Flusensieb #18 – 10 mal Metal

Veröffentlicht am 10.02.2018

Manchmal stellt man ganz am Ende einer Party fest, dass man die interessantesten Menschen gar nicht kennengelernt hat. Und manchmal stellt man erst eine Weile nach dem Erscheinen einiger Metal-Platten fest, wie spannend sie sind. Zehn stellt das Flusensieb vor: Es beginnt mit Eiswüstenwind, Punk 2.0 und einem Maskenball, bevor Kafka-Vertonungen, Heimwerkerkönige und eine kleine Beerdigungsewigkeit das Feld übernehmen. Außerdem wird eine idyllische Lichtung verwüstet, der LSD-Onkel bestellt und ein Sarg ausgegraben. Im Abgang: Dosenstechen-Wettrülpsen. Viel Spaß!

 

COLDCELL – Those

Verzweifelt weint eine Gestalt aus den Gewölben einer nächtlichen Ruine. Polternd brüllt ein Grobian seine Wut an die Wände seines eigenen Schädels. Schaurig finden sich die Diener der Dunkelheit im Kreise zusammen. Fröstelnd haucht der Wind durch die ewige Eiswüste. Hart donnert der Sturm die schwarzen Wellen an die kargen Klippen. COLDCELL halten sich mit „Those“ nicht an Black-Metal-Regeln, ohne jedoch progressiv zu werden. Ein Album von tiefer Faszination, das je nach Subgenrevorliebe beglücken und Zähne knirschen lassen kann: Black, Doom, Depressive Black, Extreme, Athmospheric Black und mehr. Bis auf manche Vocals eine weit überdurchschnittliche Platte im schwarzen Regal. (jazz)

 

ÜBERGANG – Zeichen der Zeit

Punk's not dead! Er ist wiederauferstanden! Im Fall von „Zeichen der Zeit“ lebt er fort im ÜBERGANG zwischen rasendem Thrash und deutsch gebrülltem Hardcore. Die Göttinger schaffen einen so überragend wütenden Bastard, dass man kaum glauben mag, dass es sich um ein Debütalbum handelt. Wenn die so weitermachen, geht noch mal irgendwas kaputt! Ich hoffe, außer mir hat auch der Rest der Welt auf diesen beeindruckend Genremix mit dieser krank aggressiven Stimme gewartet. Der Höhepunkt auf „Zeichen der Zeit“ ist „Lucy Far“: Drei mal hören! Erst nervt es dich, dann bricht es dich, dann liebst du es! Oder auch nicht. Dann nicht. Schade, denn: „Alles ist ÜBERGANG!“ (jazz)

 

TWIST OF FATE – Behind The Masquerade

Erst als der Ball sich seinem Ende näherte und der faszinierende Unbekannte mich nach elektrisierenden Tänzen in eine Nische des Heckenlabyrinths entführte, fiel die Maske und brachte einen erstaunlichen Hybriden zum Vorschein. Metallisch, aber poppig, rockig, aber metalcorig, altmodisch, aber modern, wild, aber einfühlsam, selbstsicher, aber jugendlich ungestüm, bezaubernd, aber bizarr. Vorsichtige Finger streichen mir zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht, aber der Mund beißt grob in meine Lippe. Ich gebe mich ganz „Behind The Masquerade“ von den jungen deutschen TWIST OF FATE hin – unsicher, ob diese sinnliche Beiwohnung mich mehr befriedigt oder verstört. (jazz)

 

ODRADEK ROOM – A Man Of Silt

Gerade post-metallische, progressive und doom-metallige Klänge versetzen den Hörer mitunter an Orte, die völlig frei von Raum und Zeit sind. Welten nur aus Abstrakta: ein Schweben in Gefühlen. Die ukrainischen Kafka-Fans ODRADEK ROOM treffen genau in dieses Feld, mahlen zusätzlich ordentlich mit der Melodien-Mühle und salzen mit etwas Death Metal. Je entrückter, ambientiger und atmosphärischer der Klang von „A Man Of Silt“ und je zurückhaltender die verschiedenen Gesangsstile, desto beeindruckender ist das Album. Für das gänzlich meditative Forttreiben agiert es jedoch zu progressiv und besitzt zu spontane Brüche und zu aggressive Death-Vocals, aber auch das hat seinen Reiz. (jazz)

 

B.O.S.C.H. – Fleischwolf

Es wäre zu einfach zu glauben, dass B.O.S.C.H. der kleine deutsche Bruder des Heimwerkerkönigs wäre. Hier wird auch gewerkelt, aber eher daran, dass die durchaus gutklingende Truppe wie der Ableger von RAMMSTEIN klingt. Nun kann man darüber streiten, ob der Sound der einen so individuell ist, dass er nicht wiederverwertet werden darf, oder man sich freut, dass es da noch mehr gibt. Eines jedenfalls ist klar: B.O.S.C.H. hämmern und sägen definitiv hochwertig daher und können auch videotechnisch recht gut punkten. (lisi)

