DEINE LAKAIEN - Dual

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VÖ: 16.04.2021
Bandinfo: DEINE LAKAIEN
Genre: Dark Wave
Label: Prophecy Productions
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Lineup  |  Trackliste

Ok. Für den größten Teil der Stormbringer-Leserschaft sind DEINE LAKAIEN definitiv nicht die erste musikalische Anlaufstelle. ABER! Zum einen gibt es doch den ein oder anderen Berührungspunkt, wie das Label Prophecy Productions oder die schwarzromantische Freundin, die neben den metallischen Gefilden auch in der Gothic-Szene unterwegs ist, oder natürlich euer (da sind wir uns sicher) breit angelegter open minded Musikgeschmack. Nicht umsonst finden neben Metal und Hardrock in unserem Magazin auch Genres wie Ambient, Neofolk, Electro, Dark Wave, EBM, Industrial oder (Achtung! Wichtig!) Avantgarde statt. Und zum anderen sind DEINE LAKAIEN einfach so viel mehr als nur eine weitere Band, sie sind in den mittlerweile 36 Jahren ihres Bestehens deutsches Kulturgut geworden, haben eine große Anhängerschaft sowohl im Bereich der Ernsten als auch der Unterhaltungsmusik und sind aus der hiesigen Kunst- und Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken. Und wenn die Ikonen einer ganzen Jugendkultur ein Album wie "Dual" veröffentlichen, dann sollte dieses "wunderbar"e Ereignis definitiv auch bei Stormbringer die erforderliche Beachtung finden, die dem Schaffen der Band gerecht wird.

Kleiner Rückblick: 1985 suchte der damals 36jährige Ernst Horn, der zu dieser Zeit hauptberuflich als Dirigent und Kapellmeister in Bereich der klassischen Musik tätig war, per Zeitungsannonce (Ja! so machte man das früher!) einen "experimentierfreudigen" Sänger für ein musikalisches Projekt, in dem Horn seiner Kreativität freien Lauf lassen konnte. Der 16 Jahre jüngere, in Mazedonien geborene Dark Wave Fan Alexander Veljanov, der zu diesem Zeitpunkt Theater- und Filmwissenschaften studierte, meldete sich auf die Anzeige. Es folgte ein Treffen, DEINE LAKAIEN wurden ins Leben gerufen, und der Rest ist Geschichte.

1986 veröffentlichten DEINE LAKAIEN ihr gleichnamiges Debüt, das in Szenekreisen für einigen Wirbel sorgte, und bereits mit den Nachfolgeralben "Dark Star" (1991, inklusive dem Szenehit "Love Me To the End") und "Forest Enter Exit" festigte das Duo seinen Ruf als außergewöhnliche musikalische Institution, die abseits gängiger Genrekonventionen Dark Wave, Electro sowie avantgardistische Elemente mischte und mit weiteren musikalischen Einflüssen verschmolz. Ein wesentlicher Bestandteil der Klangwelt der LAKAIEN war und ist dabei die unvergleichliche, warme und samtig-tiefe Stimme von Alexander Veljanov (dessen Alleinstellungsmerkmal wiederum seit 36 Jahren die auftoupierte Dracula-Gedächtnis-Frisur ist).

Meine erste Begegnung mit den LAKAIEN hatte ich 1996 in Form von "Winter Fish Testosterone", dem vierten Full Length Release der Band. Stücke wie das beinahe sakrale "My Winter", "Fighting The Green", "Cupid's Disease", der Übersong "Away" oder der wütende Industrial/Avantgarde Ausbruch "Testosterone" nahmen mich sofort gefangen und fesseln mich bis heute. 

In den Neunzigern waren DEINE LAKAIEN auch in weitere Projekte abseits ihrer Hauptband involviert. So gehörte Ernst Horn zu den Gründungsmitgliedern von QNTAL, und Veljanov wirkte als Sänger auf mehren Alben von ESTAMPIE mit. Beide Bands verknüpf(t)en mittelalterliche Texte, Sprache, Melodien und Instrumente mit zeitgenössischen und elektronischen Klängen. Zudem etablierte Alexander Veljanov unter seinem Namen ein erfolgreiches Soloprojekt.

