Faster! Harder! LOUDER! - Das muss Knallen!

Veröffentlicht am 29.11.2017

Faster! Harder! LOUDER!

Wir alle kennen diesen Spruch, das Motto, welches sich das allseits bekannte Wacken Open Air auf die Banner geschrieben hat. „Faster, harder, louder!“ heißt es jedes Jahr auf dem heiligen Acker – doch nicht nur im Festival-Schlamm hat sich dieses Credo durchgesetzt, auch abseits der Festivalkulisse prägt es den Metal-Livestyle.

FASTER - Schwarzwurzel-Drummer, die sich gegenseitig in aberwitzigen Blastbeats vom Geschwindigkeitstyp ratternde Nähmaschine übertreffen wollen und Gitarristen, die sich im Lichtgeschwindigkeits-Griffbrettwichsen zu Tode solieren!

HARDER – Egal wie hart die Riffs der Vorbilder sind, das muss doch noch brutaler, noch sägender gehen! Egal wie blutig der Text, das geht bestimmt noch abartiger!

LOUDER – Die Anlage brüllt im Endlast-Bereich, die Boxen überschlagen sich, die Trommelfelle platzen, wurscht, das geht noch lauter!

Halt, Moment mal! NOCH Lauter? Heavy Metal hat doch bereits den Ruf, der lauteste Musikstil von allen zu sein und MANOWAR haben mit ihren 139 Dezibel 2008 den Weltrekord für das lauteste Konzert aufgestellt. Was gibt es also noch zu beweisen? Und vor allem – was und wem nützt es überhaupt, zwanghaft der Lauteste zu sein? Im Endeffekt höchstens den Ärzten und den Hörgeräteakustikern, die dadurch Zulauf bekommen, wenn wir ehrlich sind.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich am Musikmarkt eine bedenkliche Entwicklung gezeigt, die inzwischen unter dem Namen „Loudness War“ den meisten mehr als durchschnittlich interessierten Musikfreunden geläufig sein sollte. Die Unsitte der Musikproduzenten, beziehungsweise die Forderung der Labels, dass ihr Produkt einfach „lauter“ klingen sollte als das der Konkurrenz, damit es schlichtweg mehr Aufmerksamkeit erregt. Es war der Startschuss für einen Wettbewerb der Lautstärke, der jedoch auch für einen spürbaren klanglichen Qualitätsverlust sorgte, der vielleicht im kommoden Mainstream-Bereich nicht so sehr auffiel, jedoch auch vor hinsichtlich der Dynamik anspruchsvolleren Stilen nicht halt machte. So zeigte sich auch im Metal mehr und mehr das Phänomen des immer lauteren Abmischens, was nicht jedermann glücklich machte.
 


Das Schlagzeug: Auch unplugged schon lautstark
 

Um das Eingangsthema wieder aufzugreifen, scheint sich auch im Live-Bereich in den letzten Jahren eine zunehmende Tendenz zu einer anderen Art von „Loudness War“ abzuzeichnen, dem bedingungslosen Ausreizen der zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten, einfach weil man es kann und weil es ja „cool“ ist. Aber ist es wirklich so cool, wenn die Ohren schmerzen und man von der eigentlichen Musik nur noch undefinierbares Kreischen und Fiepen hört? Führt es nicht eigentlich das Prinzip der Musik Ad Absurdum, wenn die schiere Lautstärke jegliches Detail auffrisst und die Töne zu einer breiigen Masse zerstampft in der man nicht einmal in der Lage ist die Instrumente zu unterscheiden? Wohl kaum.

