Das Metalmuseum: SODOM - Agent Orange

Veröffentlicht am 23.01.2018

Das Metalmuseum stellt in der Regel Klassiker des Genres eher aus der persönlichen Sicht der Redakteure dar, als das es sich um konservative Reviews handelt (davon gibt es gerade zu den großen Alben ohnehin eine Unmenge im Internet). Wie wohl jeder Heavy Metal- und Hardrock-Fan nachvollziehen kann, ist es schwer, eines auszuwählen, da jeder etliche prägende Alben aufzählen kann, die zu den (persönlichen) Meilensteine der härteren Musik gehören.

In dieser Ausgabe fiel die Wahl auf „Agent Orange“. Hier dürften sich wahrscheinlich ein Großteil der Kritiker und Fans einig sein, dass es sich dabei um das definitive SODOM Album handelt. Es gibt zwar auch ein paar arme geistig Verwirrte, die meinen, das Album sei „zu kommerziell“ und nur die pre-Blackfire Phase der Band „trve“ und „kvlt“, aber das sind wahrscheinlich dieselben, die meinen, dass „Reek Of Putrefaction“ das beste CARCASS Album sei - weil es gelinde gesagt scheiße klingt. An die Reputation von „Agent Orange“ konnte bis heute kein SODOM Album anknüpfen, auch wenn danach mit „Better Off Dead“ eine gute Scheibe abgeliefert wurde und „Tapping the Vein“ wegen seines Death Metal-Einschlags ein Favorit mancher ist. Ein heißer Anwärter auf das beste SODOM Album folgte mit „Get What You Deserve“. „Masquerade in Blood“ leidet leider sehr unter dem Sound, aber danach ging es für SODOM ziemlich konstant mit soliden Alben weiter, ohne dass ein bestimmtes Album auch nur annähernd den Kultstatus von „Agent Orange“ erreichten konnte.

Erschienen ist das Album vor fast 29 Jahren, im Juni 1989. Damals habe ich davon allerdings nichts mitbekommen. Die lebhaften musikalischen Erinnerungen an diese Zeit sind jene an die Kassetten im Auto des Vaters, worauf sich neben Schlagern vor allem 60er Jahre Songs wie „Pictures of Lily“ von THE WHO sowie eine ganze Kassette mit den BEATLES befanden. 1989 hörte ich auch zum ersten Mal „Baker Street“ von Gerry Rafferty, das gepaart mit dem Dunkel und den Lichtern der kleinen Stadt, durch die wir gerade auf dem Weg ins neue zu Hause fuhren, einen tiefen Eindruck hinterließ. Aktuelle Musik gab es im Wunschkonzert auf Ö3 und im „Wurlitzer“ im ORF. Da war man schon froh, wenn ab und zu noch das Video zu „Sledgehammer“ von Peter Gabriel gespielt wurde und man nicht den NEW KIDS ON THE BLOCK und Ähnlichem ausgesetzt war, mit Songs, die nicht berühren, affigen Videos und ekligen Typen. Bis ich musikalisch im Jahr 1989 ankam und den guten Stoff der Zeit entdeckte, sollte es noch einige Jährchen dauern. Langsam entwickelte sich der Musikgeschmack weiter und breiter – vor allem kam auf die Lust nach schneller und härter auf. Über 70er Jahre Hardrock dann allmählich beim klassischen Heavy Metal á la JUDAS PRIEST gelandet, war es nur ein kleiner Schritt zum Thrash Metal, allerdings vor allem der nordamerikanischen Spielart, mit SLAYER für lange Zeit als das persönliche Ultimum an Härte. Der deutsche Thrash Metal war anfangs nicht zugänglich genug, zu extrem (dass danach der nächste Schritt zu CARCASS führte, ist nicht verwunderlich). Vor allem auch die Vocals, denn ein Tom Angelripper, Mille Petrozza, Robert Gonellla oder Schmier sind kein James Hetfield, Eric A.K. Knutson, John Bush oder gar Joey Belladonna (gut, auch ein Steve „Zetro“ Souza oder Dave Mustaine sind etwas gewöhnungsbedürftig). Nach langsamem Herantasten im Internetzeitalter landete man auch bei den deutschen Thrash Metal-Größen und hört mal in erste SODOM Songs hinein (der erste Song war glaube ich das Cover von „Aber bitte mit Sahne“) und beschließt sie auf die Suchliste zu setzen. Bis ich das erste erschwingliche Album in der Hand hielt, verging noch eine Weile (ganze Alben streamen ist nicht meins, sondern ich warte bis ich das Ding – am besten auf Vinyl - habe und auflegen kann). Aber dann fand ich sie: die Re-Issue von „Agent Orange“.

