PALADINE - Entering The Abyss

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VÖ: 26.03.2021
Bandinfo: PALADINE
Genre: Power Metal
Label: No Remorse Records
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Lineup  |  Trackliste

Ein kleiner Stormbringer-Rezensent konstatierte einst, vor vielen, vielen Jahren, als BLIND GUARDIAN gerade „A Night At The Opera“ veröffentlichten, welches einen Song über Raistlin Majere, einen der Hauptcharaktere der Drachenlanzen-Saga von Margaret Weis und Tracy Hickman enthielt, dass er der Band, die ein komplettes Konzeptalbum über den charismatischen Magier und seine Abenteuer veröffentlichen würde, einen Orden überreichen würde. Fast 20 (!) Jahre später haben wir einen Gewinner - und er stammt aus Griechenland: PALADINE, die sich nach der gleichnamigen obersten Gottheit des Guten in der Welt von Krynn benannt haben, und die bereits mit ihrem Debüt „Finding Solace“ für Frohlocken beim hier freudig tippenden Redakteur sorgten, haben sich erneut tief in die Drachenlanzen-Bücher vergraben und auf ihrem Zweitling „Entering The Abyss“ die einprägsamsten Storyabschnitte aus hauptsächlich der Trilogie der Legenden der Drachenlanze, sowie auch Auszüge aus den verlorenen Chroniken in gediegenem (Melodic-)Powermetal vertont. Und wer ist der wahrscheinlich wichtigste und facettenreichste Charakter in dieser zweiten Buchreihe, die aus dem Rollenspiel Dungeons & Dragons hervorging? Erraten...

Und schon mit dem eröffnenden Intro „Raistlin's Ambition“ wird die Absicht des Magiers der schwarzen Robe enthüllt, indem er im Zwiegespräch mit seinem Schüler Dalamar seinen Plan darlegt, Takhisis, die Königin der Finsternis zu besiegen, ihre fünf Drachenköpfe abzuschlagen und sich selbst zum Gott der Dunkelheit zu erheben. Im Folgenden darf der Hörer den charismatischen Magier auf seinen Abenteuern begleiten, von den Lanzenkriegen („War Of The Lance“) über die zarten Bande, die er mit der Klerikerin Crysania knüpft („Darkness And Light“), seinen Sieg über Fistandantilus und der Zwist der Brüder in den Zwergentorkriegen („Brother against Brother“) und schließlich das Vordringen in den Abgrund zu Takhisis („Entering The Abyss“), wo Raistlin sein wahres Gesicht zeigt – und erkennen muss, was sein Sieg bedeuten würde...

Wer jetzt die Augen verdreht ob des nerdigen Ausbruchs eines Drachenlanzen-Fans (die deutschen Ausgaben der kompletten Reihe belegen  alleine ein halbes Bücherregal im Reich des Schreibers...) und in den letzten beiden Absätzen nur Bahnhof verstanden hat, der darf nun beruhigt aufatmen: ab jetzt geht’s nur mehr um die Musik.

Wenig überraschend angesichts der Fantasy-Thematik, treiben sich PALADINE im eher melodisch geprägten Powermetal herum, der durchaus an ältere Veröffentlichungen von BLIND GUARDIAN gemahnt. Keyboards kommen dabei neben den beiden gerne und ausladend solierenden Gitarren nicht zu oft zum Einsatz und sind lediglich im flotten und runden „Mighty Heart“ dominant eingebunden. Die stilistische Nähe zur Krefelder Institution ist dabei bereits im angesprochenen Opener „War Of The Lance“ deutlich zu merken.

Das mittige Triple um den epischen Titeltrack „Entering The Abyss“, mit seinem enorm haltbaren Chorus, das ausladende und abwechslungsreiche „Darkness And Light“ mit mitreißender Hookline und dem wütenden, im Uptempo dahinbretternden „Hourglass In The Sky“ beschreibt die Bandbreite des Albums am Besten und stellt gleichzeitig die Riege der stärksten Songs des Albums dar. Wenn es um die klassischen, rifforientierten und flotten Power-Songs geht, machen PALADINE alles richtig, wie man in Titeln wie „Between Gods And Men“ (gelungener Spannungsbogen und enorm dramatische Bridge!) und „Brother Against Brother“ bemerken kann. Nicht zuletzt beweisen die Griechen auch ein Händchen für einprägsame Strukturen und starke Refrains, wovon man sich am Ende des Albums bei „The Return“, das mit unaufgeregter Keyboard-Unterstützung noch einmal einen Epik-Schub bringt, einmal mehr überzeugen kann.

Die einzige Schwäche von „Entering The Abyss“ liegt in der Produktion, die natürlich nicht in der monumentalen Liga obig erwähnter deutscher Genregranden mitspielen kann. Doch trotz ein paar Schwächen im Tonkeller und in den streckenweise nicht so ganz druckvollen Drums, sowie den ein wenig arg trocken abgemischten Vocals von Sänger Nick, klingt der zweite Wurf von PALADINE angenehm organisch und versprüht genau den Charme, den man von einer nerdigen musikalischen Verbeugung vor einer 1984 gestarteten Romanserie erwarten darf. An „Entering The Abyss“ hat man sowohl als reiner Musikhörer großen Spaß, als man auch als bekennender Fan des Referenzwerkes von Weis/Hickman bestens unterhalten wird – und ob der liebevollen und fundierten Umsetzung vor Freude zusätzlich im Viereck springen möchte!

Wann geht’s weiter? Die Welt von Krynn hält noch so viel Material bereit...



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Anthalerero (19.03.2021)

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