RECKLESS LOVE - Turborider

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VÖ: 25.02.2022
Bandinfo: RECKLESS LOVE
Genre: Melodic Rock
Label: AFM Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Ach du Sch.....! Was ist denn aus meinen finnischen Lieblings-Glam Metal Barden geworden?! Fünf Jahre Sendepause, und nun die Rückkehr nach dem Motto: 'alles neu macht der Retro-Boom', oder was?!

Der Promo-Waschzettel faselt etwas von 'Comeback' und 'Wiedergeburt", während in meinem Kopf unablässig der PRINZEN-Megahit "Alles nur geklaut" in Endlosschleife läuft und sich vor meinem geistigen Auge ein fieser bösartiger Begriff manifestiert – TRENDANBIEDERUNGSHUREN!

Zu harter Tobak? Mitnichten finde ich. Denn bei dem, was die Kapelle um Frontmann Olli Herman hier auf der neuen Scheibe abliefert, findet man wirklich jede Menge Diebesgut. Da prangt das Cover in hippen Neonfarben und dazu gesellen sich Songtitel wie "Kids Of The Arcade" ("Stranger Things" anyone?), (Dark) Synth Wave Klänge finden sich in jedem Track (stimmt, PERTURBATOR, DANCE WITH THE DEAD oder CARPENTER BRUT sind derzeit auch total angesagt!). Zwei Songs führen das Wort 'Cobra' im Titel. Ein Schelm, wer dabei an die "Karate Kid"- Hommage Serie "Cobra Kai" denkt, neben "Stranger Things" derzeit DER Serien-Straßenfeger bei Netflix. RECKLESS LOVE waren ja zeit ihres Bestehens immer ziemlich 80er-affin. Aber auf "Turborider" wird zumindest für mich die, nennen wir es mal diplomatisch, Lobhudelei etwas zu dick aufgetragen. 

Dazu kommt, dass, unabhängig von den zugaufspringend wirklich in jeden Song eingebauten Synthie-Klängen, die Musik von RECKLESS LOVE mittlerweile klingt, als hätte man ein neues, eben dem Glukose-Sirup-Rock-Baukasten von Frontiers/AOR Heaven entsprungenes Projekt vor sich. Vom ursprünglichen Sleaze und Glam Rock/ Hairspray Metal der vergangenen Tage ist eigentlich so gut wie nichts geblieben. Dadurch werden Fans der älteren Alben natürlich Hymnen für die Ewigkeit wie "Animal Attraction" schmerzlich vermissen.

So. Das war ja schon mal ziemlich viel Gemecker am Anfang. Wenn wir die Trendhascherei und den (damit verbundenen) Stilwechsel mal außer Acht lassen, finden sich für Fans von Melodic Rock und AOR durchaus eine ganze Reihe wohlklingender Stücke auf "Turborider". So wie der Opener und Titeltrack, der schön nach vorn galoppiert, tolles 80s-Feeling versprüht und einen großartigen Chorus zu bieten hat. Dazu ist "Turborider" definitiv einer der härtesten Songs der neuen Langrille. "Eyes Of A Maniac" und "Outrun" machen ebenfalls Spaß, sind aber eher in (äußerst dünne) Pseudo-Gitarren-Sommerkleidchen gehüllte klassische Pop(rock)songs mit dem treffenden reproduzierten Sound von vor dreieinhalb Dekaden. 

Auch "Kids Of The Arcade" ruft eher Erinnerungen an die Chartsvertreter im Pop/Disco-Bereich dieser Zeit wach als an die großen Haarspray-Truppen aus dem L.A. Dunstkreis. Das folgende OZZY-Cover "Bark Of The Moon" ist eher so na ja: grundsätzlich (viel zu) dicht am Original, "aufgepimpt" mit diesen (im Zusammenhang mit dem Originalsong) gruseligen Plastik-Echo-80s-Drums und ziemlich stark auf die Stimme des Madman gebürsteten Gesang. Kann man machen, muss man aber nicht. Das Album wird durch die Coverversion jetzt nicht wesentlich abgewertet, allerdings bringt "Bark At The Moon" für "Turborider" auch keinerlei Pluspunkte.

Weiter geht es mit einer ziemlich ansprechenden, metallischen Einleitung zu "Like A Cobra". Doch kaum ertönt der Hauptsong, stürzt der Härtegrad im freien Fall auf ZDF-Fernsehgarten-Niveau (oder sogar noch darunter). Eingängiger, catchy Wave/Pop ist angesagt. Das Paradoxon in "Like A Cobra" stellt das enthaltene, wirklich arschgeile, aber irgendwie total fehl am Platz wirkende Gitarrensolo dar. What The Fuck?! Denn kaum wurde der Gitarre der Strom wieder abgedreht, wähnt man sich erneut in einer dieser vintage-poppigen REAL LIFE / ALPHAVILLE / TALK TALK / ULTRAVOX Synthie-Pop/New Wave-Nummern. Very strange!

Poppig bleibt der Sound auch bei dem ziemlich blassen "For The Love Of Good Times" (schwächster Track des Albums) und dem folgenden "'89 Sparkle". Speziell beim letztgenannten Stück sind Affinitäten zu gewissen Boygroups (die den Finnen seinerzeit bereits von Redakteurskollege manfred in seiner Rezension zum Vorgänger zu "Turborider" attestiert wurden) nicht von der Hand zu weisen. Jedoch sollten alle, die mit dem breiten Spektrum der 80er Jahre Musik im Bereich Pop/Rock etwas anfangen können, damit kein Problem haben, schließlich machen die zwar seltsamen Einflüsse den Song nicht automatisch schlechter. 

Mit "Future Lover Boy" ertönt zu Beginn des Schluss-Spurts auf "Turborider" noch mal ein schmissiger Hit, der allerdings absolut auch komplett ohne Gitarren ausgekommen wäre (und niemandem würde es auffallen). Pop-Musik halt, aber at it's best. Der Album-Closer ist "Prodigal Sons" ist ebenfalls ein echter Kracher geworden. Eingängig, groovy, und mit einem vorzüglichen Singalong-Chorus inklusive Gangshouts. Top Finale, würde ich sagen.

 

Fazit:

Es gibt jenseits des musikalischen Outputs auf "Turborider" schon einiges zu kritisieren (siehe Einleitung), aber auch wiederum jede Menge positiver Aspekte. Ich fasse das jetzt mal wie folgt zusammen: Von der möglichen Gesamtnote (5,0) ziehe ich aufgrund der wirklich nervigen und auch unnötigen Trendanbiederei erst mal die Hälfte ab. Bleiben 2,5 Punkte. 1,5 Zähler werden hinzuaddiert, weil die Mucke wirklich über die gesamte Album-Dauer richtig Spaß macht. Wären wir also bei 4,0 Punkten. Ein halbes Pünktchen geht noch mal flöten, für den schwächsten Song der Platte, "For The Love Of Good Times". Bleiben am Ende richtig gute 3,5 neonfarbene Zuckerkringel für ein Album, dass man trotz aller Kritik auf jeden Fall öfter hören kann, sofern man poppig-softe Melodic Rock Klänge nicht kategorisch für sich ausgeschlossen hat.

Und ich lege mich jetzt auf die Couch und ziehe mir die vierte Staffel "Cobra Kai" auf Netflix rein.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (25.02.2022)

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