RONNIE ATKINS - One Shot

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VÖ: 12.03.2021
Bandinfo: RONNIE ATKINS
Genre: Hard Rock
Label: Frontiers Records
Lineup  |  Trackliste

Dieses Soloalbum von RONNIE ATKINS, dem Sänger von PRETTY MAIDS, steht von Beginn an unter einem höchst melancholischem und emotitionalen Stern: Atkins war 2019 an Lungenkrebs erkrankt, schien jedoch im Februar 2020 zunächst geheilt zu sein. Im Oktober 2020 musste der Sänger jedoch erfahren, dass seine Krebserkrankung unglücklicherweise zurückgekehrt war. Ronnie kommentiert die Veröffentlichung von „One Shot“ wie folgt: „Um ehrlich zu sein, ich hatte eigentlich nicht die Absicht, mit einem Soloalbum anzufangen, aber aus verschiedenen Gründen und besonders hinsichtlich meiner eigenen persönlichen gesundheitlichen Situation habe ich schlussendlich die Entscheidung getroffen, es zu versuchen. Um Ostern 2020 herum und nur sechs Wochen nachdem mir gesagt wurde, dass alles offenbar sehr positiv bezüglich meiner Gesundheit aussehen würde, bekam ich unglücklicherweise die Diagnose Krebs im Stadium vier. Mir wurde gesagt, er sei unheilbar, eine vernichtende Neuigkeit für mich. Das änderte natürlich alles und ich verfiel für einige Zeit in eine gewisse Paniksituation! Als sich der Staub jedoch gelegt hatte, erkannte ich, dass es für mich zwei Wege gab, die Situation anzupacken. Ich könnte mich hinsetzen, die Fakten akzeptieren und mich selbst bemitleiden oder ich könnte mir einen Ruck geben, mir einige Ziele setzen, meine Träume verfolgen und weiterleben! Mit dem fantastischen Rückhalt meiner Familie und meiner wahren Freunde entschied ich mich für letzteres!“

Hinzu kam natürlich die Situation, dass der 56-Jährige aufgrund der Corona-Pandemie musikalisch nichts weiter tun konnte, als Musik aufzunehmen und mit seiner Hauptband PRETTY MAIDS hatte er ja gerade, also 2019, ein Album („Undress Your Madness“) veröffentlicht. Stilistisch ist sein Soloalbum allerdings nicht weit von seiner Hauptband entfernt. Was wohl auch an der Mitarbeit von PRETTY-MAIDS-Bandkollege Chris Laney liegt, der bei „One Shot“ Gitarre spielt und das Album auch produziert hat. Bei genauem Hinhören gibt es allerdings doch einige signifikante Unterschiede: Die Musik ist überwiegend im Melodic Rock beheimatet mit Einflüssen aus dem Hard Rock oder Melodic Metal. Also schon merklich weniger E-Gitarre und weniger hart als bei seiner Hauptband, bei der er seit 40 Jahren aktiv ist.

Auch die Texte unterscheiden sich von seinem bisherigen Schaffen, lässt Atkins über seine Plattenfirma ausrichten: „Ich fand es schwierig, über Sex, Drogen und Rock’n’roll etc. zu schreiben mit Blick auf die Situation, in der ich mich befinde. Daher schätze ich, dass die Texte ein Stück persönlicher wurden und vielleicht gelegentlich melancholischer. Aber das spiegelt meine Gedanken zu dieser Zeit wieder, in der ich diese Texte schrieb.“ Und ja, die Texte sind reflektierend, nachdenklich, lebensbejahend, erwachsen, melancholisch wie ein Abschiedsbrief. Manche Zeile oder Phrase könnte ohne das Wissen um Atkins unheilbare Erkrankung vielleicht als kitischig abgetan werden. Mit diesem Wissen sind sie aber glaubwürdig und herzergreifend. Und geben den Songs eine ganz besondere Würze, ja Tiefe.

