DALRIADA - Őszelő

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VÖ: 09.04.2021
Bandinfo: DALRIADA
Genre: Folk Metal
Label: H-Music Hungary
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Manchmal ist die Musikwelt schon ungerecht. Während DALRIADA in ihrem Heimatland Ungarn zu den beliebtesten Metalbands gehören und als gefeierte Stars ihre letzten sieben Alben allesamt in den Top 5 der heimischen Charts platzieren konnten (die letzte Langrille "Nyárutó" schaffte es sogar auf den ersten Platz), fristen die ungarischen Folkmetaller hierzulande (völlig zu Unrecht) auch nach 18 Jahren immer noch größtenteils ein Schattendasein.

Dabei ist das Sextett aus Sopron im Nordwesten Ungarns am Neusiedler See (gerademal 70 km von Wien entfernt) schon ewig auch international aktiv und trat u.a. auf dem WACKEN OPEN AIR, der 70.0000 TONS OF METAL Kreuzfahrt oder dem MASTERS OF ROCK auf.

Die Musik von DALRIADA hat von dem noch rauen, leicht sperrigen Debüt "Fergeteg" bis zum Vorgänger des aktuellen Releases eine beachtliche Entwicklung genommen, bei der die Ungarn ihre Wurzeln nie aus den Augen verloren, aber ihren einzigartigen Stil (den die Band spätestens auf ihrem vierten Album "Szelek" gefunden hatte) immer weiter verfeinerten und mit neuen spannenden Elementen anreicherten.

Das Hauptaugenmerk liegt bei der Musik von DALRIADA auf dem anspruchsvollen Verschmelzen von melodischem Metal mit traditionellen folkloristischen Elementen. Zusammengehalten und oftmals auch getragen wird das Ganze von dem Wechsel- und Duettgesang des Vokal-Gespannes Laura Binder und András Ficzek sowie immer wieder gänsehautverursachenden Chören in den Refrains der meisten Stücke. Während András sich zumeist im Klargesang mit gelegentlichen Growl-Einlagen bewegt, hat Lauras Stimme diesen unverwechselbaren slawischen Klang, der den Liedern das gewisse Etwas verleiht und DALRIADA deutlich von anderen Folk Metal Bands unterscheidet. Dass die taffe Frontfrau aber auch andere Töne drauf hat bewies sie eindrucksvoll in dem Song "Hajdutanc" (auf dem Album "Ígéret" 2011), in dem sie einige abgefahrene Growl-Passagen zum Besten gab, die absolut einer Masha von ARKONA zur Ehre gereichen.

Ich selbst hatte meine erste musikalische Begegnung mit DALRIADA 2012 durch den im gleichen Jahr erschienenen siebten Longplayer "Napisten Hava", der mit dem Titeltrack bis heute meinen absoluten Lieblingssong enthält. Die großartige Symbiose aus Metal, Folklore und dem fesselnden Gesang zog mit augenblicklich in ihren Bann und hatte die sofortige Anschaffung des kompletten DALRIADA Back-Kataloges zur Folge. Seitdem verfolge ich den Werdegang der Band mit größtem Interesse und drücke den Jungs und ihrer Frontfrau nun schon seit zehn Jahren alle Daumen, dass DALRIADA endlich auch international im Allgemeinen und natürlich hierzulande im Speziellen die Beachtung finden, die ihnen ohne Frage gebührt.

"Áldás", der 2015 veröffentlichte Nachfolger zu "Napisten Hava" legte die Messlatte in Sachen Qualität noch einmal ein Stück nach oben und enthielt mit dem Titelsong (zu dem DALRIADA ein ungemein ergreifendes Video mit einer faszinierenden Geschichte veröffentlichten) und "Amit Ad Az Ég (Álmos Búcsúja)" zwei absolute Übersongs, die sich ganz oben in der endlosen Liste von Hits der Bandhistorie platzierten. Das bis zum aktuellen Release letzte Album "Nyárutó" stand "Áldás" in nichts nach und präsentierte den Fans folkmetallische Meisterwerke wie "Hollórege", "Táltosok álma" (mit einem unglaublichen Growl-Duett von Laura und András!), das grandiose "Búsirató" oder den geradezu epischen, achtminütigen Titeltrack.

Interessant ist sicher noch, dass die Titel aller bislang erschienen DALRIADA Alben alte ungarische Monatsnamen enthalten. Einzige Ausnahme ist "Arany-album", eine Scheibe die ausschließlich vertonte Gedichte des ungarischen Nationaldichters János Arany enthält. Mit der aktuellen Scheibe sind wir im Herbst angekommen, denn "Őszelő" steht für den Monat September.

