SLIME - Zwei

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VÖ: 22.07.2022
Bandinfo: SLIME
Genre: Punk
Label: Slime Tonträger
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

SLIME sind tot – lang leben SLIME! Als der charismatische und längst zur Szene-Ikone gewordene Sänger Dirk Jora 2020 überraschend das Handtuch warf, konstatierte dieser in einem offenen Brief, dass SLIME einmal mehr und nun endgültig Geschichte seien. Und bevor ich den Anlass dieser Zeilen genauer unter die Lupe genommen habe, hätte ich ihm zu 100% Recht gegeben. SLIME ohne "Diggen"? Nach vierzig Jahren im Geschäft noch einmal ohne den Sänger durchstarten? Dabei kann außer der gepflegten Selbstdemontage einer der essenziellsten Punkbands im deutschen Kosmos nicht viel rumkommen...dachte ich...ein verzweifelter Versuch, den etablierten Namen noch einmal kurz vor der finalen Einmottung zu vermarkten...dachte ich.

Gewagtes Spiel mit extremem Erwartungsdruck

"Am Arsch" sagten SLIME! Gut, sagten sie nicht – aber sie ließen Taten sprechen. Dass man sich dazu entschloss, die Band unter bekanntem Namen weiterlaufen zu lassen, mit einem neuen Mann am Mikro den Neustart zu wagen und ein adäquat betiteltes "Reboot-Album" namens "Zwei" oder ("SLIME Zwei" – in Anlehnung an das legendäre Debüt "SLIME 1") ins Rennen zu schicken – das sind die Fakten. Ein Paukenschlag und heruntergeklappte Kinnladen sind das Resultat.

Beginnen wir mit der zweifelsohne größten Veränderung im Sound der Band – Tex Brasket, dem bis dahin als Straßenmusiker bekannten neuen Sänger, der sich der ambitionierten Aufgabe gestellt hat, in die übergroßen Fußstapfen eines der markantesten und wichtigsten deutschen Punksänger zu treten. Ein wahrer Kotzbolzen mit beispielloser street credibility, der den Mut (oder den Irrsinn) dazu hatte und der den einzig richtigen Weg gefunden hat, dieser scheinbar unlösbaren Aufgabe gerecht zu werden: nämlich indem man Eier hat – Eier so dick, dass sie eine eigene Umlaufbahn brauchen!

Mit seinen zutiefst persönlichen und höchstwahrscheinlich autobiographischen Texten über Obdachlosigkeit, Sucht und Ausweglosigkeit zeichnet er ein Bild vom Punkrock, das man so wenn überhaupt nur noch von echten Underdogs geboten bekommt. Fernab der üblichen Klischees und Schlagworte, fernab mangelnder Glaubwürdigkeit, wenn steinreiche Mainstreamer einem was vom Pferd vorsingen. Diesem Typen kauft man ab, dass er die beschissensten Seiten des Lebens selbst gesehen hat, dass sein Schmerz und seine Wut kein Schauspiel sind...und dass er sich von alledem nicht unterbringen lässt und wie ein Fels in der Brandung den unbeugsamen Wellen standhält. Man höre sich nur den Opener "Komm schon klar" an – ein schier unfassbares Maß an authentischer Angepisstheit und kanalisierter Energie, von der 10% ausreichen würden, um Mike Tyson, den Predator und den T-800 zu bezwingen – gleichzeitig. Der Wahnsinn.

Sind SLIME noch SLIME?

Aber sind SLIME ohne Dirk noch SLIME? So lautete die Frage aller Fragen, denn alleine durch die sich deutlich von Joras Organ unterscheidende Stimme entwickelte die Band eine scheinbar neue Identität. Und tatsächlich klangen SLIME für mich zuerst mal nicht mehr nach SLIME – aber wenn man sich den rund einstündigen Neustart erst mal in Ruhe durch die Gehörgänge hat wüten lassen, wird man feststellen, dass das bewusst an "SLIME 1" angelehnte Werk weitaus mehr mit den frühen Werken der Band gemein hat als zunächst vermutet.

Die unbändige Energie Braskets verschafft der Musik einen so unglaublichen Schub, dass das Gesamtkonzept nur mit einer deutlich härteren und aggressiveren Gangart an den Instrumenten funktionieren kann. So tritt "Zwei" weitaus konsequenter auf's Gaspedal als die bisherigen Post-Reunion-Werke und bringt damit deutlich mehr vom rotzigen Charme der frühen Tage zurück in die Gegenwart. Und nein, man muss das nicht mit Deutschrock gleichsetzen, nur weil die Truppe heute präziser zockt und sich eine gute Produktion geleistet hat – man höre sich nur mal die Riffs und die Texte an! Wenn das kein Punkrock ist, wird Dieter Bohlen morgen Verteidigungsminister!

"Nix von Punkrock", "Weil fickt euch alle", "Weggefegt" und "Scheiß Beerdigung" bspw. könnten genauso von "Alle gegen alle" stammen, wogegen Stücke wie "Komm schon klar" oder "Wut im Bauch" auch auf "Schweineherbst" eine gute Figur gemacht hätten. Die Neueinspielung von "Ebbe und Flut" mit Tex am Mikro steht auf Augenhöhe mit dem 2020er Original und die seit jeher bewährten Rock'n'Roll- und Blues-Einflüsse gipfeln mit "Outlaw" in einem arschtighten Roadsong und Ohrwurm – einer Art "Born To Be Wild" für die Punkszene und neben dem Opener einer der größten Hits der Platte. Alles in allem also doch ziemlich schleimig, die neue Scheibe. Und dort, wo Tex Brasket seine Straßenmusiker-Einflüsse zum Besten gibt, machen sich gänzlich neue Facetten bemerkbar, die mit dem tief emotionalen "Taschenlampe" ein weiteres Highlight abliefern. Authentisch, bedrückend, mitreißend und einfach grandios.

Alt und neu in perfekter Symbiose

Mit "Zwei" wagen SLIME also in gewisser Weise einen radikalen Neustart und bleiben in anderer Weise doch ganz sie selbst...sie gehen stellenweise sogar ein gutes Stück zurück in die Vergangenheit und kompensieren den abgängigen Druck des Vorgängeralbums um das Zwei- oder Dreifache. Textlich bleiben sie sich abseits von Braskets persönlichen Inputs treu und finden deutliche und direkte Worte (siehe "Safari", "Mea Culpa" oder "Wut im Bauch") – ganz in der Tradition ihres Genres und ihrer eigenen Vergangenheit. Und in Sachen Sound lauern saftige Gitarren, ein unbarmherziger Bass und Drums, die bei jedem Beat in den Ohren detonieren, ohne auch nur ansatzweise künstlich zu klingen. Besser kann man's kaum machen!

Aber genug geschwafelt! Bevor ich euch hier als ein nach Gartenzwergen bummelnder Fanzineschreiber noch mehr von Punkrock erzähle, hört euch dieses furiose Werk einfach selbst an und überzeugt euch davon! "Zwei" mag vielleicht den Legendenstatus der alten Platten nie erreichen oder es dabei zumindest schwer haben, aber musikalisch und produktionstechnisch ist dieses Album mit das Beste, was diese Truppe je abgeliefert hat. Und es läuft rein wie das erste kalte Bier nach einem Marathon bei 40 Grad im Schatten – vielen Dank dafür!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (05.08.2022)

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