Ich hatte schon viel darüber gehört und gelesen, aber dann kam der große Moment, das aufregende Erlebnis, zum ersten Mal ein Album aufzulegen und bewusst anzuhören. Die Erwartungen waren groß und sie wurden nicht enttäuscht.

Mit „Agent Orange“ lieferten SODOM nicht über Nacht ein plötzliches Meisterwerk ab, der eigentliche große Schritt in der Entwicklung der Band erfolgte schon früher - hier wurde er nur perfektioniert. Nicht unwesentlicher Bestandteil des Erfolgsgeheimnisses war Gitarrist Frank Blackfire, der dank seines immensen Talents eine große Bereicherung für die Band darstellte und den Songs die notwendige, bis dahin fehlende Finesse verlieh. Nicht „Agent Orange“, sondern die EP „Expurse Of Sodomy“ ist das Zeitdokument, das den großen musikalischen Fortschritt der Band dokumentierte und den Weg für das sehr gute Album „Persecution Mania“ und schließlich auch den Nachfolger „Agent Orange“ ebnete. Mit einem weniger begabten Gitarristen wäre die EP vielleicht schon der Schwanengesang der Band geworden. Aber es war „Agent Orange“, das „completely turned my life and the lives of my pals upside down“, wie Tom Angelripper in den Liner-Notes der Re-Issue schreibt. „(…) the record label, as well as the fans and magazines claimed an album, which woud fill the shoes of „Persecution Mania“ without copying it.“ „Agent Orange“ wurde das erwartete Album.

Ein zweiter, nicht zu unterschätzender Faktor ist Produzent Harris Johns, dem es seit seiner ersten Zusammenarbeit mit SODOM auf „Expurse Of Sodomy“ gelang, diesem zunächst noch Rohdiamanten den nötigen Schliff zu geben. Die Rolle des Produzenten wird oft unterschätzt, vor allem da wirklich gute es verstehen, das Maximum aus einer Band rauszuholen, ihre Essenz einzufangen und dabei selbst im Hintergrund bleiben. Das unterscheidet Johns von Dilettanten, aber auch Leuten wie einem Robert John „Mutt“ Lange, der ab seiner Synthie-Phase gleich einem Schönheitschirurgen aus Hollywood alles so geglättet hat, dass es seinen eigenen Charakter verlor.

Das Line-Up Angelripper, Blackfire, Witchhunter dürfte das sein, an das die meisten denken, sobald sie den Namen SODOM hören. Während Blackfire zu den (oft unbeachteten) Größen der deutschen Gitarristen gehört, sind Angelripper und Witchhunter technisch zwar nicht so brillant, aber man merkt ihren immensen Fortschritt und es passt einfach vom Stil sowie vom Feeling her. Die einzelnen Elemente der Band wirken perfekt zusammen und das Ergebnis ist ein Album aus einem Guss, mit jeder Menge Dynamik, Intensität, Leidenschaft, simplen mitreißenden Rhythmen und grandioser Gitarrenarbeit, das einfach laut gehört werden muss und durch Mark und Bein geht. „Agent Orange“ dokumentiert eine junge, hungrige Band auf ihrem Zenit. Was mit diesem Line-Up noch möglich gewesen wäre, darüber kann man nur spekulieren (was so manche Fans, die dem Abgang Blackfires nachtrauern auch gerne tun), ob es möglich gewesen wäre den feuchten Wunschtraum der Fans zu erfüllen und ein zweites „Agent Orange“ zu schaffen, oder es gar ein Album, das es schafft es zu übertreffen. abzuliefern. Ob es möglich ist, daran anzuknüpfen, wird sich noch zeigen.

