SATYRICON - Satyricon & Munch

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VÖ: 10.06.2022
Bandinfo: SATYRICON
Genre: Black Metal
Label: Napalm Records
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Lineup  |  Trackliste

Sie haben es wieder getan! SATYRICON haben einmal mehr die Grenzen, Konventionen und Gepflogenheiten ihres Genres gepflegt über Bord geworfen und etwas geschaffen, das sich bis dahin niemand getraut hat. Das zehnte Studioalbum der Band – wenn man "Satyricon & Munch" denn überhaupt als solches bezeichnen darf – versteht sich als der hörbare Teil einer Kunstausstellung, die bis zum 28.08.2022 im Osloer Munch-Museum zu sehen ist und das zu späterer Zeit als physisches Medium erhältlich sein wird.

Doch was erwartet uns auf "Satyricon & Munch" und kann ein solches Werk ohne die visuellen Eindrücke besagter Ausstellung überhaupt funktionieren? Erwartet uns ein Ansatz im Fahrwasser von 1349s "Dødskamp", bei dem die ansonsten standesgemäßen Stücke der Band "lediglich" von den Werken des norwegischen Künstlers inspiriert sind? Eine musikalische Reise durch das Schaffen des expressionistischen Wegbegleiters, das in einem wütenden Inferno, um nicht zu sagen einem "Schrei", gipfelt?

Mitnichten – denn ein "konventionelles" Black-Metal-Album, und sei es auch nur eines im avantgardistischen Stile SATYRICONs, wäre wohl nicht als adäquate Beschallung einer Kunstausstellung geeignet. So wundert es nicht, dass der Visionär und Weinkenner Satyr einen einzigen, 56-minütigen (!) Schinken von Musikstück kreiert hat, in dem er uns nicht nur seinen markanten Gesang vorenthält, sondern auch seine eigene, weit gefasste Definition von Black Metal ein weiteres Mal um die ein oder andere Äquatorlänge erweitert.

Was das Gesamtkonzept angeht, so muss man SATYRICON zugestehen, dass sie sich in Sachen künstlerischer Freiheit, Nonkonformität und Einfallsreichtum wahrhaftig nicht lumpen gelassen haben. Denn neben dem ambitionierten Konzept als One-Track-Album haben sich die beiden Norweger fleißig an den Musikunterricht der gehobenen Klassen erinnert und eine Reihe von Instrumenten mobilisiert, die so mancher Hörer erst mal im Lexikon nachschlagen muss (oder wer hat schon einmal ernsthaft was von einer Jouhikko gehört?). Weiterhin haben sie es geschafft, ein musikalisches Werk zu erdenken, das emotional eindringlich und zuweilen entfremdend – wie bspw. auch die Darstellung in Munchs berühmtestem Werk "Der Schrei" – ist und dabei dennoch hinreichend unauffällig bleibt, um der begleitenden Kunstausstellung nicht die Schau zu stehlen (deshalb wohl auch die Entscheidung gegen ein konventionelles SATYRICON-Album).

Es überwiegen ruhige Passagen, die zu keinem Zeitpunkt ihre bedrohliche und bedrückende Aura ablegen und in denen man sich auf die visuelle Komponente konzentrieren kann bzw. soll. Das Tempo wird niemals ansatzweise in (schwarz)metallische Sphären angehoben, weil dadurch die verheißungsvolle Ruhe gestört würde. Und inmitten dieses auralen Dickichts schleichen sich immer wieder für kurze Momente die Gitarren ein – mal akustisch, mal elektrisch, aber immer von der ersten bis zur letzten Note im unverkennbaren Klanggewand SATYRICONs.

Wenn man sich also auf den langen Weg macht, um die Ausstellung zu bestaunen – oder wenn man sich wahlweise zu Hause einen schwarz gestrichenen Munch-Keller anlegt, um dort nach einem harten Tag zu verweilen, dann wird "Satyricon & Munch" seine beabsichtigte Wirkung nicht verfehlen. Was aber, wenn man besagtes "Album" als reines Musikstück betrachtet? Was das anbelangt, braucht man vor allen Dingen eines: Geduld. Denn bis der erste ambientöse Spannungsbogen überwunden ist und ein neues, gitarrenbasiertes Motiv aufgefahren wird, vergehen erst einmal stolze sechs Minuten. Würde man das berühmte Theme aus "Der weiße Hai" so lange abspielen, würde der Protagonist qualvoll verhungern und würde man den Countdown für "Apollo 13" derart ausdehnen, müssten sämtliche Crewmitglieder in der Zwischenzeit mindestens siebzehn Mal aufs Klo. Auch die in der Mitte des Albums platzierte Hörtest-Orgie, bei der einzelne Töne x Mal in verschiedener Lautstärke erklingen, nur um dann zum nächsten Tonleiter-Nachbarn überzugehen, vermag zuweilen sehr an den (Hör)Nerven zu sägen.

Was in der richtigen Atmosphäre durchaus erquicklich zünden kann, mag ohne dieselbe zu einer Belastungsprobe für des Hörers Nerven werden und umgekehrt. Bei "Satyricon & Munch" ist es also mehr denn je eine Frage der Perspektive: hat man die Möglichkeit, das Gesamtkunstwerk in Bild und Ton zu bestaunen oder ist man in der Lage, die elegische Musik auf einen blattarmen Winterwald zu projizieren? Ist man fähig und willens, sich auch ohne dazu passende visuelle Eindrücke auf das überlange Stück einzulassen? Kann man an seinem sinnbildlichen Geduldsfaden einen ausgewachsenen Elefanten ins Dach-Apartment hieven oder reißt derselbe schon bei eineinhalb Zwiebelringen ab? Muss man mal wieder dringend zum Hörtest oder ist mit den Lauschern alles im Reinen?

Hört man "Satyricon & Munch" so nebenbei, wird man es vermutlich abgöttisch hassen lernen. In einer ruhigen Stunde bei Kunst, Wald oder Wein hingegen wird man darin versinken können, wenn man sich darauf einlässt. Als Gesamtwerk ist die Sache höchst ambitioniert und mit Blick auf seinen Mut und Pioniergeist einer Anerkennung würdig, als Musikstück alleine dagegen fragwürdig bis zum Hören ungeeignet – es ist eben in erster Linie "Kunstausstellungs-Begleitmusik" und keine "Musik-Musik". Klingt komisch, ist aber so – aber SATYRICON haben ihre visionäre Art zu Komponieren schon immer über die Ambition gestellt, der letzte "Schrei" zu sein, nicht wahr?


Hinweis: Die hier vergebene Bewertung bezieht sich auf das Musikstück, nicht auf das Gesamtwerk aus Musik und Kunstausstellung, deren Besuch und Besprechung den Rahmen eines solchen Reviews sprengen würde.



Bewertung: 2.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (27.06.2022)

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