Gleich der Opener „Real“ ist ein Radio-Rocker, der es durch die Verbindung von Text, großartiger Melodie und der Lebensumstände von Atkins faustdick in sich hat und einen Kloß im Hals entstehen lässt. Eigentlich eine tolle Nummer für Radio-Airplay, wenn da nicht nur Schrott laufen würde. Linnea Vikström von der schwedischen Prog-Metal-Band PARALYDIUM sorgt im Übrigen im Refrain für einen schönen Kontrast zur Stimme von Atkins (neben Vikström veredeln unter anderem Oliver Hartmann und Björn Strid einzelne Tracks des Albums). Grandioser Auftakt!

„Scorpio“ ist stilistisch deutlich mehr bei PRETTY MAIDS durch den vermehrten Einsatz von E-Gitarre, die auch die Hauptmelodie trägt. Ordentlicher Breitwand-Rocker. Der Titeltrack haut einen dann völlig aus den Socken. „One Shot“ ist wohl einer der besten Songs, die Atkins jemals geschrieben hat. Wieder sorgt die Verbindung aus Melodien, Text und Lebenssituation von Ronnie für eine Tiefe, die sicher nichts für jeden Hörer ist, sondern ein gewisses Maß an Lebenserfahrung, Reflexion und Empathie erfordert, um sie zu erfassen. Das Musikvideo ist übrigens ebenfalls gelungen.

Mit „Subjugated“ kommt dann Stadion-Rock ins Haus, der deutlich weniger melancholisch tönt und recht fluffig ins Ohr geht. Für die großen Bühnen dieser Welt geeignet scheint auch „Frequency Of Love“, das mit einem Keyboard-Loop eingeleitet wird, der aus späten 80ern stammen könnte und schnell in einen ohrwürmigen Refrain überleitet. „Before The Rise Of An Empire“ hätte mit seinem einprägsamen Refrain auch den beiden letzten, nicht so starken PRETTY-MAIDS-Alben gut getan. „Miles Away“ ist ein echter Schmuserocker wie er im Buche steht. Muss man nicht mögen, kann man aber. Mögen kann man auch das nachdenkliche „Picture Yourself“, das nicht nur durch die reflektierenden Texte („In was für einer Welt willst du leben? (...)“) überzeugt, sondern vor allem durch einen erneut starken Refrain. Härter geht’s dann bei „I Prophesize“ zu, das insbesondere mit starkem Gesang punkten kann, der sich von einer relativen Entspanntheit zu Beginn wie in einem Wirbel immer weiter aufbaut wie bei einem Klimax. Sehr schön.

Zum Abschluss gibt’s ordentliche Glam-Rock-Kost mit „One By One“ und das melancholische getextete „When Dreams Are Not Enough“, das dem wissenden Hörer nochmal einen Kloß in den Hals zaubert und ebenfalls klar in Richtung US-Rock ausschlägt. Dass der Track in einem hallenden Fade-out mit Atkins Gesang endet, unterstreicht die melancholische Note eines ansonsten eigentlich recht relaxt klingenden Songs.

Letztlich ist dieses Album deutlich stärker als die beiden letzten Alben von Atkins Hauptband (also den hübschen Mädels) und es sticht auch NORDIC UNION aus. Mehr im Melodic Rock und Hard Rock beheimatet als Atkin´s bisheriges (metalischeres) Schaffen ist „One Shot“ ein homogenes Album ohne Schwächen, aber mit viel Gefühl, tollen Melodien und emotionalen, nachdenklichen Texten, die der Musik einen bittersüßen Touch geben. Mit der Einbeziehung der Texte und der Lebenssituation von Atkins funktionieren einige Songs wie zum Beispiel „Real“, „One Shot“, „Picture Yourself“ oder „When Dreams Are Not Enough“ noch mehr. Aber auch so gibt es viel hochklassige Rock-Musik zu hören, die den Wunsch erwachsen lassen, dass RONNIE ATKINS sie bald noch live darbieten kann.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Tobias (17.03.2021)

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