 

WOE UNTO ME – Among The Lightened Skies The Voidness Flashed

Zwei CDs, zwölf Songs, fast zwei Stunden Musik. Was für ein Koloss! Ob es sich bei WOE UNTO ME wohl um Doom handeln könnte? Selbstverständlich! Und zwar um progressiv, deathig und jazzig angereicherten tendenziell funeral-orientierten Doom. Das zweite Album der Weißrussen mit dem eleganten Titel „Among The Lightened Skies The Voidness Flashed“ ist nicht in jedem einzelnen Moment beeindruckend, insgesamt aber hervorragend. In dieses Werk taucht man ein und erst einmal nicht wieder auf – bis man gänzlich vollgesogen ist mit seinen Klängen, seiner Stimmung, seiner umwerfenden Schönheit. Ungeeignet für eine flüchtige Nummer, perfekt für eine kleine Ewigkeit. (jazz)

 

SEVENTH GENOCIDE – Toward Akina

Friedlich und unberührt liegt am Fuße des Berges eine naturbelassene Lichtung. Schmetterlinge tanzen durch die Sonnenstrahlen, ein zartes Rehkitz grast unbekümmert und im Bach … Eine Gerölllawine poltert durch das Idyll. Sie bringt Verwüstung und klingt nach tiefer Trauer. Bei SEVENTH GENOCIDE trifft Post-Rock und die ruhige Musik einer akustischen Gitarre auf Atmospheric bis Depressive Black Metal, wobei der Metal einen deutlich kleineren Part einnimmt. „Toward Akina“ ist wie ein entspannter Sommertagtraum, in den immer wieder unberechenbar tragische Alpträume einbrechen. Dabei sind die Übergänge jedoch weniger organisch als abrupt. Starker Post-Black-Metal mit einer Portion Unbehagen. (jazz)

 

UNCLE ACID & THE DEADBEATS – Vol. 1

UNCLE ACID & THE DEADBEATS („Mama, der Onkel mit dem LSD ist da!“) verkaufen uns in ihrer neu aufgelegten LP „Vol. 1“ astreine Stoner-Atmosphäre der späten 60er und frühen 70er. Junger BLACK-SABBATH-Sound paart sich stilistisch sicher mit manischen Psychedelic-Elementen und erschafft so ein rundes Gesamtwerk, das sowohl Fans besagter Legenden, aber auch aufgeschlossene 68er-Sympathisanten aufhorchen lassen dürfte. Ob die vertrackten Ausflüge in „Witches Garden“ und den „Vampire Circus“ eine bewusstseinserweiternde Erfahrung oder doch nur ein inhaltsleerer Trip des eh schon schief angesehenen Onkels ‚Psychedlic Rock‘ sind, darf hier nun jeder selbst entscheiden. (L.P.)

 

CASKET – Unearthed

Zum vierten Mal wird seit 1990 der Sarg in voller Länge ausgegraben. Jetzt wird exhumiert. „Unearthed“ heißt die Platte des süddeutschen Trios CASKET und liefert unbarmherzigen Death Metal in überwiegend reinrassiger Old-School-Manier. Dabei grunzt sich Schorsch das monotonste Guttural-Gerülpse aus der Seele, das langweilen oder wegen seiner Trveness schon wieder gefeiert werden kann, während die Musik durchaus ein ansprechendes Spektrum bietet und eine große Leidenschaft für die todesmetallene Reinkultur beweist – gelegentlichen Techtelmechtel mit dem Grindcore halten die Beziehung frisch. Old-School-Death-Metal-Fans aufgepasst: CASKET sind nur echt, wenn ihr Album mit U beginnt! (jazz)

 

BETONTOD – 1000xLive

Seit über 26 Jahren spielten BETONTOD durchschnittlich mindestens alle zehn Tage ein Konzert. So waren sie schon mehr als „1000xLive“. Der Beweis, dass Punk nicht tot ist, wurde auf einer Liveplatte festgehalten, die mit solidem Punkrock auftrumpft – so diffizil und komplex wie das Wettrülpsen nach dem Dosenstechen. Einerseits geht das Gebölke manchmal ins Ohr wie die Stammtischreden in der Eckkneipe – Erinnerungen, Freundschaft, Widerstand –, andererseits bezieht die Rheinberger Truppe klar politisch Position: „Viva Punk ein Leben lang!“ 1,5 Stunden ordentliches Liveprogramm – sicher eher was für Fans als für Neueinsteiger. (jazz)

 

Mehr Flusensieb!


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