen an sich schon gar nichts aus. Manche sind auch durch die Frequenz der Anwendung einer derartigen Abnutzung ausgesetzt, dass sie es den erstgenannten gleichtun. Einige sind wiederum einfach nur unfreiwillig komisch. Auch wir möchten uns keineswegs davon freisprechen, die ein oder andere Nonsens-Phrase schon verwendet zu haben. Weil es so naheliegend ist. Weil man es so häufig selbst gelesen hat, dass es oft das Erste ist, das einem einfällt. In unseren eigenen Artikeln haben wir zuerst nach Bullshit-Gold gesucht, denn wir sind alle Sünder! [Anm. d. Lekt.: Verdammt, wir sind enttarnt.] Das Mindeste, was wir tun können, ist daher, uns gemeinsam mit euch darüber zu amüsieren.

Manege frei und herzlich Willkommen zum Bullshit-Bingo des Musikjournalismus!

 

Album des Jahres, das: Steht für viele meist schon am 1. Januar des neuen Jahres fest, wird dann bis zum Jahresende aber noch gefühlte drölftausend Mal aktualisiert, weil der Redakteur mal wieder seine eigene Urteilsfähigkeit überschätzt hat. Besonders erfahrene Experten küren das Album des Jahres bereits, bevor sie überhaupt einen Ton davon gehört haben und maulen dann nach einem Hördurchgang, dass das Werk voll scheiße geworden sei. Daraufhin verbrennen sie umgehend ihre komplette Sammlung des jeweiligen Interpreten, weil dieser die abscheuliche Dreistigkeit besaß, die vom Fan gesteckten Erwartungen nicht zu bedienen.

Atmosphärisch/Atmosphäre, die: Wenn der Geigerzähler nicht zu düsterem Ambient und indifferentem Krach knirscht, ist es kein echter Tschernobyl Black Metal. Echt jetzt! Tatsächlich macht die Atmosphäre einiges, wenn nicht sogar alles aus. Ohne sie wären NILE bloß eine technisch überragende Death Metal Band, IMMORTAL drei alberne Pandabären aus dem hohen Norden und MOONSORROW ein paar missverstandene Baumknuddler.

Durchstarten, das: vielversprechenden neuen Bands wird routinemäßig prognostiziert, dass sie demnächst durchstarten. Beim Durchstarten handelt es sich um ein Notfall-Manöver, bei dem ein beabsichtigter Landeanflug aufgrund technischer Probleme abgebrochen werden muss. Was schreibende Wesen eigentlich sagen wollen: das Gegenteil.

Eigenständigkeit, die: 1) Wer nicht mindestens 42 verschiedene Instrumente gleichzeitig in einer nie zuvor dagewesenen Weise spielen kann, ist gefälligst nicht als eigenständig zu betrachten, sondern als amateurhafter Stümper. Gilt auch für diejenigen, die das Rad neu erfinden und Punkt 1) trotzdem sträflich missachten.

Fan, der: Englisch für Ventilator. Eine häufig genutzter Sonderbegriff, aus aktuellem Anlass. Als Fan hat man grundsätzlich alles geil zu finden, was eine Band ausdünstet. Sonst ist man kein Fan. Klingt logisch, oder? Do-it-yourself-Anleitung für den Fall der Fälle, dass ein sich dreist als Fan ausgebender Straftäter diese Regel willkürlich missachtet und man ihn mal so richtig maßregeln möchte:
1) Shitstorm auf dem berüchtigten Social Media Kanal direkt unter dem jeweiligen Beitrag zur Review starten und sich mit hanebüchenen Argumenten selbst zum Affen machen.
2) Im eigenen Profil und auf vielen anderen Seiten weitere Shitstorms starten, um der Lieblingsband einen echten Bärendienst zu erweisen.
3) Siehe 1) und 2).
Vergesset dabei niemals: Wenn eure eigenen Freunde kritische Töne zu einem Album wählen, ist das vollkommen legitim. Nur wenn's der doofe Rezensent tut, ist das absolut unentschuldbar und umgehend nach Anleitung zu ahnden.

Fanservice, der: Sobald man mit Musik Geld oder eine anderweitige Gegenleistung wie Aufmerksamkeit verdienen möchte, muss das gesamte Verhalten sowie der musikalische Output und die Auswahl der Auftrittsorte auf die Wünsche der Fans abgestimmt werden. Zur Ermittlung der Wünsche, ist vor jeglichen Entscheidungen eine Online-Umfrage mit mindestens N = 750 Teilnehmern durchzuführen. Weiterhin muss man sich auch als Musikjournalist bei jeder Gelegenheit selbst als Fan betiteln. Als Qualitätsstandard gilt daher bei Rezensionen und Konzertberichten immer: "von Fans, für Fans".

Female-Fronted: Bezeichnung für eine besonders im Metal seltene Gen-Anomalie am Mikrofon (auch: „Doppel-X-Chromosom“). Ist eine Band von dieser Anomalie betroffen, so besteht für Musikjournalisten eine ausdrückliche Meldepflicht im ersten Satz. Ist der musikalische Output zufriedenstellend, muss lobend hervorgehoben werden, dass diese Leistung trotz der Anomalie besteht. Ist der musikalische Output schwach, sind Rezensenten dazu angehalten, die optischen Merkmale der Female-Front zu benoten.

