GROOVENOM - Mitten ins Herz

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VÖ: 13.11.2020
Bandinfo: GROOVENOM
Genre: NDH (Neue Deutsche Härte)
Label: Out of Line
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Lineup  |  Trackliste

Nachdem GROOVENOM ihre Trancore-Jugend in aller Exzessivität gelebt haben, warfen sie sich mit grausamer Rücksichtslosigkeit (sich selbst gegenüber) in die Welt der toxischen Zwischenmenschlichkeiten. Erst kamen „Pink Lion“ und „Modern Death Pop“, dann hieß es „Wir müssen reden“, aber die Trennung und damit Erlösung aus der ungesunden Beziehung fand nicht statt. Das Leiden setzt sich in „Mitten ins Herz“ weiter fort.

GROOVENOM wollen uns „die härtesten Lovesongs aller Zeiten“ spielen, also die auf ihrem Vorgängeralbum noch überbieten. Ein gewagtes Vorhaben! Aber was macht diese Lovesongs so hart? Sezieren wir dieses Herz in seine Einzelteile: Musik, Gesang und Text.

„Nimm mir alles! Schenk mir nichts!“ (Nüchtern)

Musikalisch sitzen GROOVENOM mittlerweile bis zur Brust in der Neuen Deutschen Härte und füllen ab dort mit Industrial Metal, Dark Wave, Dark Elektro und Überbleibseln aus der Core-Vergangenheit auf. Dadurch ist eine starke, angriffslustige Brutalität gegeben, die durch ruhige, verletzliche Gegenparts nur noch an Gewalt gewinnt. Dabei sind die zugespitzte Heftigkeit der Drums (Dr. Ronald Warmachine) und das durchdringende Bassspiel (Fred Cube) Höhepunkte der Härte. Krönend und dem beschriebenen Genremix zum Trotz erhält Tightuz den Raum für seine großartigen Gitarrensoli. In keinem Song kommt all dies mehr zur Geltung als in „Du bist es wert“ – vielleicht der härteste der härtesten Lovesongs.

„Gefangen im Leben fühlt sich jeder Tag wie sterben an!“ (Käfig aus Glas)

Gesanglich leistet Mr. Sanz mehr denn je. Seine Shouts übertreffen alles, was er bisher auf Platte geschrien hat. Sein Klargesang besitzt allerdings genau die Menge Eigenheit und Wiedererkennungswert, die auch Geister scheiden kann. Gefällige Durchschnittlichkeit klingt anders. Zudem verstärkt Gitarrist Tightus vermehrt den Gesang, was einzelnen Passagen eine weitere Note und mehr Fülle verleiht. Drei Gaststimmen haben sich GROOVENOM auf „Mitten ins Herz“ eingeladen: Vanessa Katakalos von AEVERIUM, Christoph Wieczorek von ANNISOKAY, und Neill Freiwald von ERDLING. Für mich persönlich war es besonders interessant und gut, Wieczorek deutsch singen zu hören.

„Kette mich an deine Scheide! Du bist es wert zu onanieren!“ (Du bist es wert)

Eine ganz besondere Härte geben die Texte den Liebesliedern auf „Mitten ins Herz“. Wie es in der Neuen Deutschen Härte üblich ist, wird ein fast prosaisch direktes Vokabular verwendet, das viele Musiker sonst eher meiden oder in manchen Metalgenres hinter schwer zu verstehendem Gutturalgebrüll verstecken. In „Du bist es wert“ heißt es beispielsweise geradezu RAMMSTEINesk: „Setz dich auf mich! Fick mich endlich!“ Auch die deutsche Sprache sorgt hier für eine gradlinige Verständlichkeit, eine unmittelbarere Vulgär-Brutalität der gehörten Worte. Die Vertextung von direkter oder metaphorischer Gewalt sind die meisten Hörer zwar gewohnter und doch trifft sie und „bohrt sich durch den Unterleib“ („Deine Liebe“).

Fazit: „Ich bin infiziert“

Dass ich persönlich GROOVENOM seit dem Debütalbum liebe, kann man schon aus den Reviews zu „Modern Death Pop“ und „Wir müssen Reden“ herauslesen. „Mitten ins Herz“ schafft es nun, den 2018/2019 neu eingeschlagenen Stil weiter zuzuspitzen, aufzubauen, zu perfektionieren. Zumindest teilweise. GROOVENOM verlieren ihren Mut nicht, musikalisch zu experimentieren. Das führt zu herausragenden Songs und auch zu zweifelhafteren Passagen. Das Album hat mehr Stärken, aber auch mehr Schwächen als sein Vorgänger. Das halte ich allerdings erstens für eine reine Geschmacksfrage und zweitens für eine Notwendigkeit für ein gutes Album, was „Mitten ins Herz“ auf jeden Fall geworden ist. Hört GROOVENOM, hört euch da rein! Es lohnt sich wirklich!

Am Ende habe ich jetzt aber noch eine ängstliche Hoffnung: Lieber Mr. Sanz, bitte sag mir, dass die sadomasochistische Tragödie deiner Texte nur deinen Fantasien oder deiner überwundenen Vergangenheit angehört, denn – fuck – das klingt immer noch nicht gesünder als auf der letzten Platte!

ps.: Die Sorge im Fazit ist nicht ernst gemeint. Dafür stalke ich euch zu viel. (Aber heute sagt man dazu „followen“, oder?) Liebe Grüße an S. und P., ihr schönen Menschen! Natürlich an T., R. und F. nicht weniger, ihr fast noch schöneren Menschen! (Ah, das war einer zu viel, oder? Jetzt wird’s unangenehm! Gut, dass keiner so weit liest. Trotzdem Zeit, den Text zu beenden! Tschüss!)

 

Um Missverständnissen in der Notenvergabe vorzugreifen, sei hier erwähnt, dass es sich bei 3,5 Punkten um eine sehr gute, bei 4,0 Punkten um eine außergewöhnlich starke Platte und bei 4,5 Punkten um ein überragendes Ausnahmealbum in der Meinung dieses Review-Autoren handelt.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Jazz Styx (19.02.2021)

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