Das Metalmuseum: WINTERSUN - Wintersun

Veröffentlicht am 15.02.2019

"Oh sleeping stars, why are you so sad tonight
 Oh sleeping stars, will you shine for me tonight"

"Oh schlafende Sterne, warum seid ihr so traurig heute Nacht
 Oh schlafende Sterne, werdet ihr scheinen für mich heute Nacht"

WINTERSUN - Sleeping Stars (2004)

Aber wie ist es denn nun, dieses von den meisten Seiten so hochgepriesene Album? Nun, für Fans der Band, die erst zu einem viel späteren Zeitpunkt begonnen haben, ihr Schaffen zu verfolgen (zu dieser Gruppe zähle ich mich auch selbst), möglicherweise etwas ungewohnt oder überraschend, zumindest im direkten Vergleich zu den (viel) später folgenden Werken wie "Time I" oder "The Forest Seasons", deren Songs ja für ihre teils exorbitante orchestrale Aufmachung bekannt sind. Das Erstlingswerk "Wintersun" ist da noch etwas... anders, auch wenn sich rückblickend auch hier schon die ersten Zeichen dessen ausmachen lassen, was noch kommen sollte. Ebenfalls zu bemerken bleibt, dass hier phasenweise auch noch eine leichte Ähnlichkeit zu Mäenpää's Schaffen bei ENSIFERUM zu finden ist, was einen allerdings auch nicht sonderlich verwundern sollte, stammt das ursprüngliche Songmaterial doch aus demselben Zeitraum.

Das Album in eine wirkliche Genrespalte zu stecken ist gelinde gesagt schwierig, verbindet es doch Elemente verschiedenster Stilrichtungen innerhalb des Metal, die Auswahl reicht hier von starken Einflüssen aus dem Melodic Death Metal über den einen oder anderen symphonischen Klang und kommt nicht selten auch fast schon an den Klang des Power Metal heran, ziemlich schwierig zu definieren also. Was man aber sagen kann ist, dass das gesamte Werk sehr melodisch ausfällt und es im Kern auch reich an Vitamin E für Epik ist, eine Sache, die sich ja als wegweisend für den weiteren Werdegang der Band herausstellen sollte.

Um gleich zu zeigen, wozu die zwei Musiker hinter dem Namen WINTERSUN auch technisch fähig sind, ließ man sich beim Opening des Albums nicht lange bitten: Der Opener "Beyond The Dark Sun"  besticht sofort mit einer beachtlichen Spielgeschwindigkeit und wirft den Hörer gleich mit den ersten Gitarrenklängen mitten ins Geschehen, man verzichtet vollends auf eine dieser gemächlichen Einleitungen, die einen von kalten Winterlandschaften oder geheimnisvollen Wäldern träumen lassen. Wer nun nach den ersten Songs aber eine kurzweilige Musikerfahrung ohne viel Tiefgang erwartet, dem sei gesagt: Auf Immersionserzeugung wird zu keinem Zeitpunkt verzichtet, allerdings setzen die Musiker dabei auf eine etwas subtilere Methode, die sich durch das ganze Album zieht. Um das genauer zu erläutern sollte ich aber etwas ausholen...

Das Cover von "Wintersun" gibt, sieht man sich die Symbolik dahinter genauer an, einige Rätsel auf, es scheint eine Geschichte erzählen zu wollen, gibt diese jedoch nicht gleich preis, was ich damit jetzt genau meine, dazu gleich mehr. Worum es geht ist, dass die ganze Situation, die auf dem Cover dargestellt wird, Fragen aufwirft: Wer ist diese Person, die da tot im Schnee liegt? Ist es ein Krieger, der auf dem Weg zurück in die Heimat den Weg verlor? Wurde er ermordet im Schnee liegen gelassen? Was soll uns die in kalten Farbtönen gehaltene Sonne sagen, die ja ein wiederkehrendes Motiv darstellt? Was bedeutet das aus der Ferne scheinende Licht, das immer näher zu kommen scheint? Fragen über Fragen.

Was nun WINTERSUN mit dieser Situation, in die der geneigte Hörer gedrängt wurde, machen ist, dass die Elemente und Symbole des Covers immer wieder in den Songs gestreift werden und Bezug auf sie genommen wird, ohne dabei aber einen roten Faden bereitzustellen, an den sich der Hörer klammern könnte. Musikalisch merkt man das am ehesten an den immer wieder unterschwellig eingestreuten Sprechpassagen von Herrn Mäenpää. Man hat den Eindruck, als schlüpfe er in die Rolle des im Schnee liegenden Mannes und verdeutliche uns die letzen gedanklichen Monologe des Sterbenden. Das ist natürlich nur eine Interpretation des Ganzen, zumal bereits bestätigt wurde, dass Songs wie "Beautiful Death" ursprünglich in ganz anderem Kontext geschrieben wurden, jedoch ist es spannend, derartige Dinge zu entdecken und zu bemerken, in welch verschiedene Richtungen sie sich interpretieren lassen und wie viel künstlerisches Geschick sich dahinter eigentlich verbirgt.

Um nun aber zurück auf die Musik zu kommen, den Hörer erwartet hier, zumindest mit Fortdauer des Albums, ebenfalls mehr als ein auf Geschwindigkeit getrimmtes Shred-Feuerwerk, obgleich solche Passagen und Songs durchaus nicht selten sind. Spätestens "Sleeping Stars" nimmt dem Album einiges an Tempo heraus und räumt damit auch die Möglichkeit ein, den Hörer die Ästhetik und Schönheit erfahren zu lassen, die hier verarbeitet wurde. Alles schreit nach Melancholie und hat gleichzeitig dennoch so eine hoffnungsvolle Note, als würde das Leid, von dem berichtet wird, bald enden: ein Gefühl, das sich, mal stärker und mal schwächer, durch das gesamte Album zieht und dem Ganzen einen fast schon kitschigen Touch gibt. Besonders bei dem Song "Death And The Healing" ist dieses Konzept deutlich zu hören und auch zu spüren. Was diesen Eindruck noch weiter unterstützt ist, dass das sonst vorherrschende Screaming wohl ganz bewusst durch hymnenhaften, ja fast schon beschwinglichen Gesang ersetzt wurde, was zu einem pompösen, beinahe opernhaften Klangbild führt und den Hörer regelrecht in das heraufbeschworene, klangliche Szenario zieht. "Immersion" ist auch hier wieder das Stichtwort.

Dennoch versinkt "Wintersun" trotz allem Pathos und aller Epik nicht vollends im Kitsch und bietet auch nach dem stürmischen Opening immer wieder richtiggehend aufrüttelnde Momente, die die Hörerschaft aus dem Müßiggang reißen und einiges an Action für diejenigen zu bieten haben, die ihren Metal mit etwas Pfeffer im Hintern wollen. Ein tolles Beispiel dafür wäre "Battle Against Time", das klanglich einer Schlacht aus dem "Herr der Ringe"-Universum nahekommt. Manchmal macht es fast den Anschein, als könnte man bei der Songauswahl aus den Kategorien "gemächlich und fast schon müßig" und "VOLLGAS JETZT GEHT'S ABER LOS HIER" wählen, was wohl allerdings dem oft vorkommenden, starken Kontrast in Sachen Tempo zwischen nacheinander folgenden Songs zu schulden ist. Hört man das Album nicht in einem Durchgang, so fällt dies wohl wesentlich weniger ins Gewicht.


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Hintergründe und Entstehung
Seite 3: Das Album
Seite 4: Die Texte
Seite 5: Das Fazit


WERBUNG: KORN - The Nothing
ANZEIGE
WERBUNG: Escape
ANZEIGE