DIE APOKALYPTISCHEN REITER - Wilde Kinder

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VÖ: 22.04.2022
Bandinfo: DIE APOKALYPTISCHEN REITER
Genre: Metal
Label: Nuclear Blast GmbH
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Hmmm...
Selten war ich beim (zig-fachen) Hören eines neuen Albums im Hinblick auf die Bewertung so hin und her gerissen, wie beim aktuellen REITER-Longplayer "Wilde Kinder".

Die Thüringer Reiter der Apokalypse begleiten mich seit dem Debüt durch mein musikalisches Leben. Und sie haben dabei schon eine beachtliche Entwicklung durchlaufen. Man denke nur an die ersten drei Scheiben, die zu ihrer Zeit einen bis dato noch nicht da gewesenen Kontrast der Extreme boten und, eigentlich vollkommen unmöglich erscheinend, metallische Genres und (Gesangs-)Stile miteinander verschmolzen, die gegensätzlicher nicht sein konnten. Und dabei Hymnen wie "Metal Will Never Die" und "Slaves Of Hate" ("Soft And Stronger", 1997), "Heavy Metal" ("Allegro Barbaro", 1999) oder "Erhelle meine Seele" und "Reitermania" ("All You Need Is Love", 2000) für die Ewigkeit zementierten.

Danach folgten mit "Have A Nice Trip" (2003), "Samurai" (2004) und "Riders On The Storm" (2006) drei Scheiben, die für mich bis heute zum Besten gehören, was die REITER während ihrer gesamten Karriere jemals veröffentlicht haben! "Licht" (2008) konnte nach diesen kongenialen Outputs die Messlatte nicht mehr ganz erreichen, enthielt jedoch u.a. mit "Es wird schlimmer", "Auf die Liebe", "Wir sind das Licht", "Nach der Ebbe", "Heut' ist der Tag" und dem Übersong "Der Weg" genügend hochkarätige Stücke, um locker als sehr gut durchzugehen (auch wenn mit "Adrenalin" hier die erste dieser unsäglichen Pseudo-RAMMSTEIN Nummern vertreten war, mit denen die REITER ihre Hörerschaft in der Folgezeit immer mal wieder traktieren sollten).

"Moral und Wahnsinn" (2011) wirkte dann doch um einiges durchwachsener als die grandiosen Vorgänger-Alben, und mit "Tief.Tiefer" (2014) schien dann endgültig die Luft raus zu sein in Punkto Kreativität, Abwechslungsreichtum, Innovation und dem vormals so perfekt beherrschten Tanz auf des Messer Schneide zwischen Genie und Wahnsinn.

Aber Fuchs & Co. schafften es 2017, das Ruder wieder herumzureißen. "Wir sind zurück" war sowohl der Songtitel des Openers von "Der Rote Reiter", als auch das Motto der gesamten zehnten Langrille des mitteldeutschen Quintetts. Die Reiter hatten sich in der Tat zurückgemeldet, und zwar mit einem musikalischen Paukenschlag! "Der Rote Reiter" wirkte nach den beiden schwächelnden Vorgängerscheiben wie ein Befreiungsschlag, der kraftvoll und frisch wie schon lange nicht mehr aus den Boxen schallte und auch immer wieder Bezug zu den Wurzeln der REITER nahm.

Dann kam Corona und veränderte die Welt, auch und vor allem im künstlerischen Bereich. Und es schien, als benötigten DIE APOKALYPTISCHEN REITER ein Ventil, um ihren gesamten Frust über die zweijährige, mehr als  bescheidene Situation speziell für geborene Live-Musiker rauszulassen. Das Ergebnis war die improvisierte Studio-Jam-Session "The Divine Horsemen" (2021), ein äußerst unkonventionelles Doppel-Album, das durchaus gespaltene Gefühle bei der Hörerschaft hervorrief.

Und nun, noch nicht mal ein Jahr später, präsentieren die Reiter der Apokalypse uns mit "Wilde Kinder" bereits ein Folge-Album. Da stellt sich natürlich die Frage, handelt es hier um einen Schnellschuss, oder hat die Kürze der Entstehungszeit der Qualität des neuen Albums keinen Abbruch getan?

Der Opener kommt schon mal in typischer, klassischer REITER-Manier daher. "Von Freiheit will ich singen" explodiert ohne Vorwarnung direkt beim Start, und dann geht die wilde Fahrt nonstop über dreieinhalb Minuten mit Vollgas absolut mitreißend immer geradeaus bis ins Ziel. Den gelungenen Einstand hätten wir also schon mal auf der Habenseite verbucht.