Langeweile oder Montonie kommt hier nicht auf. Die nun wesentlich komplexeren Songstrukturen (als jene der ersten Veröffentlichungen der Band) verstehen, den Hörer zu fesseln, unter anderem mit etlichen Tempowechseln und geilen eingängigen Riffs. Schon der Titelsong „Agent Orange“ kickt das Album mit einer Wahnsinnsmelodie und -rhythmus los, bei dem kein Nacken steif bleibt, der schon bald von einer etwas langsameren, aber dennoch nicht weniger wuchtigen Part abgelöst wird, bevor der Song das Tempo voll aufdreht und die Vocals einsetzen.

Headbanger und Mosher haben an den Songs sicherlich ihre Freude, aber es wartet auch teilweise mit einem unglaublich guten Groove auf. Es ist zwar verpönt unter Metalheads, zu tanzen (außer man ist Lee Dorrian), aber „Agent Orange“ geht nicht nur in den Nacken, sondern in manchen Parts auch ins Bein und durch den gesamten Körper [Anm.d.Lek.: AGENT ORANGE, AGENT ORANGE, AGENT ORANGE - THE FIRE THAT DOESN'T BURN!!! *brüll*]. Bier aus der Hand, Hintern von der Couch, macht die Knie locker, lasst die Hüften und den Körper einfach mitgehen, von langsamen, intensiven pelvic thrusts bis hin zum lockeren Mitschwingen und ausladenden, kreisenden Nackenbewegungen. Einfach mal ausprobieren! Das Feeling ist fantastisch!
 „Tired And Red“ mag direkt nach „Agent Orange“ anfangs noch nicht so anders oder besonders klingen, überrascht dann aber mit geradezu wunderschönen, zarten Klängen, bevor er nochmal einen draufsetzt und mit einem tollen Rhythmusteil aufwartet, der auch das fantastische Solo unterlegt.

Füller hat das Album keine. Bekritteln könnte man höchstens die Thematik von „Incest“, die auch aus der Position eines fiktiven Ichs geschrieben nicht wirklich ansprechend ist (wobei der Song bei genauerem hinsehen bei Weitem keine Verherrlichung des Themas darstellt, aber so manche Leute vor den Kopf stoßen dürfte). Das ändert aber nichts an der hammerharten Musik, die gnadenlos auf den Hörer einknüppelt. Den Lyrics wird bei SODOM auch oft wenig Beachtung geschenkt, dabei hatten auch diese (sowie die Englischkenntnisse) eine Entwicklung durchgemacht, das Album wartet durchaus mit sehr guten Lyrics auf, die nicht um für SODOM-typischen Kriegsthemen kreisen, sondern sich auch mit anderen sozialkritischen Themen beschäftigen. So ist „Exhibition Bout“ ein Song, dessen Lyrics man auch von einer Band wie NAPALM DEATH erwarten könnte (nur dass sie da noch schwerer zu verstehen wären und man erst recht ein Lyricsheet bräuchte).

„Remember The Fallen“ holt immer wieder neu aus und verblüfft immer wieder auf neueste, wenn etwa die Soli, die sich, wie auch die anderen auf dem Album, wie ein Sahnehäubchen auf eine delikat geschichtete, locker und saftige Schokotorte auf die Songs legen, durch die galoppierenden Parts der Verse abgelöst werden. Der Song wartet im Übrigen auch am ehesten mit so etwas mit einem Mitsing-Refrain auf, auch wenn der, wie bei „Ausgebombt“, nur aus dem Titel des Songs besteht.

