WORMWOOD - Arkivet

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VÖ: 27.08.2021
Bandinfo: WORMWOOD
Genre: Melodic Black Metal
Label: Black Lodge Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Trivia

Was ist der Unterschied zwischen Tier und Mensch? Sind es die etwa 7.000 Sprachen, die wir sprechen? Die Fähigkeit, Technologien zu erschaffen, die unsere eigene Denk- und Lernfähigkeit übertreffen? Die Entdeckung der alkoholischen Gärung oder womöglich die Erfindung des Pornokanals? Nein, der zentrale und wesentliche Unterschied zwischen Tier und Mensch liegt in der Fähigkeit zur Anpassung - ein jeder Organismus dieser Erde passt sich seiner Umgebung an, der Mensch hingegen macht sie sich untertan, passt sie seinen eigenen Bedürfnissen an und entfesselt damit eine destruktive Macht, die man seit dem Meteoriten-bedingten Ableben der Dinosaurier nicht mehr erlebt hat. Dieser unheilvollen Macht widmet sich "Arkivet", das dritte Album der schwedischen Aufsteiger WORMWOOD.

Wenn man so will, beschäftigt sich das weiße Album mit dem aktuellen Weltklima und wagt den Blick in eine zerstörte, dystopische und menschenleere Welt. Es lässt seine Macher damit erstmals als veritable Endzeitkomponisten auftreten, denn "Arkivet" (zu deutsch: "Archiv") bedeutet nach Angabe der Schweden auch soviel wie "Nachlass", also Dokument, das den Hinterbliebenen seines Urhebers als Hilfestellung dient und wichtige Dokumente, letzte Wünsche etc. enthält. Mit dem Unterschied, dass besagter Urheber in diesem Kontext sprichwörtlich die Gürtelgröße "Äquator" hat und von fast acht Milliarden Parasiten bevölkert wird. So beschreibt "The Archive" eine endzeitliche Szenerie nach einer verheerenden Katastrophe, den Anfang vom Ende: Flucht, Tod und Elend, Seuchen, überfüllte Krankenhäuser, kaum Strom und Wasser, bürgerkriegsähnliche Zustände - Herz, was begehrst du mehr? Der Album-Opener erzählt "die letzte Geschichte, geschrieben von den wenigen Überlebenden der Apokalypse" und "was der Mensch nicht getan hat, um zu bewahren, was er hatte". Ist es Fiktion oder Vorhersage? Ein aufwändig inszeniertes Musikvideo oder ein tagesaktueller Nachrichtenbeitrag? Die Grenzen zwischen Realität und Dichtung verschwimmen hier, weil die beschriebene Apokalypse so nah am aktuellen Zeitgeschehen beschrieben wird, dass sie wie dessen Übertreibung oder gar Fortsetzung erscheint.

Und das Beschriebene ist erst der Anfang: nach dem Scheitern des Menschen erobert sich die Erde Stück um Stück zurück, was er ihr in der kurzen Zeit seiner Existenz abgerungen hat... denn im Kontext globaler Zyklen ist unsere Ära nicht mehr als "The Gentle Touch Of Humanity". Die Texte werden durch die teils realen Szenen in den Musikvideos und die gesprochenen Samples in "The Gentle Touch Of Humanity" erschreckend greifbar. Textlich stellt "Arkivet" insoweit eine Überraschung dar, musikalisch hingegen zeigen sich WORMWOOD geradlinig. Auch Album Nummer drei bietet emotional aufgeladenen, melancholischen Melodic-BM von bester Güte, wenn auch etwas straighter und weniger unvorhersehbar als auf "Ghostlands - Wounds From A Bleeding Earth" und "Nattarvet", wobei gerade Martin Björklund mit seiner Geige fast schon zum Inventar gehört. Die größten Aha-Effekte sind die bereits angesprochene, zum Einkehren und Nachdenken anregende Spoken-Word-Passage im Album-Finale und das geigenreiche "Ensamheten". Über Wochen und Monate habe ich auf "Arkivet" nach diesem einen Song gesucht, der mich wie "Tidh Ok Ödhe", "Tvehunger" oder "The Achromatic Road" aus den Latschen haut und den es immer wieder in meine Playlist verschlagen sollte... und ich glaube, mit "Ensamheten" habe ich die Antwort gefunden - manchmal müssen es eben Streicher sein!

Zugegeben, der Schwerpunkt meiner Berichterstattung über "Arkivet" liegt auf seinen Texten - was jedoch vor dem Hintergrund nicht weiter verwundert, dass gerade das lyrische Konzept die Scheibe zu etwas Besonderem macht. Nicht, weil die Texte ausgesprochen gut sind und weit entfernt von der üblichen 08/15-Kirchenzündel-Lyrik im Black Metal sind - denn das waren sie auch auf den vorangegangenen Alben schon. Vielmehr gewinnt "Arkivet" durch den prophezeienden Blick in die Zukunft unseres Planeten und die spürbare Verzweiflung und Ohnmacht im Angesicht des drohenden Untergangs eine neue Dimension, die weit über die reine Unterhaltung hinaus geht.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (23.08.2021)

WERBUNG: Hard
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