NOCTE OBDUCTA - Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)

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VÖ: 27.11.2020
Bandinfo: NOCTE OBDUCTA
Genre: Avantgarde Metal
Label: Supreme Chaos Records
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Lineup  |  Trackliste

Nur herein, hereinspaziert
Derweil es draußen schneit und friert
Wird heut’ ein Stück hier aufgeführt
Das zweifelsfrei das Herz berührt

21 Jahre nach der Veröffentlichung von "Lethe - Gottverreckte Finsternis" heißen einen NOCTE OBDUCTA mit verheißungsvollen Worten erneut willkommen im bizarren Theater und führen darin mit leichter Verspätung durch Covid-19-Engpässe im Presswerk ihr neuestes Stück namens "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)" auf, in dem sie - gewohnt vielseitig ausgerichtet, wie man sie zu schätzen lernte - musikalisch konsequenter als zuvor in die Vergangenheit reisen, um diese mit den Erfahrungen seit der Re-Union zu verknüpfen.

Über die Visionäre der deutschen Black-Metal-Szene und ihren eisernen Widerstand gegen den Zahn der Zeit

Manchmal irrt man sich einfach. So geschehen bei mir und "Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken ...)" vor etwas mehr als vier Jahren. Zeiten ändern sich und dich. Ich tue mir zwar immer noch einigermaßen schwer damit, muss mir aber eingestehen, dass es seit seinem Release hin und wieder lief, dabei wuchs und damit dementsprechend mehr als ein paar lausige Worte verdient gehabt hätte. Rückblickend betrachtet öffnete es nach dem wesentlich progressiveren und weniger metallischen, nichtsdestotrotz aber großartigen "Umbriel (Das Schweigen zwischen den Sternen)" allerdings ein schmales Portal, das "Totholz (Ein Raunen aus dem Klammwald)" vergrößerte und stabilisierte, einzig um "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)" einen Weg in die unsere Welt zu ermöglichen. Im Kontext dieser Betrachtungsweise kann "Mogontiacum" durchaus bestehen, schließlich ist es ein Übergang, mit dem man einerseits zwar wieder roher, schroffer wurde, andererseits aber weiterhin experimentierfreudig geblieben ist.

NOCTE OBDUCTA sind mit "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)" wieder auf ihrem Zenit angelangt, vollenden damit und "Sequenzen einer Wanderung" und besagtem "Umbriel" die gedachte Trilogie der essenziellsten Werke seit ihrer Wiederkehr und erweitern ihre Diskografie um ein Album, das sicherlich seinen berechtigten Lobgesängen in den späten Neunzigern und dem Anfang des neuen Jahrtausends gehorcht hätte, gleichzeitig aber auch unbedarft die Gedanken an Vokabeln à la "Selbstkopie" oder auch "Altersmüdigkeit" beiseitewischt. Dabei ist der stilistische Korridor, in dem man sich mal grazil, mal rotzig, mal ruppig fortbewegt, immer noch gewaltig, so dass bereits im Opener rockiger Black Metal später mit gewohnt sphärischen Trademark-Synths, Blastbeats und Melancholie verschmilzt und damit in erstklassiger Manier den Weg für das Gesamtwerk ebnet. Nach und nach gesellen sich dann die eingängige Leadgitarre ("Von Stürzen in Mondmeere"), auflockerndes Sampling ("Rot und grau"), im Post-Rock-Stile verzerrte Gitarren ("Der alte Traum") sowie gespenstische Atmosphäre ("Bei den Ruinen") hinzu und erzeugen nicht einfach nur Abwechslungsreichtum, sondern das vertraute Gefühl von Abwechslungsreichtum im Kosmos von NOCTE OBDUCTA. 

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss

Ein besonderer Höhepunkt ist gleichzeitig auch der Schlusspunkt: "Noch". Was sich zunächst unspektakulär lesen mag, ist für mich der beste, weil stimmungsvollste und schlüssigste Longtrack seit "Dinner auf Uranos" und beiden Teilen von "Sequenzen einer Wanderung". Man könnte jetzt erklären und verraten, was darin alles passiert, viel interessanter ist es allerdings, dieses Stück vertonter Schwermut und seine Sogwirkung selbst zu erleben. Ein besseres Ende hätte man für "Irrlicht (Es schlägt dem Mond ein kaltes Herz)" jedenfalls nicht wählen können, weswegen es auch vergleichsweise leicht zu verkraften ist, dass das geradlinigere "Der Greis und die Reiterin" im Mittelteil ein wenig untergeht.

Eingedenk all dessen geht die Bewertung dieses Mal wesentlich einfacher als noch zu Zeiten von "Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken ...)" von der Hand, was einerseits sicherlich an mir und meinen über die Jahre entwickelten Hörgewohnheiten liegt, andererseits aber - natürlich! - an NOCTE OBDUCTA, die in Kürze ein großartiges Album veröffentlichen werden und damit die Vollendung einer Entwicklung umsetzen, die sich lange angedeutet hat und das schwarzmetallische Jahresende gebührend veredeln wird.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (26.11.2020)

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