VILE CREATURE - Glory, Glory! Apathy Took Helm!

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VÖ: 19.06.2010
Bandinfo: VILE CREATURE
Genre: Experimental Metal
Label: Prosthetic Records
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Lineup  |  Trackliste

Sicherlich ahnte man schon länger, dass es irgendwo eine queere Band geben muss, die experimentellen Doom macht... oder so ähnlich, aber lasst uns ehrlich zueinander sein: Wir wussten nur nicht, ob wir auch wirklich danach suchen sollen. Bereits "Experimenteller Doom" kann den Verdacht erwecken, dieser Begriff sei bloß gewählt um zu verhüllen, dass die Musiker die Materie des Untergangs nicht recht verstanden haben, sie als Fans dieses Genres aber unbedingt darauf bestehen würden, es auch selbst zu bedienen. Und das ist ja nur ein Teil, der skeptisch machen kann. Der andere ist, dass die verantwortlichen Musiker immer wieder ihre sexuelle Ausrichtung in den Medien thematisieren. Auch wenn Gaahl, ehemaliger Screamer bei den unreligiösen GORGOROTH, mit seinem Coming Out im Jahr 2008 vermutlich den größten Beitrag zur Sensibilisierung in der härteren Metal Szene seit Rob Halford beitrug, scheint es immer noch Berührungsängste in Teilen der Zielgruppe zu geben. (Wenn du dich angesprochen fühlst, lass dir von einem heterosexuellen Redakteur versichern, dass nicht jeder homosexuelle Musiker gleich Platten wie MOLA ADEBISI produzieren muss.)

"Glory, Glory! Apathy Took Helm!" ist ein richtig schön anstrengendes Album. Heutzutage hören ja die lieben Eltern schon während der Frühstückszubereitung DIMMU BORGIR und RAMMSTEIN, was beides bekanntlich keinesfalls ins Doom Genre fällt, aber zeigt, wie schwer es den Kindern heute gemacht wird, M & P zu schockieren. Zumindest bekommen sie mit Bands wie VILE CREATURE noch die Chance zu versuchen, die alten Besserwisser zu quälen, was meinerseits ernsthaft als Kompliment gemeint ist.

Betrachtet man manche Promotionfotos der Band und ihre lebensfrohen, teils lustig gestalteten Instagram Fotos, käme man nicht so schnell auf die Idee, dass sie ihr Album gleich mal mit zwei elf Minuten langen, depressiv anmutenden, klanglich experimentell ausschlagenden Stampfern eröffnen würden. Aus dieser Sorte Musik gewinnt man als Fan nur Kraft für den Aufsatz in Deutsch am nächsten Tag, wenn die Gitarren quietschen und das Gekreische am Mic einem die Härchen am Körper aufstellt. Das reicht VILE CREATURE aber nicht und darum weben sie zwischen das krachende Blech und die geplagten Schreie wirklich hervorragende, kurze Passagen ein, die klingen, als würden Engel einen umkreisen und verschlüsselte Botschaft aus ihrem unsichtbaren Mund entlassen. Mit so einem besonderen Klang heben sich die beiden Kanadier weit von ihrer Konkurrenz ab und könnten sich deshalb auch ein krasses Image in der Szene gönnen, aber wozu eins mühsam aufbauen, wenn man es am Ende vielleicht gar nicht lange halten kann? Ultra böse in die Linse zu gucken beispielsweise, kann ja mal ganz witzig sein, aber dieses Posen stand Musikern eh besser, bevor die Welt von einer Krise in die nächste Katastrophe stolperte. Da wird von Seiten der Band lieber mal lächelnd ein Schild in die Luft gehalten, auf dem steht: "Homosexuality is killing white race!".

Eine ansprechende Entscheidung ist, dass der Titel des Albums sich aus der vorletzten Nummer "Glory" Glory!" und dem letzten Track, "Apathy Took Helm!" zusammensetzt. Während ersterer mit harmonischem Grundtonus einige Minuten das Durchatmen erlaubt, beendet letzterer als I-Tüpfelchen mit offenbarendem Klang VILE CREATUREs Scheibchen in bester Manier. Bei so viel Geglücktem sind die banalen Lyrics zu verschmerzen.

(VILE CREATURE waren die ersten, die im Theater auf 1,5 Meter Sicherheitsabstand und Masken bestanden!)

 



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Daniel Hadrovic (14.02.2021)

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