Unter dem eigenen Banner erschienen um die Jahrzehntwende mit "Kasmodiah" und "White Lies" zwei der stärksten Alben der LAKAIEN. "Kasmodiah" (1999) stellte die bis dato eingängigste Scheibe in der Bandhistorie dar und beinhaltete eine einer Achterbahnfahrt gleichende Mischung aus getragen-melancholischen Stücken wie "Return", "Into My Arms", "The Game", dem Titeltrack und dem grandiosen "Sometimes" auf der einen Seite, und forschen, treibenden Tracks wie "Kiss The Future", "Overpaid" und dem EBM-Kracher "Lass mich" auf der anderen. "White Lies" (2002) führte diesen Weg fort und enthält ein Eröffnungs-Trippel, das seines Gleichen sucht(e) ("Wunderbar", "Generators", "Where You Are"). Aber auch im Folgenden finden sich auf dem Longplayer jede Menge State Of The Art Stücke: "Prayer", "Hands White", "Lost" und "Fleeting", um nur einige zu nennen.

Das 2005 veröffentlichte "April Skies" war das dritte Album der mittleren Schaffensperiode und folgte stilistisch den beiden Vorgängern, wies aber im Gegensatz zu "Kasmodiah" und "White Lies" bereits wieder stärkere avantgardistische Züge auf. Danach ließen Alexander Veljanov und Ernst Horn sich erst einmal fünf Jahre Zeit, ehe ein neues Studioalbum das Licht der Welt erblickte. "Indicator" baute auf den vorangegangenen Veröffentlichungen auf, präsentierte zusätzlich aber noch jede Menge neue und erfrischende Facetten und Details.

Weitere vier Jahre gingen ins Land, ehe 2014 mit "Crystal Palace" der neunte LAKAIEN Longplayer erschien, eine wieder rein elektronisch produzierte Scheibe. Sämtliche Instrumente, die nicht nach Synthesizer klingen, sind synthetisch und von Ernst Horn gesampelt. "Crystal Palace" ist abermals ein abwechslungsreiches Auf und Ab zwischen laut und leise, langsam und treibend, melancholisch und aggressiv. Und es enthält so grandiose musikalische Perlen wie "Nevermore", "Farewell", "The Ride", "Where The Winds Don't Blow", "The Lights Of Our Street" oder "The Swan Song". Anschließend feierten DEINE LAKAIEN mit der Veröffentlichung "XXX. The 30 Years Retrospective" ihr dreißigjähriges Bestehen, ehe es in der letzten Zeit etwas ruhiger um das dynamische Duo wurde.

Und nun befinden wir uns im Jahr 2021, und (Corona bedingt um ein Jahr verspätet) Ernst Horn und Alexander Veljanov beglücken die Musikwelt mit ihrem zehnten und bislang aufwendigsten Studioalbum.

Eine herausragende Eigenschaft des künstlerischen Schaffens der LAKAIEN besteht darin, dass ihr Musik absolut zeitlos klingt. Einzig die Veröffentlichungsdaten geben einen Anhaltspunkt, aus welchem Jahr oder Jahrzehnt die einzelnen Stücke stammen. Und aus diesem Grund war ich auch nach sieben Jahren schon bei den ersten Klängen von "Dual" direkt wieder mitten drin, im musikalischen Kosmos von DEINE LAKAIEN.

Bevor ich auf die einzelnen Stücke zu sprechen komme, aber erst noch einige erläuternde Worte zu dem neuen Longplayer. Denn hier ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Oberflächlich betrachtet ist "Dual" ein Doppelalbum mit zehn Eigenkompositionen und zehn Coverversionen von Bands und Künstlern der unterschiedlichsten Genres und zeitlichen Epochen. Aber hinter den zwei Scheiben steckt wesentlich mehr: nämlich eine echte Dualität zwischen den beiden Album-Teilen.

Die sorgsam ausgewählten Coverversionen kleiden zehn Songs in ein LAKAIEN-typisches Soundgewand, die entweder beide Bandmitglieder oder aber zumindest einen von ihnen in der Vergangenheit besonders berührt und geprägt oder auch inspiriert haben. Und nun kommt der duale Twist ins Spiel. Jede der zehn Eigenkompositionen bezieht sich auf eine bestimmte Coverversion, auf musikalischer, textlicher oder stimmungstechnischer Ebene. Und dieser Zusammenhang macht "Dual" ungemein spannend und auch absolut einzigartig. Denn wer würde schon ohne dieses Wissen daran denken, dass der PATTIE SMITH Klassiker "Because The Night" in irgendeinem Zusammenhang mit "Because Of Because" steht? Oder "In Your Eyes" mit SOUNDGARDENS Grungeklassiker "Black Hole Sun"?

