THRESHOLD - Dividing Lines

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VÖ: 18.11.2022
Bandinfo: THRESHOLD
Genre: Progressive Metal
Label: Nuclear Blast GmbH
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Lineup  |  Trackliste

THRESHOLD sind ohne jeglichen Zweifel eine DER Institutionen, wenn es um melodischen Progressive Metal geht. Jeder Release der sympathischen Briten wird mit extremer Vorfreude erwartet und auch wenn dabei zumeist einige Jahre ins Land ziehen müssen, so ist das Endresultat doch stets sehr sehr belohnend. Mit ihrem neuen alten Vocalisten Glynn Morgan hat die Truppe 2017 "Legends Of The Shires" auf den Markt geworfen, das sich bei mir als THRESHOLD Liebhaber direkt in die  Top 3 der Diskografie katapultieren konnte. Ein Ausnahmewerk, das im gesamten Jahr 2017 ebenfalls ganz oben mitspielen konnte, wenn es um meine persönliche Bestenliste geht. Das düstere Konzept brachte eine dichte Atmosphäre mit sich, die musikalisch gekonnt eingefangen wurde und 2023 erscheint tatsächlich ein Konzeptalbum, das die Geschichte fortführen wird! Allerdings nicht unter dem Banner von THRESHOLD. Kurz gesagt wird Keyboarder Richard West mit einem neuen Projekt namens OBLIVION PROTOCOL über Atomic Fire Records 2023 einen Nachfolger releasen, weil THRESHOLD sich mit ihrem neuen Werk "Dividing Lines" in eine andere Richtung bewegen wollten. Was soll's, mehr für uns! Nun möchte ich aber auch endlich die Brücke schlagen zum neuen Werk der Briten. "Dividing Lines" unterhält uns diesmal nicht mit einer zusammenhängenden Geschichte, aber jeder Song spiegelt durchaus gesellschaftskritische Themen wider, was dann höchstens übergreifend als Gesamtkonzept betrachtet werden darf. 

Musikalisch geht's bei THRESHOLD wieder los wie bei der Feuerwehr, denn "Haunted" geht ähnlich wie "Slipstream" und Konsorten sofort in die Vollen, erinnert in seinem Soundgerüst zumindest kurz an einen weiteren Opener aus der Diskografie mit "Phenomenon". Die Strophen werden von aggressivem Riffing getragen, das durch eine melodischere Passage aufgeweicht wird. Ohne großes Trara geht's in die energetische Hook, die den anderen THRESHOLD Openern in nichts nachsteht. Was für ein Brecher! Allein die Zeile "What doesn't kill you leaves you haunted" ist absolut brillant. "Hall Of Echoes" brilliert mit seinen wunderbar verspielten Synthie-Sounds, die nachfolgend in eine dynamische Rhythmik münden, nur um den Song dann in seine erste ruhig gehaltene Strophe zu katapultieren. Glynn Morgan erweist sich als ein Sänger, der Songs noch besonderer machen kann als sie es ohnehin schon sind. Die kurze Bridge lässt uns in den vielleicht besten Refrain der Scheibe eintauchen, der tolle Melodiebögen offenbart und sich im zweiten Teil nochmal ordentlich verausgabt. "Let It Burn" ist vielleicht einer der unkonventionellsten THRESHOLD Songs überhaupt und entpuppt sich als wahres Rhythmik-Wunder. Er besticht dadurch, seine eigene in sich geschlossene Struktur immer wieder aufzuweichen und den Hörer so zu überraschen. Dabei bleibt die Hook vergleichsweise blass in Relation zum Rest des Albums. Das ist aber auch ganz und gar nicht die Stärke des Songs. Wenn du denkst, du weißt, was passiert, wird dich der Song immer wieder überraschen. Allein die "Woohooohooo" Gesänge sind in THRESHOLD Gefilden was nie dagewesenes. Mag für manche nach nichts klingen, aber kleine Details wie dieses haben einen großen Effekt innerhalb dieser Wundertüte von Song. "Silenced" und "King Of Nothing" waren als Singles ja auch schon recht unkonventionell und blieben auf der einen Seite sehr melancholisch ("King Of Nothing") und auf der anderen verspielt, gradlinig und dennoch progressiv ("Silenced"). "Complex" hat dann schon eher klassisches Singlematerial verkörpert mit seiner kernigen Herangehensweise. 

Ein ganz dickes Ausrufezeichen setzen die beiden Longtracks "The Domino Effect" und "Defence Condition". THRESHOLD können de facto keine schlechten Longtracks schreiben und übertreffen sich auch hier einmal mehr. "The Domino Effect" hat einen sehr langen und dramatischen Aufbau mit Akustikklängen, ehe das Gerüst zusammenkracht und uns in ein Riffing-Gewitter befördert. Wahnsinn, was für ein breiter und epischer Sound hier angestrebt wurde. Die Strophen sind mehr oder weniger auch wieder nur die Ruhe vor dem Sturm und bereiten uns auf einen Energieschub vor, der uns in Form vom Refrain ereilt. Dieses "Glockenspiel" direkt nach dem Refrain ist btw wieder so ein Detail, in das ich mich sofort verliebt habe. Gerade der lange melancholische  Mittelteil ist es dann aber, der den Song für mich zu einem Meisterwerk macht. Glynn Morgan schmückt den Song mit seiner sanften Stimme, während uns Karl Groom mit einem sensationellen Solo entspannt zurücklässt. "Defence Condition" übertrumpft den ersten Longtrack sogar noch und stellt vielleicht den besten Longtrack des Jahres oder gar der letzten Jahre. Innerhalb der eigenen Diskografie übernimmt er definitiv die Pole Position. Der mysteriös anmutende Beginn ist eine Mischung aus "Mission Profile" und "Snowblind", befördert sich dann selbst in ein von Synthie getragenes Zwischenspiel, ehe uns die erste Strophe erreicht, die relativ klassisch daher kommt. Die im Midtempo gehaltene Hook wirkt düster und begeisternd zugleich, umkrallt den Hörer fest mit ihren Klauen. Absolut überragend und meisterlich ist der Mittelteil, der den perfekten Spagat zwischen Atmosphäre, Melancholie und Energie schafft. Absolut beeindruckend, was die Jungs hier komponiert haben. Einen besonderen Platz in meinem Herzen hat außerdem das seichte "Lost Along The Way", das schlichtweg eine wunderschöne Melodik präsentiert irgendwo zwischen Prog und AOR. Neben "Hall Of Echoes" wohl die ergreifendste Hook der Platte, auch wenn als Gesamtsong "Defence Condition" alles andere überstrahlt.

Nun ist es also endlich so weit! Das EINE Album 2022 ist da, wo ich ohne mit der Wimper zu zucken die Höchstnote vergeben darf – und zwar mit Nachdruck. Es gibt absolut keine Scheibe, die 2022 diese überragende Qualität erreicht, obwohl 2022 für mich persönlich das beste Musikjahr seit vielleicht einem Jahrzehnt ist! Dennoch überstrahlt "Dividing Lines" alles und sitzt einsam und allein, aber eben wohlverdient auf seinem Thron. Es ist nicht nur das beste Album 2022, nein, es nimmt auch die Pole Position innerhalb der THRESHOLD Diskografie ein. Ein Meisterwerk sondergleichen, das mich abermals daran erinnert, warum ich diese Band so sehr verehre und liebe! 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Sonata (15.11.2022)

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