ANDERWELT - 2084

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VÖ: 20.11.2020
Bandinfo: ANDERWELT
Genre: Post-Metal
Label: Electric Fire Records
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Lineup  |  Trackliste

Das wahrscheinlich am sehnlichsten erwartete heimische Metal-Album steht nun endlich in den Startlöchern. Vier Jahre Arbeit haben ANDERWELT aus Linz in ihr zweites Album „2084“ (basierend auf George Orwells Roman "1984") gesteckt, um euch 40 Minuten Dystopie, verteilt auf vier Songs zu liefern – in einer herausfordernden, zutiefst verstörenden Zeit, in der sich die in den Titeln sorgsam kreierte, bedrohliche Atmosphäre einer aus den Fugen geratenen Welt mehr und mehr in Realität zu verwandeln scheint. Bereits mit ihrem Debütalbum „Schattenlichter“ konnten die Linzer mit beeindruckender Atmosphäre die Kritiker von sich überzeugen, nun führen sie das begonnene Werk schlüssig und mit unverminderter emotionaler Tiefe weiter.

„2084“ umfasst vielleicht „nur“ vier Titel, doch diese bieten mehr, als es konventionelle Alben mit doppelt oder dreimal soviel Songs vermögen. Kompositorisch agieren ANDERWELT auf den Punkt und erschaffen mit ihrer Mischung aus epischen Strukturen, doomiger Schwere, heftigen Extremmetallischen Eruptionen, harschen Vocals und vor allem dem unverkennbaren Cello, das dank verzerrender Effekte oft der Gitarre harte Konkurrenz macht, ihre ganz eigene, oftmals beklemmende musikalische Welt.

„plenty“ startet mit gewittrigem Grollen und elfenhaftem Frauengesang, auf den ein donnernder Einstiegsschlag der grabestief gestimmten Gitarre folgt. Der getragene Titel lässt sich Zeit, baut sich sachte und gefühlvoll auf, bis er in flächige, angepostete Gitarren mündet, die in tonnenschweres, doomendes Riffing über fließen, auf dem harsche Vocals thronen. In der Bridge kehrt Ruhe ein, nach der das Cello in seiner unverzerrten Form mit einer traurigen Weise Aufmerksamkeit auf sich zieht, die im Finale zu einer gar beklemmenden, intensiven Atmosphäre eruptiert.

„true“ ist ein im Kontext des Albums eher stringenter, über weite Strecken treibend und wütend gehaltener Titel mit enormem Schub, in der das Cello dezent angezerrt einen kräftigen, voluminösen Gegenpart zur Gitarre bietet, der ANDERWELT diesen ganz speziellen Sound verleiht. Der Einsatz verstörend-verzerrter Vocals in der Bridge unterstützt die dunkle, beinahe hofflungslose Atmosphäre des Titels in besonderer Form.

Wuchtig und schwer wälzt sich „luv“ aus den Boxen, das gerade mit seinen wahnsinnig intensiven, doomenden Klängen nach der mittig gesetzten Bridge eine bedrohliche Atmosphäre aufbaut, derer man sich nur schwer entziehen kann. Großartig wieder einmal die Einbindung des Cellos zu erneut dem Post-Metal Bereich entlehnten, singenden Gitarren – eine einzigartige Ergänzung, die dem Titel eine emotionale Dichte beschert, die nicht von dieser Welt zu sein scheint.

„Pax“ wiegt den Hörer mit atmosphärischem Aufbau in Sicherheit, ehe der Titel jäh und mit Wucht eruptiert und kurze, heftige Blastbeat-Attacken fährt. Gekonnter Stimmungsaufbau führt durch den abwechslungsreichen, von vielen Tempowechseln durchzogenen Song, der trotz seiner Spielzeit von mehr als 13 Minuten niemals überladen, jedoch auch zu keiner Zeit langweilig wird. Das kongeniale Zusammenspiel aus melancholischem Cello, hämmernden Rhythmen, sägender Gitarre und kratzigen Vocals, die vom sparsamen Einsatz weiblicher Stimme ergänzt werden, erschafft eine eigene musikalische Geschichte, in deren traurig-beklemmender Schönheit man sich verlieren kann.

Nichts was ANDERWELT auf „2084“ bieten ist zuviel, aber auch ein zu wenig sucht man vergebens. Das dystopische Konzept der Linzer geht in den avantgardistisch-ausschweifenden Klängen voll auf und das Zusammenspiel aus zerbrechlich-melancholischen Passagen, bleischweren, schleppenden Klängen und den punktgenau gesetzten, geifernden Eruptionen entfaltet seine Wirkung im Geist, indem es eine fesselnde Atmosphäre kreiert, derer man sich nur sehr schwer entziehen kann. Wo sich manche Bands nach so langer Zeit des Feilens an ihren Songs in unwichtigen Deails und Füllsequenzen verrennen, agieren ANDERWELT klar und fokussiert und entfalten dem Hörer ein faszinierendes Hörerlebnis, von dem man sich kaum mehr losreißen kann.

Was schon bei der Live-Vorstellung von „2084“ seine einnehmende Faszination entfalten konnte, erhält nun, auf Tonträger für die Ewigkeit gepresst, seinen finalen Ritterschlag. Ganz großes Audiokino.

 



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Anthalerero (18.11.2020)

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