Full-Length-Album, das: enthält mehrere Musikstücke auf einem Tonträger (auch „Scheibe“, “Silberling“, “Rundling“, „Dreher“). Das Gegenteil eines „Full-Length-Rundlings“ ist der „Not-So-Full-Length-Rundling“ welcher mit nur einem oder wenigen Stücken auf Zeitknappheit und Geldnot der Musiker hinweist. Das Musik-Album kann man in physikalischer Ausführung zusammen mit einem Poesie-Album („Lyrics“) und einem integrierten Foto-Album („Booklet“) erwerben.

Geballer, das: Maschinengewehrartiges Geräuschphänomen, dass bei der fachgerechten Nutzung der Basstrommeln eines Schlagzeuges (auch: „Ballerbude“) auftritt. Wird als herausragendes Qualitätsmerkmal verschiedener Facetten des Metal gesehen, wobei die sogenannte „Ballerfrequenz“ als Indikator für den „Ballerfaktor“ dient. Die Feststellung „das ballert ordentlich“ rechtfertigt mindestens drei Bewertungspunkte mehr.

Geschmackssache, die: über Geschmack lässt sich vortrefflich diskutieren oder eben gar nicht. Erdbeer, Schoki, Vanille – eine Sache des persönlichen Geschmackes. Weil Rezensenten manchmal ein wenig Angst vor Attentaten haben (siehe: „Fan“), beenden sie ihre Bewertungs-Arien gerne mit einer beschwichtigenden Floskel. Kann man so machen - aber da hat ja auch jeder seine eigenen Vorlieben.

Hartwurst, die: Wer auch immer diese absurde Quatschbegrifflichkeit als Synonym für Metal in's Leben gerufen hat (wir vermuten einen heute noch diebisch grinsenden Metal Bravo Mitarbeiter), verdient offensichtlich die Todesstrafe. Viel schlimmer ist aber noch, dass es seriöse Redakteure geben soll, die diesen Unmenschen wieder und wieder zitieren müssen und den Wortpatienten einfach nicht dahinsiechen lassen wollen. (siehe auch: Schwarzwurzel).

Meisterwerk, das: herausragendes oder bestes Werk eines kunstschaffenden Menschen. Diese besondere Auszeichnung darf ausschließlich von Menschen verliehen werden, die „Ahnung haben“, also ebenfalls Meister ihres Faches sind. Als Musikpromoter versteht man unter einem Meisterwerk eine beliebige Veröffentlichung aus dem eigenen Hause, als Fan jede Lautäußerung von jemandem, von dem man auch schon die zahlreichen anderen Meisterwerke besitzt. Addendum: Als Band bezeichnet man grundsätzlich jedes neue Album als das bisher beste in der Diskografie.

Röhre, die: Sobald Sänger, und besonders Sängerinnen, etwas anderes tun als ganz lieb zu hauchen, wird ihnen der Status der „Rock-Röhre“ verliehen. Rau und steinig klingt es aus dem Vokalrohr – so ist der Vergleich zwar passend aber ähnlich überstrapaziert wie die geschundenen Stimmbänder. Bei gutturalen Gesangstechniken muss der röhrende Hirsch oder Elch herhalten. Es ist definitiv Zeit für neue Tiermetaphern!

Schwarzwurzel, die: Schwarzwurzeln (Scorzonera) sind zur Familie der Korbblütler gehörende, essbare Pflanzen. Es wird empfohlen, beim Zubereiten von Schwarzwurzeln Einweghandschuhe zu tragen und Schwarzwurzelmusik zu hören. Dazu passt ein leichter Weißwein und etwas Hartwurst. [Anm. d. Lekt.: Der Lektor genießt seine Schwarzwurzel soeben mit schwerem Rotwein und Blutwurst. Geht auch.]

Spielfreude, die: grundlegende Anforderung für Musikschaffende. Musiker haben Spielfreude zu haben. Wem keine Spielfreude unterstellt werden kann, der oder die ist entweder schon zu lange im Geschäft oder hat die Bodenhaftung verloren. Was der Rezensent eines Albums mit Spielfreude eigentlich sagen will: die Musik löst beim Hörer gute Laune aus und das Bedürfnis, das gesamte Haus zu reinigen. Vielleicht sind die Bandfotos sympathisch oder die Texte humorvoll. Aber seien wir mal ehrlich: ob Musiker wirklich Freude am Einspielen eines Albums hatten oder nicht  – das wissen wohl nur sie selbst.

überbewertet: Sobald ein Künstler mehr als handabgezählte 50 Demotapes an der nächstgelegenen Blackfood-Frittenbude vertickt und etwas mehr Aufmerksamkeit einsammeln kann, rückt er automatisch in die Riege der am meisten überbewerteten Bands vor. Grundsätzlich gilt das eigentlich für sämtliche Bands o.Ä., die irgendwann mal klein angefangen haben und im Laufe der Zeit die großen Bühnen und/oder Charts erobern konnten. Das Anprangern solcher Leistungen wird gemeinhin als typisches Syndrom deutscher Leidkultur (*Zwinkersmiley*) erachtet, breitete sich in den letzten Jahren aber auch schlagartig auf anderen Ländereien aus, was psychologisch u.A. darin begründet liegt, dass Social Media ihnen vorgaukelt, ihre Meinung (wird oftmals - nicht nur in der Musik - mit geistiger Diarrhö verwechselt und daher logischerweise zu Unrecht verteidigt) hätte irgendeine Relevanz - dem ist aber nicht so, seid beruhigt. 


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