Dabei sind die jeweiligen Entsprechungen nicht unbedingt an den Tracklists der beiden Albumteile ausgerichtet. Und so wird "Dual" gewissermaßen zu einer klanglichen und lyrischen Schnitzeljagd. Es macht ungemein Spaß, die Gemeinsamkeiten und Bezüge zwischen Eigenkomposition und Cover-Zwilling herauszufinden. Allein schon dieser Ansatz macht "Dual" zu etwas Besonderem. Aber Ernst Horn und Alexander Veljanov wären nicht DEINE LAKAIEN, wenn sie die zwanzig Tracks des neuen Albums nicht so gestaltet hätten, dass diese auch ohne den gerade beschriebenen genialen Schachzug für sich selbst funktionieren und ein großartiges Hörerlebnis bieten.

"Dual" beginnt mit einem typischen DEINE LAKAIEN Stück aus der melancholischen Ecke. Es braucht nur ein paar Töne von "Because Of Because", und man fühlt sich sofort zu Hause, während man von Alexander Veljanovs Ausnahme-Stimme direkt in eine vokale Umarmung genommen wird. Der Opener erinnert an die akustischen Momente auf "Kasmodiah", und hier besonders an "Sometimes". Im Vergleich zum Eröffnungstrack wirkt "Sick Cinema" geradezu brachial und klingt nach dem elektronischen Pioniergeist der späten Siebziger und frühen Achtziger, mutet aber gleichermaßen klassisch an. 

"In Your Eyes" beginnt ruhig, fast zaghaft. Doch schon nach kurzer Zeit kippt der Song und präsentiert düstere Gitarrenklänge. Ein kleiner Hinweis darauf (neben textlichen Bezügen), dass es sich bei der zugehörigen Coverversion um SOUNDGARDENS "Black Hole Sun" handelt.

Das folgende "Snow" ist für mich eine fast unheimliche Reminiszenz an "The Game" (enthalten auf "Kasmodiah"). Die Parallelen sind unüberhörbar. Aber abgesehen davon (oder vielleicht gerade deswegen?) ist "Snow" eines dieser wahnsinnig berührenden Gänsehautlieder, für die ich die LAKAIEN so liebe. Man möchte weinen, ob der süßen, tiefen Melancholie, doch fühlt man sich gleichzeitig unwahrscheinlich geborgen und sicher, weil der Song einen ohne Vorurteile in die Arme nimmt. Musikalisch zart und zerbrechlich, handelt es sich bei "Snow" um einen der größten DEINE LAKAIEN Songs überhaupt und um mein persönliches Albumhighlight auf "Dual".

"Happy Man" entpuppt sich regelrecht beschwingter, elektronisch verspielter Tanzflächenfüller mit einigen ruhigen Zwischenparts, und auch "Run" ist ein von Synthesizern dominiertes Stück, das bei genauem Hinhören doch recht leicht auf sein Coverpendant schließen lässt (ich sage nur: Robert Smith!)

Das chansonartige "Les Oiseaux" wird von Alexander Veljanov selbstverständlich ich ausdrucksstarkem Französisch interpretiert. "Unknown Friend" wiederum ist einer jener zahlreichen, leicht wehmütigen, abwechslungsreichen LAKAIEN-Hits, deren Melodie man schon nach dem ersten Hören nicht mehr vergisst. Der englischsprachige Text enthält die die deutsche Textzeile: "...Aus und vorbei...".

Das düster-avantgardistische "Qubit Man" erinnert nicht nur musikalisch an die progressive Untermalung von Dario Argentos Giallofilmen durch die Band GOBLIN, sondern in seiner Brachialität auch an die Bildgewalt der Streifen des italienischen Horror-Maestro. Der erste Teil von "Dual" endet anschließend mit dem dunkel-hypnotischen, streckenweise geradezu meditativen "Someone To Come Home To", einem Stück voller Sehnsucht und einem würdigen Abschluss für CD 1.