"Volle Kraft" knallt dem Auditorium zum Beginn ein paar schmackofatzige Thrash-Riffs um die Ohren, ehe der Song mit dem einsetzenden Schlagzeug in die NDH-Ecke kippt. Na das wird doch nicht...?! Doch wird es! Kaum dass Meister Fuchs den Mund aufmacht, denkt man unwillkürlich, Till Lindemann hätte sich mal wieder zu einem uncreditierten Cameo-Auftritt bei den REITERN entschlossen. Der folgende Instrumentalpart schreit dann noch lauter "RAMMSTEIN, RAMMSTEIN!". Der Chorus holt den Hörer dann zwar wieder zurück in die REITER-Welt. Aber so richtig zu genießen ist das Stück nicht, weil man halt ständig diese nervigen Assoziationen im Kopf hat. 

"Alles ist gut" entschädigt dann für den vorhergehenden Ausflüge in die Gefilde der Neuen Deutsche Härte und entpuppt sich als groovig-wütender Midtempo-Stampfer.

Das Titelstück setzt noch einen drauf. "Wilde Kinder" darf getrost als waschechter Reitermania-Track bezeichnet werden, ein Song, den man noch lange im Ohr behalten wird. Mit "Leinen los" wird es dann wieder maritim. Eine traumhafte Hookline, dazu Bridge und Chorus der Spitzenklasse, und fertig ist der Klasse-Song!

"Euer Gott ist der Tod" ist ein Ritt auf dem Vulkan, ein wilder Genremix, wofür die REITER seit jeher standen. Leider hat sich auch hier im Mittelteil wieder ein Stück (unbeabsichtigter?) Lindemann-Gedächtnis-Gesang eingeschlichen, was einfach nicht hätte sein müssen. Doch erneut kriegen die REITER noch mal die Kurve. "Nur frohen Mutes" ist einer der besten Songs auf "Wilde Kinder" und neben dem Opener mein persönlicher Favorit des Albums.

Auch "Blau" spielt definitiv in der Champions League ganz vorn mit. Die Nummer in ihrem Stil erinnert ein wenig an vergangene Glanztaten wie "Revolution" ("Riders On The Storm", 2006) oder "Baila Conmigo" ("Have A Nice Trip", 2003). Ein Stück, das richtig Laune macht.

Es folgt "Der Eisenhans". Eine Donnerwalze mit einem Growl-Gesang in den Strophen, der dem Rezensenten die Freudentränen in die Augen treibt. Und auch der Refrain kann sich mehr als hören lassen. Dazu ein dezent orientalisch anmutendes Solo, und alles ist super. Nun ja, fast. Denn auch hier (in einer kurzen Passage nach dem ruhigen Zwischenspiel hinter dem Solo) konnte der Fuchs es nicht lassen, zum dritten Mal den Till zu geben.

Und auch der Album-Closer bleibt nicht von den RAMMSTEINesken Gesangseinlagen verschont, und das nervt schon gewaltig. Zumindest mich. Denn ansonsten ist "Ich bin ein Mensch" ein wirklich guter Rausschmeißer geworden, der noch mal mit richtig viel Abwechslungsreichtum glänzt. Na ja, aber so isses halt.

Der Sound von "Wilde Kinder" ist astrein und glasklar und donnert wirklich megafett aus den Boxen. Da macht es Freude, den Lautstärkeregler auf 11 zu drehen. Und auch das Coverartwork ist mehr als gelungen.

 

Fazit:

Ich war schon gespannt, ob es die REITER schaffen, gerade mal neun Monate nach dem letzten Release ein wirklich gelungenes neues Album zu präsentieren. Nun in weiten Teilen ist der wilde Vierer diesem Anspruch durchaus gerecht geworden. Nur diese immer wieder auftauchenden Anleihen an die Ostberliner Mitbewerber-Kollegen nerven einfach nur und werten die betroffenen Stücke in keiner Weise auf. Ob das nun bewusste oder unbewusste Einlagen sind, ist mir dabei ziemlich egal. Auf derartige Annäherungen waren die REITER früher nicht angewiesen, und sie sind es auch heute nicht, songschreiberisch und auch umsetzungstechnisch haben die Apokalypse-Jungs ein derartig hohes Qualitätsniveau, dass ein Rüberschielen zu musikalischen Militärflugplätzen einfach unnötig ist.

Aus diesem Grund gibt es von mir für "Wilde Kinder" "nur" gute 3,5 Punkte. Wer mit den RAMMSTEIN-Versatzstücken klar kommt, darf gern noch einen halben Punkt dazurechnen. 



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (22.04.2022)

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