Dass Konzerte in Wohnzimmerlautstärke nicht funktionieren werden, das dürfte jedermann klar sein. Und dass man, wenn man zum Gig einer Metalband pilgert, mit einer ziemlich saftigen Geräuschkulisse rechnen muss, das dürfte auch jeder schon verstanden haben. Natürlich gibt es Grenzwerte für die Lärmemission, die zu den ohnehin schon ziemlich drastischen Auflagen für Clubs und Konzerthallen noch obendrauf kommen. Diese liegen eigentlich bei 93 bzw 95dB, bei allem darüber hinaus gehenden muss eine explizite Warnung des Publikums seitens des Veranstalters erfolgen, dass die Lautstärke der Veranstaltung möglicherweise gesundheitsschädigend sein kann. Theoretisch sollte dann auch bei einer maximalen Lautstärke von 100dB Schluss sein, doch wenn man selbst einmal Messungen tätigt, dann ist einem schnell klar: So einfach ist die Sache mit den Grenzwerten nicht. Denn alleine eine Masse aus einigen hundert durcheinander redenden Personen erreicht bereits einen Wert von 90dB und darüber, entsprechend muss das Konzert diese Grundgeräuschkulisse bereits deutlich übertönen, um überhaupt gehört zu werden. Wenn man dazu noch den „DJ-Effekt“ miteinrechnet, also den Gewöhnungseffekt an die Lautstärke, der im Verlaufe des Abends eintritt und der ausgeglichen werden muss, um ein annähernd gleichbleibendes Hörerlebnis zu gewährleisten, kann man sich relativ einfach ausrechen, in welchem dB-Bereich sich Konzerte wirklich abspielen. Am FOH, wo die meisten Messungen stattfinden, kann man noch mit Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte rechnen, doch direkt an der Front, in Boxennähe, ist man wohl eher in einem Korridor von 105 bis zu 120dB, was bereits eine große Belastung für die Hörorgane darstellt.

Wobei eine Erhöhung des Pegels um 10dB einer quasi Verdoppelung der empfundenen Lautstärke entspricht, was man bei der Milchmädchenrechnung beachten muss - so wird schnell klar, dass selbst ein Konzert in „normaler“ Lautstärke bereits Hörschäden hervorrufen kann. Auch die jeweilige Tonfrequenz spielt bei der subjektiven Lautstärke eine Rolle, da es für unterschiedliche Frequenzen auch unterschiedliche Wahrnehmungs- und Schmerzgrenzen gibt. Natürlich muss man den effektiven Schalldruck auch noch hinsichtlich örtlicher Gegebenheiten differieren, da die Schallausbreitung einen nicht unerheblichen Anteil an der Gesamtbelastung hat, und sich diese je nach Situation (Open Air oder Indoor) gravierend unterscheidet. Selbst die Größe und Bauweise einer Halle oder eines Clubs haben maßgeblichen Einfluss auf den Schalldruck, dazu muss noch die Schallreflexion des Bodens und der umgebenden Gebäudeteile mit erfasst werden, und und und. Doch so sehr ins Detail gehen wollen wir hier gar nicht. Bedenkt man, dass eine effektive Belastung von 120dB bereits die Schmerzschwelle des menschlichen Gehörs ist (natürlich ist dieser Wert kein absoluter, die jeweilige Schmerzgrenze kann je nach Veranlagung, möglichen Vorschädigungen und sogar der Tagesverfassung etwas höher oder niedriger sein), so sind Konzerte per se schon ein Tanz auf dem Vulkan, vor dem oft zu Recht gewarnt wird.
 


Die Gitarre: Unser Lieblingsinstrument, sozusagen der Heilige Gral der Metalheads
 

Doch wir wollen hier den Teufel nicht an die Wand malen, denn die tatsächlichen schweren Hörschädigungen im Zuge von Rock- und Metalkonzerten sind glücklicherweise eher selten. Vielleicht auch deswegen, da immer mehr Leute, vor allem jene, die öfter auf Konzerten zugegen sind, die Verwendung von Ohrenstöpseln bevorzugen, um ihr Gehör zumindest nicht allzu stark zu strapazieren. Natürlich gibt es auf jedem Konzert auch die Typen, die sich lautstark beschweren, dass es zu leise wäre, weil sie sich noch immer selbst hören könnten, und die Spezialisten, die am liebsten den ganzen Abend lang mit dem Ohr direkt an der Box kleben würden. Wie jeder mit seinem eigenen Gehör umgeht, das bleibt natürlich den Leuten selbst überlassen und soll hier auch nicht diskutiert werden. Wie laut die Anlage zuhause oder im Auto läuft, mit welchem Druck man sich die Musik per Kopfhörer ins Cerebrum pressen lässt, das ist eines jeden eigene Sache. Auch wo man sich bei einem Konzert positioniert darf jeder selbst entscheiden – vorne an den Boxen ist die Gefahr natürlich größer, während die Belastung nach hinten zunehmend abnimmt.

