MÖTLEY CRÜE - The Dirt (Netflix Movie)

Veröffentlicht am 27.03.2019

SPOILERALARM: Wer sich so manche Überraschung des Filmes aufsparen möchte, sollte zuerst den Film ansehen und dann erst die Kritik lesen!!! Vorab: Es lohnt sich, den Film anzusehen!

Nach dem riesigen Erfolg des QUEENschen Biopics "Bohemian Rhapsody" scheint dieses Genre einen Höhenflug zu erleben. Demnächst kommt ein Elton John-Streifen in die Kinos und auch die Glam-Legenden von MÖTLEY CRÜE haben mit "The Dirt" nun ihren Film. Wobei man ihnen gewiß nicht vorwerfen kann, dass sie Trittbrettfahrer sind, denn besagter Film ist seit Erscheinen des gleichnamigen Buches im Jahr 2001 seit mehr als 17 Jahren in Planung gewesen. Nie konnte sich die Band auf einen Nenner mit namhaften Filmstudios einigen und letztlich kommt "The Dirt" nun nicht in die Kinos, sondern erscheint als exklusive Netflix-Verfilmung. Was nun wirklich nichts Schlechtes heissen muss, sind die Netflix-Eigenproduktionen doch meist auf einem Level mit den Großproduktionen anderer Studios.

Was "The Dirt" von eingangs erwähnten Erfolgsstreifen unterscheidet, wird bereits beim Aufrufen des Filmes über die Netflix-Mediathek klar. "FSK 18" steht da in großen Lettern und dass dies gerechtfertigt ist, wird gleich anhand der Eingangsszene deutlich. Ein Film, in dem ein Groupie nach dem Oralverkehr mit einer großen Fontäne squirtet, gehört sicherlich nicht zu dem, was unter familienfreundlichem Entertainment verstanden wird, von daher ist die Einstufung wohl gerechtfertigt, denn diese Szene bleibt nicht die einzige dieser Art (als weiteres Beispiel sei hier die Szene mit Ozzy Osbourne genannt!).

"The Dirt" zeichnet die Erfolgsgeschichte von Nikki Sixx, Mick Mars, Vince Neil und Tommy Lee historisch ziemlich korrekt nach. Natürlich kann in einem Film, der nur knapp über 90 Minuten lang ist (einer meiner Kritikpunkte - der Streifen ist viel zu kurz!), nicht jedes Detail der Bandgeschichte beleuchtet werden, aber richtig große Fehler konnte ich nicht ausmachen. 

Zu Beginn erfahren wir von Nikkis übler Kindheit mit einer verlotterten Mutter mit wechselnden Liebhabern, die ihn sogar so weit treibt, dass er sich den Arm aufschlitzt und es seiner Mum unterschiebt. Im Film sind aber auch etliche witzige Szenen enthalten, insbesondere Iwan Rheon (bekannt aus Game of Thrones) als Mick Mars ist für etliche Lacher verantwortlich. Köstlich die Szene, in der er den ursprünglichen Gitarristen ablöst oder als der Bandname ausgewählt wird ("X-Mass" wäre nun wirklich eine echt üble Idee gewesen).

Den ersten Auftritten in einem spärlich besuchten Club (inklusive Schlägerei) folgt der Plattenvertrag, eingefädelt von Elektra-Executive Tom Zutaut. Dieser kommt mir im Film eher wie ein Fan als ein Schwergewicht einer Plattenfrma vor und ist m.E. fehlbesetzt. Von den Bandmitgliedern überzeugt am wenigsten Daniel Webber als Vince Neil. Er kommt optisch eher rüber wie Garth von "Wayne's World" und ist auch körperlich etwas zu klein geraten. Douglas Booth als Nikki Sixx überzeugt am meisten. Colson Baker aka Rapper Machine Gun Kelly gibt einen authentischen Tommy Lee ab (vor allem die Drum-Bewegungen trifft er hervorragend) und bereits genannter Iwan Rheon gibt "Alien" Mick Mars in seiner trockenen Art ebenfalls recht getreu wieder.

Mit "Shout At The Devil" stellen sich die ersten großen Erfolge ein. Die Konzertszenen generell sind sehr gut gefilmt und entsprechen auch den damaligen Kostümen und Bühnenaufbauten. Leider kommt die Musik insgesamt gesehen doch ein bisschen zu kurz und man konzentriert sich zu viel auf die damaligen Eskapaden der Band, die sich zu oft wiederholen. Ich hätte lieber gesehen, wie mancher Song im Studio entstanden ist, anstatt Nikki und Co. die x-te Koks-Linie durch die Nase ziehen oder das fünfundzwanzigste Groupie beglücken zu sehen. 

Natürlich gehören die Drogen-Eskapaden und sonstigen Exzesse zu MÖTLEY CRÜE dazu wie das Weihwasser zur katholischen Kirche (gut - ein an dieser Stelle wohl etwas unpassender Vergleich, aber sei's drum). So sieht man die Band langsam immer wieder im Alkohol und Koks-Sumpf verschwinden, im Falle Nikki Sixx sogar bis zum Heroinkonsum und seinem (von ihm meist zu oft erwähnten) klinischen Tod für mehrere Minuten.