Der zweite Teil des Doppelalbums startet mit dem Cover von "Because The Night". Und obwohl DEINE LAKAIEN das Stück absolut zu ihrem eigenen machen, schaffen sie es, den ursprünglichen Charakter des PATTIE SMITH Originals perfekt einzufangen und wiedergeben. Gleiches gilt für die wundervolle, akustikbetonte Interpretation des KANSAS-Oldies "Dust In The Wind", bei der Alexander Veljanovs Gesang zuweilen geradezu sakral anmutet. Und auch die verschwurbelte Verschrobenheit mit dem asiatischen Touch des Songs "Spoon" der deutschen Avantgarde-Krautrocker CAN findet sich in der Coverversion wieder.

Die bedrückte Stimmung, und der Schmerz, der CAT STEVENS' akustikgitarrenunterlegtem "Lady D’Arbanville" innewohnt, wird von DEINE LAKAIEN in ein elektronisches Gewand gekleidet, und doch schafft es die Coverversion hervorragend, die Emotionen des Originals zu transportieren. Ähnlich verhält es sich mit dem "Flohlied" des russischen Komponisten MODEST PETROWITSCH MUSSORGSKI. Mit herrlichem stimmlichem Overacting und natürlich auf Russisch von Alexander Veljanov vorgetragen (man beachte das kongeniale Lachen!), tut die Instrumentierung von Ernst Horn ihr Übriges, um die LAKAIEN Version dem Original absolut ebenbürtig gegenüber stehen zu lassen. Einfach großartig!

Andere Interpretationen wie LINKIN PARKs "My December" (na, fällt euch bei der Textzeile: "...To have someone to come home to..." etwas auf?) oder KATE BUSHs "Suspended in Gaffa" sind auf ihre Art sehr nah am Original, spiegeln dafür aber im ersten Fall sehr eindringlich und im zweiten äußerst verspielt den Charakter der jeweiligen Stücke exzellent wider.

Die LAKAIEN Version von "The Walk" reflektiert hervorragend die damalige, elektronisch geprägte Schaffensperiode von THE CURE. Und auch wenn man sich an die stromgitarrenfreie Variante von "Black Hole Sun" erst einmal etwas gewöhnen muss, so ist das Cover nicht weniger intensiv als der ursprüngliche Megahit von SOUNDGARDEN.

Egal in welcher Art und Weise DEINE LAKAIEN die zehn ausgewählten Stücke auch neu interpretieren, Ernst Horn und Alexander Veljanov begegnen den Originalen dabei immer mit dem größtmöglichen Respekt, und man hört und spürt, wie intensiv die beiden Ausnahmekünstler sich mit den einzelnen Stücken auseinandergesetzt haben.

Und so bleibt man mehr als zufrieden zurück, nachdem die letzten Töne von "My December" verklungen sind. Man atmet tief auf und fühlt sich geradezu beseelt. Man kommt sich vor, als würde man überlaufen, nachdem man regelrecht überflutet wurde an Eindrücken, Klängen und Emotionen. 

 

Fazit:

Lange haben DEINE LAKAIEN ihre Hörerschaft warten lassen. Dafür ist das, was Ernst Horn und Alexander Veljanov mit "Dual" geschaffen haben, etwas wirklich Großes geworden. Ein Doppelalbum, dessen Konzept so genial wie einzigartig und in der Tat noch nicht da gewesen ist. Ein musikalisches Meisterwerk, mutig, innovativ, opulent. Überschäumend an Ideenvielfalt und Facettenreichtum. Frisch und voll jugendlicher Begeisterung, erfüllt von vor Kraft strotzendem Tatendrang (ich gebe zu bedenken, dass Ernst Horn mittlerweile stolze 72 Lenze zählt!). Perfektion in technischer Hinsicht und in den Arrangements. Ein Album mit Köpfchen aber mit noch viel mehr Herz.

Bevor ich anfing, dieses Fazit zu tippen, habe ich noch schnell zwei Konzertkarten bestellt. Denn ich wünsche mir nichts mehr, als "Dual" (nach all den ewig langen Corona-Entbehrungen) im November dieses Jahres in der faszinierenden und einzigartigen Theater-Atmosphäre des Dresdner Kulturpalastes live und in unmittelbarer Nähe zu den Künstlern erleben zu dürfen. Und damit ist alles gesagt!



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (21.04.2021)

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