DURBIN - The Beast Awakens

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VÖ: 12.02.2021
Bandinfo: DURBIN
Genre: Heavy Metal
Label: Frontiers Records
Lineup  |  Trackliste

Eines der größten Gesangstalente der Heavy-Metal-Szene hat endlich seine Heimat gefunden: Der mittlerweile Anfang-Dreißigjährige James Durbin aus Santa Cruz war vor gut zehn Jahren bei „American Idol“ und überraschte dort im Finale mit seiner Intonation der Judas-Priest-Gassenhauer „Livin` After Midnight“ und „Breaking The Law“. Danach kam seine Karriere als Musiker nicht so recht in Schwung, auch wenn er durchaus aktiv war und mit namenhaften Musikern zusammenarbeitete. Zuletzt war Durbin Sänger von 2017 bis 2019 bei den Hard Rockern QUIET RIOT, jedoch war das Songmaterial nur okay und ließ nur spärlich Raum zum Glänzen. 2020 nahm der Mann schließlich selbst in die Hand, wobei Corona offenbar ein Wörtchen mitredete: „2020 war so ein merkwürdiges Jahr für uns alle“, so Durbin. „Es zwang mich dazu, allein zu schreiben und mich nicht auf andere zu verlassen, die die Riffs für mich schreiben. Und dann schrieb ich auch die Texte und Melodien.“ Für die Aufnahmen und wohl auch eventuelle Live-Auftritte holte er sich noch den Bassisten Barry Sparks (u. a. SCORPIONS, DOKKEN, TED NUGENT) sowie Drummer-Veteran Mike Vanderhule (Y&T) dazu – eine sehr gute Entscheidung, soviel vorweg. Dazu gesellen sich auf der Gästeliste noch ein paar andere Musiker, darunter Phil Demmel (Ex-MACHINE HEAD, VIOLENCE) und Wrestler Chris Jericho (FOZZY).

Ferner weiß der Mann, also Durbin, sich zu inszenieren: Die Vorab-Video-Singles „The Prince Of Metal“ (dermaßen trashig, dass es schon wieder lustig ist) und „Evil Eye“ (mit sehr coolem Röntgen-Effekt) haben beide das Zeug um in der Szene viral steil zu gehen. Zumal der Opener „The Prince Of Metal“ ein wundervoll old-schooliger Mix ist aus MANOWAR und JUDAS PRIEST mit einem Spritzer Kauz-Metal der Marke MANILLA ROAD oder CIRITH UNGOL, der sich vor den genannten Bands nicht zu verstecken braucht. Schon das ist ja eine große Leistung. Die Melodyline ist von Beginn an ein Ohrwurm und man fühlt sich zurück in den glorreichen Tagen Mitte und Ende der 80er. Allerdings ohne angestaubt zu klingen. Das liegt an zwei Dingen: Durbin singt auf ganz, ganz hohem Level mit Tendenz zu Ripper Owens, wobei er mit seinen hohen Screams weniger die Hörnerven malträtiert als der Ripper. Manche werden Durbins Gesang vielleicht als zu glatt oder gar poppig verunglimpfen, was bei aller Geschmacksfreiheit aber Quatsch wäre. Der Mann hat halt ein recht cleanes Organ und singt für manche Metal-Fans ungewohnt technisch sauber. Die Produktion ist zudem top: ein warmer, authentischer, druckvoller Sound. Was auch gleich beim ersten Song auffällt und sich durch das ganze Album zieht: Die Rhythmus-Fraktion harmoniert prächtig und sorgt für ein mehr als gekonntes Fundament für die Melodien und Vocals, die in erster Linie im Mid-Tempo dargeboten werden, ohne dass dadurch irgendwie das Gefühl von fehlendem Druck oder Punch aufkommen würde.

Die Titel der Songs sind ebenso wie die Texte allesamt sehr old-school, um nicht zu sagen klischeehaft. Aber dabei durchaus mit Augenmaß und einem gewissen Stil, der nicht ins Plumpe abdriftet. Ähnlich so wie das Cover: Es werden 1A Metal-Klischess bedient, aber es gefällt trotzdem. Zumindest wenn man nicht völlig allergisch auf Metal-Klischees reagiert. Aber dann ist man in diesem Review eh falsch. Aber zurück zur Musik: „Kings Before You“ ist ein kleiner Ausreißer aufgrund des Mitwirkens von Sänger Chris Jericho, wodurch der Song ein klein wenig wie ein Metal-Duett tönt. Diese Unterstützung hätte Durbin nicht gebraucht, der Song ist im Vergleich eher schwach und hätte auch fehlen dürfen. Ebenfalls eher Schmuckwerk sind die Gitarrensoli, die allesamt ordentlich sind, einen aber nie vom Hocker hauen.

Das machen dann schon eher die Melodien. „Into The Flames“ erinnert stark an GHOST und hat ähnlich großes Ohrwurm-Potenzial, „Sacred Mountain“ ist ein epischer Grower im Geiste großer DIO-Hits, der Titeltrack wirkt wie ein cooler Zwitter aus GHOST und JUDAS PRIEST und gibt Durbin viel Raum zum gesanglichen Auftrumpfen. Ein Ass jagt das nächste: „Evil Eye“ ist wohl der modernste Song des Albums und beglückt den Hörer mit superben, hohen Power-Vocals, die in den Strophen eine schöne epische Note versprühen. Zusammen mit den tollen Drums und dem immer wieder hervorguckenden Bassspiel ein toller Song! Auch beim etwas schnelleren „Necromancer“ und dem schleppenden „Riders Of The Wind“ geben sich DURBIN keine Blöße und punkten weiter.

Das Abschluss-Quartett mit dem schnelleren „Calling Out For Midnight“ (wo die Vergleiche des Plattenlabels mit ENFORCER noch am ehesten hinkommen), der energisch gesungenen Ballade „Battle Cry“, dem erneut an JUDAS PRIEST erinnernden „By The Horns“ sowie „Rise To Valhalla“ (mit starken Reminiszenzen an HAMMERFALL und MANOWAR) bietet einen runden Abschluss. Keine Ausfälle, hier und da auch sehr gute Momente, aber letztlich nicht ganz auf dem Niveau wie die ersten zwei Drittel (mit Ausnahme vom ebenfalls nicht so starken „Kings Before You“) des Albums. Und die haben es sich wirklich in sich! Böse Zungen werden granteln: Das ist doch alles nur geklaut und nix Neues. Naja, kann schon sein, dass die Zutaten nicht neu sind, die ein oder andere Melodie zumindest vertraut erscheint. Aber bei welcher Musik ist das heutzutage denn bitteschön nicht so? Und wenn, dann hat DURBIN eben meisterhaft geklaut.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Tobias (12.02.2021)

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