„Magic Dragon“ ist ein weiterer persönlicher Favorit. Als Opener von Seite 2 in der Originalversion (etwas, das man bei der Re-Issue hätte beibehalten sollen) war eine ausgezeichnete Wahl, mit seinem atmosphärischen, einstimmenden Fliegergeräuschen. Das Intro wurde auch in der „Lords Of Depravity“ Dokumentation effektiv eingesetzt. Zunächst noch langsam, tief und hart, jagen sich dann Drums und Gitarre, bevor kurz vor Ende in einen peitschenden Rhythmus gewechselt wird und dann am Schluss Tempo und auch allmählich Lautstärke, aber nicht Intensität heruntergefahren wird.

„Exhibition Bout“ sprüht auch vor lebhaften Wendungen, genialen instrumentalen Parts, die dem Hörer und seinem Gehör keine Ruhe lassen. „Ausgebombt“ mit seinem ikonischen Riff ist bis heute ein Klassiker in der Setlist von SODOMs Liveshows und „Baptism Of Fire“ rundet das Album ebenso stark ab wie es begonnen hat und wartet mit dem meiner Meinung nach bestem Solo des Albums auf.

Die Bonustracks der Re-Issue sind eine großartige Coverversion von TANKs „Don’t Walk Away“, das wie die Liveversion von “Incest“ von der „Ausgebombt“ Single stammt, sowie Liveversionen von „Agent Orange“ und „Ausgebombt“ (allerdings nicht in der Besetzung des Albums, sondern einmal vom „Marooned“ Livealbum mit Andy Brings und Atomic Steiff und der andere Song von „One Night In Bangkok“ mit dem Line-Up Bernemann und Bobby Schottkowski). Aber das ist alles nur ein Bonus, der das Album eigentlich gar nicht braucht.

Das Artwork stammt von Andreas Marschall nach einer Idee von Tom Angelripper. Als Fold-out-Cover ist es besonders schön, das ganze Bild zu sehen. Düster in der Thematik, mit wenigen Farben gestaltet und einem geschickten Kontrast aus malerischen, sanften Übergängen im Himmel und der grafischen, detaillierten Härte des Einblicks in den Flieger im Vordergrund.

Auch nett: Die Innenseiten der 2010 Re-Issue mit den Liner Notes von Tom Angelripper, den Songtexen und neben martialischen Illustrationen auch einigen kleinen Bandfotos, alles in Sepia getüncht, wobei SODOM keine Band ist, deren Alben man sich wegen der hübschen Bildchen der attraktiven Jungs kauft. Das Centerfold ist keine Wichsvorlage (womit ich nicht sagen will, dass das unmöglich ist), sondern genau das, was altmodische Plattenliebhaber wie ich mögen, die gerne etwas ergänzend zur Musik haben, Infos zum Album, Lyrics zum Mit- oder Nachlesen, Artwork, dass das Feeling der Musik unterstreicht und Bilder zum hineinversinken.
Man kann Angelripper nur zustimmen wenn er meint „Agent Orange“ sei „one holistic musical artwork“. Es ist pumping und thrashing, packt einen am Kragen und lässt einen nicht mehr los und klingt vor allem auch fast drei Jahrzehnte später noch immer lebendig und frisch.

„Agent Orange“ ist nicht nur das wichtigste Album der Geschichte SODOMs, sondern wahrscheinlich auch des deutschen Thrash Metal. Ja, ich würde sogar weitergehen und sagen, es ist eines der Klassiker der Metalgeschichte, das eigentlich in keiner gut sortierten Sammlung fehlen sollte. Hier bekommt das Metallerherz defintiv was es verdient.

Original Trackliste:
Agent Orange
Tired And Red
Incest
Remember The Fallen
Magic Dragon
Exhibition Bout
Ausgebombt
Baptism Of Fire

Trackliste 2010 Re-Issue:
Agent Orange
Tired and Red
Incest
Remember the Fallen
Magic Dragon
Exhibition Bout
Ausgebombt
Baptism of Fire
Don’t Walk Away
Incest (live)
Agent Orange (live)
Ausgebombt (live)


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