All das ist natürlich Augenauswischerei, denn eine hundertprozentige Sicherheit ohne unliebsame Langzeitfolgen davonzukommen gibt es nie. Wohl aber kann man die Risiken mit verantwortungsvollen Umgang minimieren – seien das nun Gehörschutz seitens der Besucher als auch eine vernünftige Anpassung der Lautstärke seitens Veranstalter und Band. Doch genau hier scheinen sich einige schwarze Schafe herumzutreiben, die, wohl um ihr Ego zu polieren, die Möglichkeiten bis zum Letzten ausreizen. Im seltensten Fall sind das die Veranstalter selbst, denn diesen liegt am wenigsten daran, das Publikum mit schmerzhafter Gehörgangsvergewaltigung zu schädigen oder gar zu vertreiben – man will doch, dass die Leute bleiben, konsumieren und auch guten Gewissens wiederkommen!

Zu einigen Bands scheint das jedoch noch nicht durchgedrungen zu sein, denn da wird fröhlich der Lautstärkeregler bis zum Anschlag geschoben, weil laut zu sein ist ja cool! Vielleicht für den der auf der Bühne steht und sich gerne in den Sound der PA hüllt, welcher auf der Bühne gemäß den physikalischen Gesetzen der Schallausbreitung deutlich leiser zu hören ist als im Publikumsraum, deshalb gibt es eigentlich auch die Monitorboxen auf der Bühne. Oder jenen Musikern, die sich ohnehin per In-Ear-Monitoring den persönlichen Krachlevel anpassen können und denen es eigentlich scheißegal sein kann, welche Geräuschkulisse die Besucher letztendlich abbekommen.

Warum treibt man also die Lautstärke größtenteils unnötig so sehr in die Höhe, dass es fast schon an Körperverletzung grenzt? Einfach weil man es kann? Weil es die PA halt hergibt? Weil man „cool“ sein will? Doch was hat man als Band eigentlich davon, wenn man den Sound in einen Lautstärkebereich treibt, in dem der Fan vor der Bühne nur noch Brei zu hören bekommt und dann enttäuscht heimgeht, in der Überzeugung, „Die Band ist live scheiße!“? Oder die Fans im schlimmsten Falle mit einer Hörschädigung nach Hause schickt, die sie bis an ihr Lebensende verfolgen wird und die ihnen den Genuss von Musik und Konzerten auf lange Sicht vergällt, sodass sie lieber gleich fernbleiben oder überhaupt das Interesse an Musik verlieren, weil das Gehör zu eingeschränkt ist um sie noch genießen zu können? Damit schneidet man sich doch eher ins eigene Fleisch, wenn man der Klientel, die im Idealfall genügend Geld in die Kassen spülen soll damit der Lebensabend gesichert ist, Schaden zufügt und sie damit vertreibt. Einen neuen Rekord ala MANOWAR wird man in geschützter Clubatmosphäre wohl kaum aufstellen.

Natürlich könnte man dem Problem von Seiten der Veranstalter ganz einfach entgegensteuern, indem man eine Schalldruckbegrenzung einbaut – was vielfach auch gemacht wird -, die jedoch von kundigen Personen relativ schnell ausgehebelt werden kann. Oder man verbaut einfach weniger leistungsfähige Anlagen, um dem Einhalt zu gebieten? Mitnichten. Jeder der schon einmal einen Lautsprecher in den Endlast-Bereich getrieben hat, weiß, dass es dann zu deutlichen klanglichen Einbußen, wenn nicht sogar unschönen Knack- und Fiepgeräuschen kommen kann – selbst wenn es sich um hochwertige Boxen handelt. Somit ist die gewöhnlich vorhandene Reserve nach Oben eigentlich nur dazu da, um den Zuhörern im gewünschten Lautstärkebereich auch eine ordentliche Klangqualität bieten zu können – und nicht um irgendwelche schwanzverlängernden Lautstärkenbattles zu forcieren.

