Flusensieb #12 - 10 mal Metal für Zwischendurch

Veröffentlicht am 05.10.2017

Perlen, nach denen nie getaucht wurde, sind nichtsdestoweniger Schätze. Das Flusensieb stellt quasi den letzten Tauchgang dar, bevor die Kostbarkeiten auf Ewig in der Dunkelheit versinken. Zehn Perlen werden hier gehoben. Sie reichen von rotzigem Dada und Battle Metal über unsichtbaren Eskapismus und langweilende Tempelanlagen bis hin zu angebügelten Wogen und musikarmen Krachbedürfnissen. Dazwischen finden sich aber auch Stadionrock-I-Tüpfelchen, Instrumental-Exzellenz, Gefriemel-Glück und ein Hawaiihemd-Fantasy-Mittelaltermarkt. Viel Spaß!

 

DANKESCHATZ – Jaja...

Na, danke! Da will man sich gemütlichen Brutal Doomcore Deathgrind reinziehen und plötzlich schreien einen DANKESCHATZ rotzig von der Seite an. Ungepflegt perfektionierter Quality-Punk mit ruheloser Aggro-Attitüde und überraschend dadaistischen Anleihen – „Brainbowling“, alter! In gesanggeschrienem Deutsch keift das Münchener Duo jeden Ton der Zynisarkasmusironiatur [Anm. d. Lekt.: Wort des Jahres, Herr Kollege!] gleichzeitig mit Faust und Mittelfinger in die Fresse. Diese erste EP „Jaja...“ enthält sieben Songs, bzw. siebzehneinhalb Minuten extrem verdichteten Stoffs fürs Ohr und den Raum dahinter. Zwei von zehn Fingern für DANKESCHATZ, aber dafür genau die entscheidenden! (jazz)

 

OBSCURITY – Streitmacht

Leute, wundert euch mal nicht, wenn sich jetzt der Himmel einschwärzt! Kann gut sein, dass Donar beginnt, vor Freude auf seinen Amboss zu schlagen und Blitze regnen lässt, wenn er mal mitbekommt, dass sich diesmal OBSCURITY im Flusensieb verfangen haben! OBSCURITY? Ja, die Bergischen Löwen, sie sind wieder da! Zum 20-jährigen Bandbestehen gibt es für alle alten und neuen Fans als Dank ein Schmankerl, das auf den Namen „Streitmacht“ hört und all das in sich vereint, was Anhänger des „Battle Metal“ seither so lieben. Innovation heißt das zwar nicht unbedingt, die Mixtur ballert aber trotzdem! Für Ruhm! Für Ehre! Für das Bergische Land! (D.C.)

 

THE HIRSCH EFFEKT – Eskapist

Selten entzieht sich eine Band so ihrer Genre-Zuornung wie THE HIRSCH EFFEKT. Das Aufbrechen von Formen führt dazu, dass man schwerer wahrgenommen werden kann. Das macht die Hannoveraner unsichtbarer, als sie sein sollten. Denn die progressiven Töne von Metal und Rock über Pop und Jazz bis zu Core und Punk sind so überragend kunstvoll, dass es einem den Atem verschlägt. Dabei verlieren sie sich aber nicht in technischen Spielereien, sondern bleiben emotional zugänglich bis aufdringlich. „Eskapist“ schafft die ideale Studioentsprechung ihrer überragenden Live-Performance, die sie zum Beispiel auf dem Wacken Open Air 2017 abgeliefert haben. Mindestens Pi von e²/2 Punkten! (jazz)

 

TOJA – V

Album Nummer Fünf von den Mühlheimer Hard-Rockern und, genauso wie das letzte Album, weiß auch dieses zu gefallen. Bass und Schlagzeug geben die Fahrtrichtung vor, die Gitarren ziehen mit, Gesang und Soloklampfen sind das herausragende I-Tüpfelchen. Das ist jetzt nicht übertrieben hardrockig, aber das ist wohl auch nicht die Absicht von TOJA. Vor 22 Jahren hätte man das stadiontauglichen Rock genannt. Heute ist es wohl eher kuschelig im Club, aber gut ist das, was TOJA machen, noch immer. Geschmeidige Melodien und die schon erwähnte grandiosen Soli von Jan „JJ“ Thielking heben das Album „V“ mit vier von fünf Punkten klar über den Rest. (C.W.)

