SUNKEN - Livslede

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VÖ: 18.09.2020
Bandinfo: SUNKEN
Genre: Atmospheric Black Metal
Label: Vendetta Records
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Lineup  |  Trackliste

Wer regelmäßig Metal aus dem Underground genießt, wird bereits mit ihr, der dänischen Szene, vertraut sein. Dabei ist mit PHRENELITH, TAPHOS, UNDERGANG oder auch HYPERDONTIA nicht nur das OSDM-Lager hochklassig besetzt, nein, auch Black-Metal-Anhänger kamen in den letzten Jahren mit Veröffentlichungen von AFSKY und SOLBRUD nicht zu kurz und dürfen sich Mitte September an "Livslede" (zu Deutsch: Lebensüberdruss), dem Zweitwerk des Quintetts SUNKEN, delektieren. Die folgen nämlich der qualitativen Tradition ihrer Landsmänner und platzieren passend zum herbstlicheren Wetter einen Höhepunkt im atmosphärischen Black Metal, der potenziell zu einem der Genre-Bestseller auf Bandcamp avancieren könnte.

Obschon ich vorab - trotz Vendetta-Records-Stempel - noch zwiegespalten war, weil insbesondere die Atmospheric-Black- und Post-Black-Subkulturen quasi tagtäglich, nein, stündlich von neuen Releases überspült werden und es mit jedem weiteren schwerer fällt, Aufmerksamkeit und Motivation dafür aufzubringen, da man davon in hundertfacher Gleichförmigkeit und schlimmstenfalls sogar Plagiaterie niedergerungen wird, überzeugten mich SUNKEN bereits mit dem ersten Durchlauf. "Livslede" hat keine einzelnen Höhepunkte, es ist ein einziger Höhepunkt. Ein Höhepunkt der Emotionen, der Atmosphäre -  und des Songwritings. Ja, besonders letzterer Vokabel bediene ich mich im jüngeren Zeitalter fast schon inflatorisch, aber mit jedem weiteren Jahr eröffnen sich einem unzählige neue Blick- und Hörwinkel, die man zuvor entweder unbewusst übersah und -hörte oder schlichtweg unterschätzt hat. "Livslede" ist diesbezüglich ein bestens prädestinierter Lernkörper, weil vom vom ersten zaghaften Wasserplätschern und von betrübten Piano-Klängen begleiteten "Forlist" bis hin zu den letzten ergreifenden Leadmelodien, die in "Dødslængsel" allmählich in sanftmütigen Ambient übergehen, ein fesselnder Strom modernen Black Metals durch das Bewusstsein fährt.

Auch hier fielen mir natürlich vergleichbare Künstler und Kollektive ein, an die SUNKEN erinnern (z.B. an ALCEST oder auch die amerikanische Cascadian-Black-Metal-Szene), aber das Quintett innoviert rasch eine eigene Identität und verfolgt dabei eine Agenda, die Hoffnung und Freude als leere Versprechen entlarvt - nur eben ganz ohne zuckrigen Kitsch und synthetischen Pomp. Man wird reich mit großen Momenten bedacht, immer wieder arrangieren die Dänen eine harmonische Transition zwischen eingängig-melodischen Passagen und barschem Black Metal, unterlegen giftiges Keifen mit sehnsüchtig aus dem Hintergrund aufbegehrenden Clean Vocals, womit sie eine mitreißende Intensität wie die Ukrainer WHITE WARD, die zuletzt mit "Love Exchange Failure" einen erstklassigen Film Noir vertont haben, erwirken, die man ganz selten verspürt, und damit ihrerseits ein trübes und unaufgeregtes Drama im kühlen Skandinavien inszenieren. Sinnbildlich dafür steht das passend betitelte "Delirium", in dem man für eine lange Zeit benommen durch einen schwerelosen Raum aus verzerrt und entfernt erklingenden Melodien zu gleiten scheint, um kurz darauf vom sich verdichtenden Schlagzeug und den einsetzenden Gitarren aus der Umnebelung gerissen und der Realität zurückgegeben zu werden.

Was SUNKEN auf ihrem erst zweiten Werk vollbracht haben, will insbesondere im Post-Black-Metal-Bereich nur selten gelingen. Auf "Livslede" geschieht nichts zum Selbstzweck, denn jedes Element findet seinen rechtmäßigen Raum, in dem es sich entfalten und gemeinsam mit den anderen ein authentisches, ja, filmisches Hörerlebnis bilden kann. Eines, in der jegliche Gefühlsregungen in einer ungeschönten, fast schon steinernen Ehrlichkeit dargestellt werden, während man gleichzeitig von einem trügerisch harmonischen Soundtrack durch den 43-minütigen Kurzfilm begleitet wird. Ich wünschte, dass weitaus mehr Künstler sich an solchen Finessen versuchen würden, doch letztlich sind es ebendiese, die die Spreu vom Weizen trennen. Damit zählt "Livslede" zu den Alben im Jahre 2020, die mich am meisten beeindruckt und - viel elementarer - auch nachhaltig berührt haben.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (22.09.2020)

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