Der neue Longplayer startet druckvoll und mitreißend. "Ezer élet, ezer csillag" (Tausend Leben, Tausend Sterne) ist direkt der erste Hit, der mit seinem stampfenden Rhythmus zum Tanzen und dem herrlichen Chorus zum Mitsingen einlädt (kleiner Tipp, das ein oder andere Bierchen löst sprachliche Barrieren in Windeseile in Luft auf!). Dieses war der erste Streich, und "Rákóczi Zászlaja" (Das Banner von Rákóczi) folgt sogleich. Auch das zweite Stück setzt sich sofort in den Gehörgängen fest, gönnt sich allerdings nach der Halbzeit ein regelrecht progressives Zwischenspiel. Inhaltlich geht es um Franz II. Rákóczi, der durch den von ihm angeführten Aufstand Anfang des 18. Jahrhunderts gegen die Habsburger zum ungarischen Nationalhelden wurde. Generell nehmen sich DALRIADA auf "Őszelő" immer wieder historischen Ereignissen und Legenden und Mythen der ungarischen Geschichte an.

"Dúvad" (Die wilde Bestie) ist eine treibende Uptempo Nummer mit einem grandiosen Mitsing-Refrain und immer wieder aufblitzenden, typisch ungarischen Folklore-Elementen. Der Titelsong beginnt ungemein episch mit einem summenden Männerchor und wird im weiteren Verlauf zum Wechselspiel aus getragenen Strophen und hymnenhaften Chorus Parts.

"Betyár-altató" (Wiegenlied der Geächteten) erinnert an die Geächteten Ungarns im 18. und 19 Jahrhundert, darunter flüchtige Soldaten, Bauern, die vor der Leibeigenschaft flohen, und natürlich gewöhnliche Kriminelle. Auf ihrer Flucht durch das Land fanden sie immer wieder Siedlungen vor, die durch den jahrhundertelangen Krieg verlassen waren, Nahrung bekamen sie aus den Wäldern und Flüssen und sie wurden heimlich von der sich immer wieder auflehnenden Bevölkerung unterstützt, die sich gegen das Habsburgerreich stellte. Musikalisch kleiden DALRIADA den Song einmal mehr in ein mitreißendes Folk Metal-Gewand.

"Földanya" (Mutter Erde) (mit einem traumhaften akustischen Mittelteil) und "Huszáros" (Von Husaren), ein erstklassiger Midtempo-Stampfer (ich sage nur: Chorus!), können das bisherige Niveau mühelos halten, während "Örökség" (Vermächtnis) sogar noch eine Schippe drauflegt. Das Stück handelt von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft und wagt eine Vorhersage über die Welt, die wir unseren Nachkommen hinterlassen. Um das auch musikalisch zu unterstreichen wird der Chor im letzten Refrain von Kinderstimmen unterstützt.

"Őszi Ének" (Herbstlied) schließlich erzählt die Geschichte einer Person, die gezwungen ist, ihre Geliebte, ihr Zuhause und ihr Mutterland zu verlassen. Der Text ist eng mit "Földanya" verbunden. Es geht um unsere Wurzeln, die eigene Identität und die bewahrende Kraft der Heimat, die sich am Ende durchsetzt, sowohl im geistigen als auch im körperlichen Sinne.

Der Album-Closer "Ezer csillag" ist die Akustik-Version des ersten Titels "Ezer élet, ezer csillag" und schließt mit seiner traditionellen Ursprünglichkeit perfekt den Kreis von "Őszelő". Das Stück lässt den Hörer mit einer tiefen und erfüllten Zufriedenheit zurück. DALRIADA schaffen es, das Auditorium vom ersten bis zum letzten Song mitzunehmen und lassen die Hörerschaft zu einem Teil von  "Őszelő" werden.

Fazit:

"Őszelő" ist für mich das bisher ausgereifteste Album von DALRIADA, und weil die Band sich ein weiteres Mal steigern konnte, auch ihre bislang beste Scheibe. Es gibt auf dem aktuellen Longplayer weder Ausfälle noch Filler - es gibt nur zehn großartige Stücke, die eine harmonische Einheit bilden. Und ich kann mich eigentlich nur wiederholen, ich wünsche dem ungarischen Sechser-Gespann nichts mehr, als dass der Band endlich auch hierzulande der Erfolg zuteilwird, den DALRIADA sich wohl verdient hat! Gratulálunk!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (20.04.2021)

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