ARCH ENEMY - Deceivers

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VÖ: 12.08.2022
Bandinfo: ARCH ENEMY
Genre: Melodic Death Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Ein neues ARCH ENEMY-Album – der Moment der Wahrheit. Offen gestanden muss ich zugeben, dass ich jene Band, die seit dem Zugang von Alissa White-Gluz einen beachtlichen Popularitätsschub erfahren hat, erst durch deren Mitwirken wirklich schätzen gelernt habe. Ein umwerfendes "War Eternal", bombastische Shows in mittelgroßen Clubs im Vorprogramm von KREATOR und eine Frontfrau, die stimmlich und technisch vollends zu überzeugen wusste und vor allen Dingen eins hatte: Feuer.

All dies schien kurze Zeit später passé: "Will To Power" konnte zwar angemessen pleasen, doch der nahezu inflationäre Hype um die Band und die Liveshows, in denen sich die neue Dame zuweilen mehr als Kirmes-Animateurin [oder wie meine geschätzte Kollegin A. sagen würde: "hübscher Kleiderständer"] denn als Metal-Frontfrau darstellte, vermiesten mir zusehends den Spaß an der Sache. Und dass sich ARCH ENEMY obendrein mit ihrem Fotorechte-Eklat einen respektablen Shitstorm einhandelten, bescherte der Truppe weitere...sagen wir mal...Sympathiepunkte.

Alles Schwindel oder was?

Und nun steht mit "Deceivers" das dritte Alissa-Eisen in den Startlöchern. Und was soll ich sagen? Die erste Single "Deceiver, Deceiver" hatte mich ihrerzeit komplett umgehauen und in mir den unterschwelligen Drang geweckt, der mir nicht mehr 100% koscheren Truppe eine heiligsprechende 4,5 verpassen zu "müssen". Denn auch wenn ich mir mein freches Maul nicht verbieten lasse, so lasse ich vorstehende Impressionen ausdrücklich nicht in meine Bewertung einfließen und konzentriere mich dabei einzig und allein auf das gebotene Klangwerk.

Und das hat, wie der besagte Titelsong eingangs demonstrierte, wirklich was auf dem Kasten. Ein hochtourig treibender Hassbatzen, der es locker mit "War Eternal" aufnehmen kann und in Sachen Aggression noch einen draufsetzt. Erster Hit der Platte. Und wenn wir die Songs, die "ein bisschen anders" sind, zum Beispiel nehmen, erwarten uns weitere Knaller: "In The Eye Of The Storm" bekennt sich überdeutlich zum traditionellen Heavy Metal und spannt den Bogen sogar bis rüber zum Melodic Rock. Was für ein geiler Scheiß ist das denn bitte?! Wollen ARCH ENEMY den Soundtrack für den nächsten Rocky-Film abliefern? Wenn dem so wäre, würde das langsam aber sicher ausgelutschte Franchise zumindest nicht an der Begleitmusik scheitern...zweiter Hit der Platte!

Oder "Poisoned Arrow" – der dritte Hit der Platte – ein packendes Stück von emotionaler Tiefe und gänsehäutiger Melodie, das sich hervorragend für einen von Alissas Klargesang-Einlagen eignen würde. Wie gesagt, würde...besagte Tugend hat man stattdessen lieber in den Opener "Handshake With Hell" gesteckt und daraus etwas gemacht, das in weiterer Steigerung für eine Co-Headliner-Tour mit BATTLE BEAST sprechen würde (bitte nicht). Einen scheinbaren (oder anscheinenden?) Publikumsmagneten, der mir aber fernab der üblichen ARCH ENEMY-Trademarks Stirnrunzeln verursacht. Ne Leute...kann man als Experiment machen, ist kommerziell sicherlich erfolgreich, aber für ARCH ENEMY eine gute Ecke zu poppig und zuckrig. Wenn der kommerzielle Fan-Fang zukünftig so angestellt wird, werde ich wohl besser bei HIRAES die Rübe kreisen lassen. Zumindest für mich nicht der vierte Hit der Platte.

Den tatsächlichen vierten Hit der Platte finden wir viel eher unter dem Decknamen "House Of Mirrors" – ein melodisches Monster mit abermaligem Heavy-Metal-Touch und dezenten Reminiszenzen in Richtung "Avalanche", das sich im ersten Gang in die Großhirnrinde frisst. Weitere Großtaten vermag ich nicht auszumachen, dafür aber eine Reihe gutklassiger ARCH ENEMY-Kost ("The Watcher", "One Last Time" und "Exiled From Earth") und – was besonders wichtig ist – keine Kröten, Gurken oder sonstige Ausfälle. Die Platte mag also auf den Namen "Schwindler" hören, lässt sich aber keineswegs als solcher entlarven.

Eine gründliche Rehabilitation - zumindest im Musikalischen

Insofern haben ARCH ENEMY bei mir – zumindest im Musikalischen – wieder einiges gut gemacht und mich dazu genötigt, die angesprochene Heiligsprechung – wenn auch unter einem gewissen Restprotest – zu vollführen. Denn mit stolzen vier Volltreffern und einer Reihe weiterer, wirklich gutklassiger Songs haben sich die Schweden einmal mehr von ihrer besten Seite gezeigt und in puncto Facettenreichtum noch eine Schippe draufgelegt. Besonders die deutlichen Heavy-Metal-Bezüge wissen zu begeistern und wer weiß, vielleicht lerne ich ja sogar den unbehaglichen Opener mit der Zeit zu schätzen [bei Kollegen Lustig und den BURNING WITCHES gebe ich die Hoffnung ja auch nicht auf] [bei mir ist alle Hoffnung berechtigt, bei den WITCHES jedoch vergebens! Anmerkung des Erwähnten]. Und ob die Liveshows wirklich so gut sind, wie man es gerade vom Wacken-Acker schallern hört, werde ich mir demnächst in Dinkelsbühl ansehen.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (08.08.2022)

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