Der Großteil der Veranstalter und Bands, sowie deren Techniker sind allerdings verantwortungsbewusst genug, für eine vernünftige und den Gegebenheiten entsprechende Beschallung zu sorgen, wobei ein paar Ausreißer immer dabei sind, von denen wir hier aber nicht reden. Vielmehr von den wenigen im „Loudness War“ steckengebliebenen Bands, die konsequent durch Lautstärkepegel jenseits der Schmerzgrenze auffallen und diese akustische Vergewaltigung der Besucher (etwas anderes als Körperverletzung ist das nämlich nicht!) auch noch sowohl einfordern als auch als „cool“ bezeichnen. Es sei euch gesagt: Das ist es nicht!
 


Der Bass: Gerne geschasstes, aber wichtiges Rhythmusinstrument das für den richtigen Groove sorgt.
 

Stellt euch einfach vor, das es den Begriff „Ruhe“ von einer Sekunde auf die andere nicht mehr gibt. Ihr wollt Abends einfach nur euren Frieden haben – aber da ist ständig dieses Pfeifen, Klingeln oder Brummen, das euch nervig im Ohr liegt. Vielleicht ist es sogar so laut, dass es die leiseren Alltagsgeräusche übertönt. Das Pfeifen mischt sich in das Plätschern des Wassers beim Duschen, es untermalt den Verkehrslärm, begleitet jedes Gespräch und jeden Ton des Fernsehers und natürlich hört ihr es Abends im Bett ganz besonders gut. Klingt echt verlockend, oder?
Oder ihr erinnert euch bestimmt noch an eure alte Oma, die schon ein bisschen schwerhörig war? Da musste man ständig brüllen, damit sie einen verstand, und nicht einmal dann war es sicher, dass alles angekommen war und ihr musstet vieles mehrmals sagen. Nervig, oder? Es ärgert andere bestimmt genauso, wenn ihr ständig nachfragt, weil ihr etwas nicht verstanden habt. Oder den gehauchten Liebesbeweis eurer Freundin, wann ihr ihr denn endlich einen Heiratsantrag machen würdet, nicht versteht und übergeht und sie sich in der Folge von dem oberflächlichen Idioten, der darauf nichtmal eingegangen ist, trennt. Oder ihr sitzt nervös im Wartezimmer für ein Vorstellungsgespräch und könnt den dezenten Hinweis der Sekretärin, dass der Hosenstall offen steht, nicht verstehen. Sieht blöd aus und wenn die Sekretärin dann nachher noch dem potenziellen Chef steckt, dass ihr das auslüftende Gehänge selbst nach einem Hinweis nicht gnädig verborgen habt – tja, Aufmerksamkeit schlecht, auf Wiedersehen Traumjob! Die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen - und Hörgeräte sind ja eigentlich in einem gewissen Alter auch noch eher uncool, oder?

Ob jemand sein Gehör schützen will oder nicht, darf jeder selbst entscheiden und natürlich will man auch niemandem die Lust auf ein gutes Konzert verderben. Bloß nicht, denn es gibt kaum etwas Schöneres als sich von der Musik und Gleichgesinnten weit weg vom Alltagsstress tragen zu lassen! Und gerade deswegen, liebe Bands – hört auf mit diesem elendigen Scheiß, den Leuten sinnlos das Gehör wegzuballern, bloß weil ihr euch irgendwie von der großen Masse abheben wollt! Tut es lieber mit eurer Musik! Wenn ihr es braucht, dürft ihr gerne die Lautstärke eines startenden Düsenjets auf der Bühne oder in euren In-Ears haben, aber lasst gefälligst das Publikum aus eurem Ego-Gehabe raus, denn sonst gibt es für euch auch irgendwann ein böses Erwachen. Und zwar kein privates Klingeln im Ohr, sondern ausbleibendes Klingeln in der Kasse, weil die Leute irgendwann einfach keinen Bock mehr auf beschissen klingende Musik und Ohrenschmerzen haben!


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