SCALPTURE - Feldwärts

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VÖ: 08.04.2022
Bandinfo: SCALPTURE
Genre: Death Metal
Label: F.D.A. Records
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Lineup  |  Trackliste

"Deutsche Panzer rollen wieder"  darf man derartige Umschreibungen heutzutage noch zur Rezension einer kriegshistorisch aufklärenden Death-Metal-Kapelle wie SCALPTURE verwenden? Die Frage ist umstritten, doch entscheide ich mich nach einiger Überlegung für ein "ja". Und das aus folgenden Gründen: zum einen gilt das deutsche Abrisskommando mit seiner Kunst gewissermaßen als Pendant zum klassischen Anti-Kriegsfilm, der klar Stellung gegen den Krieg bezieht und ihn eben nicht glorifiziert. Und zum anderen gibt es für einen Sound dieser Brachialität kaum eine treffendere Paraphrase als den der stählernen Kriegsmaschine auf Ketten.

Weder die oben erwähnte Abrissbirne, noch die traditionelle Dampfwalze, nein, noch nicht einmal die überdimensionalen Kolbendampfmaschinen der Olympic-Klasse vermögen die Intensität zu beschreiben, die Bands wie SCAPLTURE und die in deren Zusammenhang immer wieder als Kaufanreiz für potenzielle Rekruten angeführten BOLT THROWER und ASPHYX mit ihrem Inferno aus ballernden Drums, brettharten Gitarren und aus dem tiefsten Schützengraben heraufgewürgten Vocals zu entfesseln in der Lage sind. So auch geschehen auf "Feldwärts", dem dritten und erneut durch den Ersten Weltkrieg inspirierten Manifest der Bielefelder Kanoniere. Kompositorisch hat sich gegenüber dem Vorgänger "Eisenzeit" nicht allzu viel geändert. Die Tracks sind heute noch so eindringlich, gellend und zerstörerisch wie zwei Jahre zuvor. Auch der gekonnt austarierte Spagat zwischen niedertourig walzenden Passagen und kontrollieren Bleifuß-Eruptionen, der das letzte Quäntchen Härte des Genres erst herauskitzelt, wird auf dem dritten Opus einmal mehr souverän praktiziert (man beachte hierzu auch die kapitänsgeführte Kreuzfahrt unseres Herrn Lustig auf dem PANZERKREUZER).

Ebenfalls hervorzuheben sind die Sprachwechsel vom überwiegenden Englisch über Französisch ("Ils N'ont Pas Passé") bis hin zu Deutsch ("The Road Back"). Die auffälligste Veränderung des neuen Drehers ist allerdings die Tatsache, dass SCALPTURE ihrer Sound-Karosserie eine Extra-Aufpanzerung in der Krauss-Maffei-Wegmann-Tuningwerkstatt verpasst haben. Die Gitarren klingen nun härter, durchdringender und überdies weniger elchig als auf "Eisenzeit" und der stählerne Bass wütet wie ein Brecheisen im Gehörgang. Die Kehrseite dieser Intensitätsübung sind die recht sterilen Kessel, die bei solchen Gelegenheiten immer wieder ankreiden muss. Wuchtige Produktionen und organische Drums stehen bekanntermaßen scheinbar im Widerspruch zueinander, weswegen an dieser Front immer wieder Kompromisse eingegangen werden (müssen?). Ob's einen stört oder nicht und ob einem der natürlichere "Eisenzeit"-Sound mehr mundet als das getunte "Feldwärts"-Purgatorium, bleibt wie so oft eine Philosophiefrage.

Was man aber weiterhin unstreitig festhalten darf, ist, dass SCALPTURE auch im dritten Anlauf eine Machtdemonstration in Sachen Death (Doom) Metal an den Tag legen und ihrem Zweitwerk eine musikalisch ebenbürtige Fortsetzung spendieren. Und wie schon bei der Rezension des Vorgängers resümiert, bringt die Band eine unumstößliche Botschaft klar an den Mann: Krieg ist scheiße und mit das Perverseste, was die Menschheit je hervorgebracht hat. Das galt vor hundert Jahren wie heute. Und die distanzierte wie mahnende Herangehensweise dieser und ähnlich agierender Bands ist die wohl adäquateste (und in Zeiten realer Kriege auch therapeutischste) Art, mit der historischen Inspirationsquelle umzugehen.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (06.04.2022)

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