 

HARBINGER – Human Dust

Moderne corige Metalstile haben ja durchaus mit der Kritik zu Kämpfen, sie wären ein bisschen einfach. Deshalb würden sich HARBINGER auch zu Recht beschweren, wenn man die Londoner einfach nur hardcorigen Metal- bis Deathcore nennen würde. Sie gehen den modernen Metal sehr technisch an. Das ist stark, talentiert und audioästhetisch mitnichten zu bemängeln, aber leicht zugänglich sieht es eher am anderen Ende der Skala aus. So baut die EP „Human Dust“ zwar eine beeindruckende Tempelanlage auf, aber so richtig Lust, sie zu erforschen, kommt leider nicht auf. Vielleicht hatte ich heute auch einfach nur mehr Bock auf einen Tag am Strand. (jazz)

 

DARK MATTER SECRET – Perfect World Creation

DARK MATTER SECRET gehen mit „Perfect World Creation“ erstmals auf die volle Länge. Dabei schaffen sie progressiven Metal, der trotz aller Verspieltheit und allen Gefrickels außerordentlich hörbar bis tanzbar, gar un-untanzbar bleibt. Das russische Trio verzichtet vollständig auf Gesang, der jedoch nicht zu einer Sekunde irgendwo fehlt. Weit entfernt vom klassischen Prog-Rock-Gejamme gibt es angejazzte, aber durchaus aggressive, Tech-Death-getriebene Metal-Exzellenz der Kategorie „verflucht hörbar“. Sechs Tage und 23 Stunden von der „Perfect World Creation“! (jazz)

 

ALTHEA – Memories Have No Name

Was erhält man, wenn man DREAM THEATER auf das Wesentliche reduziert, den Qualitäts-Regler aber auf Anschlag lässt? Man bekommt nicht mehr und nicht weniger als ALTHEA mit ihrer neuen Scheibe „Memories Have No Name“. Meisterlich fabrizierter Prog Rock, punktiert und auf vernünftige Länge zusammengekürzt. Keine minutenlangen Solo-Schlachten und trotzdem genug Gefriemel, um glücklich zu sein. Keine überbordenden Vocals und dennoch astreiner Feinschliff im Gesang. ALTHEA ist die Prog-Truppe, die man sich wünscht, wenn es in anderen Prog-Kompositionen mal wieder etwas länger dauert. Es funktioniert also auch ohne höher, besser, weiter! (LR)

 

APOCALYPSE ORCHESTRA – The End Is Nigh

APOCALYPSE ORCHESTRA – was für ein epischer Name! Da nimmt man schnell an, es handele sich dabei um ein tatsächliches Orchester. Die fünf Schweden dudeln sich allerdings eher einen konturlosen Mittelalter Metal mit reichlich faden Doom-Elementen zusammen, ohne dabei eine klare Linie zu zeichnen. Das Gefühl eines Mittelaltermarkts entsteht, auf dem die historisch korrekt gewandete Maid auf einen stilistisch überzogenen Fantasy-Cosplayer trifft, die dann beide von einem legeren Hawaiihemd-Gast mit seinem neuen Smartphone fotografiert werden. Noch eine vergilbte alte Bibel mit ins Bild geworfen und fertig ist das durchwachsene „The End Is Nigh“. (jazz)

 

PANTALEON – Virus

Ein bisschen schade ist es ja. Da haben PANTALEON richtig gute Ideen, decken das Spektrum zwischen Prog, Melodic und Power mit Frische, Kraft und Können ab. Aber es mag ihnen anfänglich einfach nicht gelingen, den richtigen Fluss zu finden. Die Scheibe startet mit etwas zu vielen Ecken, Brüchen und zu großen Sprüngen in der Harmonie, sodass das Hörerlebnis dann doch etwas in die Nebel von etwas Unwirklichem eintaucht. Glücklicherweise wissen die Herrschaften von PANTALEON selbst, was gut ist, und fahren mit dem musikalischen Bügeleisen ordentlich über den Rest der doch sehr hochwertigen Songs – doch alle Wogen auf „Virus“ konnten sie nicht glätten. (LR)

 

MUTATION – III: Dark Black

Das Album „III: Dark Black“ ist vor allem erst einmal kurz: keine 27 Minuten, wenn man doppelte Songs abzieht. Dafür klingt es meist wie drei Songs gleichzeitig: ein wütender Punk-Rock-Song, ein wahnsinniger Noise-Rock-Song und ein depressiver Industrial-Metal-Song. Heraus kommt Krach, der durchaus das Bedürfnis nach Krach befriedigen kann, aber weniger das nach Musik. Da rettet auch die Hilfe von Devin Townsend und Phil Campbell nicht viel. Für einen trunkenen Wut-Pogo reicht es, aber für mehr ist es weder grindcorig noch progressiv genug. Trotz psychotischer Stärken nur fünf von neun Backsteinen in der Wäschetrommel für MUTATION. (jazz)

 

Mehr Flusensieb!


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