THE SCALAR PROCESS - Coagulative Matter

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VÖ: 19.02.2021
Bandinfo: THE SCALAR PROCESS
Genre: Technical Death Metal
Label: Transcending Obscurity
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Wenn ich zum Einstieg einem meiner Lieblings-Metaller-Witze ein Sequel verpassen dürfte: "Wie retten Metaller eine Prinzessin? - Technical Death Metal: Der Held betritt mit seinem sündhaft teuren Zackenbarsch die Höhle und zockt dem Drachen eine handvoll chirurgischer Riffs vor. Der Drache bricht sich beim Versuch, dem Helden nachzueifern, das Rückgrat und wird ins nächste Spitalschloss eingeliefert. Die Prinzessin, tief beeindruckt von ihrer gewaltlosen Befreiung, möchte sich bei ihrem Retter erkenntlich zeigen, wird jedoch von dem immer noch konzentriert riffenden Helden nicht mehr wahrgenommen. Sie kehrt nach Hause zurück und gründet mit ihrem Ex Prinz Valium eine Doom-Metal-Band. Ende."

So oder so ähnlich könnte man den Umstand umschreiben, dass viele (oder zumindest manche) Tech-Death-Bands präzise wie ein Schweizer Uhrwerk zocken, aber unterm Strich den Blick für's Wesentliche verlieren. Auch das französische Startup THE SCALAR PROCESS bleibt von diesem Stigma nicht verschont...oder besser gesagt: nicht ganz. Denn auf der einen Seite erfüllen sie mit ihrem Album "Coagulative Matter" exakt das eingangs beschriebene Klischee: technische Perfektion, endlose Rifforgien, staubtrockener Sound mit großzügig aufgepumpten Drums...oder anders ausgedrückt: erholsamer Tiefschlaf für die nächsten 50 Minuten. Auf den reinen Tech-Teil der Platte trifft dies überwiegend zu...die Riffs sind handwerklich tadellos, wirken aber schablonenhaft und repetitiv, so dass man auf Dauer seine liebe Mühe mit dem Zuhören hat. Doch das ist zum Glück nicht alles.

Wie angedeutet haben THE SCALAR PROCESS noch eine andere Seite, die von Experimentiergeist und Einfallsreichtum zeugt. "Azimuth" bspw. lässt über weite Strecken hin seine fliegenden Leadgitarren den Ton angeben und verleiht der Sache einen ordentlichen Schuss Verträumtheit und Seele. Auch die sporadischen Synth-Ausflüge (z. B. im Ausklang von "Azimuth") oder das geniale Tapping-Solo in "Ink Shadow" sorgen für Abwechslung und Farbtupfer in einem Konstrukt, dass ohne diese Einflüsse weitgehend klinisch und öde wäre. Bei den Melodien in "Beyond The Veil Of Consciousness" kann man fast schon von Hooks sprechen und auch der Titeltrack setzt mit seinem annähernd schwarzmetallischen Flair einen willkommenen Akzent.

All diese Konventionsbrüche lockern den Tech-Death der Franzosen auf und machen ihn gegenüber der reinen Lehre ungleich interessanter. Wie kann man die Faszination für übermenschliche Fertigkeiten, die wahrscheinlich nur ein virtuoser Gitarrenfreak nachempfinden kann, auch für den gemeinen Durchschnittshörer fühlbar machen? Wie die Trockenheit und Sterilität des Genres überwinden und Schwung in die alte Kiste bringen? THE SCALAR PROCESS haben vielleicht nicht die alles erklärende Antwort auf diese Fragen...auch sie sind zuweilen sperrig und schwer zugänglich, aber sie setzen einen vielversprechenden Impuls in die richtige Richtung. Und aus diesem Grund halte ich es nur für angebracht, diese innovative Truppe über die ursprünglich angepeilten drei Punkte hinaus aufzuwerten.



Bewertung: 3.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (16.02.2021)

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