Man muss "The Dirt" anerkennend dafür loben, dass kaum etwas beschönigt wird. Weder der Drogenkonsum wird verherrlicht, noch werden negative Aspekte unter den Teppich gekehrt. So kommt einem die Band ab der "Theatre of Pain"-Phase zu Recht komplett unsympathisch vor, aber so waren sie eben zum damaligen Zeitpunkt. Und welche Band würde schon in ihrem eigenen Film sagen, dass eine Platte mal totale Kacke war - hier erfährt man es bei "Theatre Of Pain" (die ich jedoch nicht mal so übel finde).

Negativer Höhepunkt in der CRÜE-Historie war natürlich die Suff-Todesfahrt von Vince Neil, bei der HANOI ROCKS-Drummer Razzle ums Leben kam. Nerds haben an dieser Szene bemängelt, dass das Auto im Film ein anderes war als im wirklichen Leben. Kann man aber verschmerzen. Das Urteil (19 Tage Knast plus 2,5 Millionen Dollar Strafe) ist sicherlich noch immer ein schlechter Witz und das wird auch im Film kritisch beleuchtet. Leider wurde der echte Vince ja nicht schlauer und hielt sich künftig nicht vom  Alkohol fern.

Das Aufrappeln der Band nach Nikkis Fast-Tod und dem absoluten Höhepunkt mit "Dr. Feelgood"  von 1989 bis 1990 wird ebenfalls gut dargestellt, mit wiederum sehr geil gefilmten Konzertszenen. Manches aus dem Privatleben wird dazwischen nur leicht angerissen: die Hochzeit Tommy Lees mit Heather Locklear zum Beispiel, während seine Liäson mit Pam Anderson gar nicht erwähnt wird. Aber da gab es wohl vom Blondchen keine Zustimmung, denke ich. Oder aber auch der Kampf von Mick Mars gegen seine immer weiter fortschreitende Rückenkrankheit.

Die Zeit ohne Vince mit John Corabi wird nur ganz kurz beleuchtet und wohl auch etwas zu negativ dargestellt. So übel waren die Ticketverkäufe dann wohl auch nicht, wie im Film behauptet wird, und Corabi selbst bekommt im Film nicht einmal eine Textzeile.

Emotionaler Höhepunkt des Films ist sicherlich der tragische Tod von Vinces Tochter Skylar, die 1995 im Alter von vier Jahren krebsbedingt starb. Dies wird auch darstellerisch (besonders von der kleinen Kamryn Ragsdale als Skylar) sehr überzeugend rübergebracht und hat emotionale Tiefe; etwas, das einem gewissen Oscar-prämierten Film m.E. völlig abging.

Die folgende Reunion, die ja mehr auf Drängen der Plattenfirma beruhte und weniger auf tatsächlicher Freundschaft zwischen den Bandmitgliedern, wird dann doch etwas arg verklärt und im Film etwas überhastet gezeigt. Gerade Tommy Lee und Vince waren sich damals (und wohl auch noch heute) so gar nicht grün, während im Film das ganze als große, fröhliche "Brotherhood" ankommt. Dies fällt wohl einmal mehr unter die sogenannte künstlerische Freiheit

Der Film endet mit dem Aufmarsch der Gladiatoren zu einer Reunion-Show mit Vince, ehe es im Abspann noch einiges an Original- Footage vom letzten Konzert vom 31.12.2015 und danach einige Gegenüberstellungen von nachgestellten Filmszenen mit Original-Aufnahmen aus den Achtzigern gibt, anhand derer man erkennt, dass am Film wirklich detailgetreu und liebevoll gearbeitet wurde.

FAZIT: Für mich gibt "The Dirt" als MÖTLEY-Nerd die damalige Zeit sehr gut wieder. Man glaubt sich fast auf einer Zeitreise in die wilden Achtziger, die wohl in dieser Form sicher nicht mehr wiederkehren werden. Entgegen den Weichzeichnungen und Glorifizierungen einzelner Bandmitglieder sowie gar dem Verbreiten dreister Geschichtsumschreibungen unter dem Deckmantel der Dramaturgie im nichtgenannten FSK-6- Oscar-Biopic ist "The Dirt" ehrlich und ohne größere Fehler und beschönigt auch nichts. Die Bandhistorie wird mit vielen Ups & Downs gut dargestellt und die Schauspieler sind mit wenigen Ausnahmen überzeugend. Negativ würde ich den zu wenig zum Tragen kommenden musikalischen Part ansprechen, ebenso wie manche Fehler bzw. Fehlbesetzungen (wie oben angesprochen z.B. Tom Zutaut oder auch Doc McGhee als "Kiss Manager", der er erst ab deren Reunions-Tour 1996 war). Letztlich aber keine Fehler, die einen zum Ausschalten zwingen. Im Gegenteil: "The Dirt" hat sicherlich nichts mit Oscars zu tun, was aber auch nicht der Anspruch ist. Meines Erachtens ein gelungener und sehr unterhaltsamer Film über eine Band, die instrumental und gesangstechnisch sicherlich nie grandios war, dennoch aufgrund ihrer Songs aber auch aufgrund ihrer Eskapaden zu Recht zu den ganz Großen im Rockbusiness zu zählen sind. MÖTLEY CRÜE und die Achtziger-Hair-Metal-Days gehören einfach zusammen. Den Soundtrack mit den alten Klassikern zu hören und alte MÖTLEY-Scheiben wieder aufzulegen und in Erinnerungen zu schwelgen, dazu motiviert der Film allemal und hat somit das Klassenziel mehr als erreicht. Der Film war die sehr lange Wartezeit durchaus wert. 

 

WERTUNG:  4 von 5 Punkten


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