NOUMENA - Anima

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VÖ: 04.09.2020
Bandinfo: NOUMENA
Genre: Melodic Death Metal
Label: Haunted Zoo Productions
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Ich kann mich noch gut an meine erste Begegnung mit NOUMENA erinnern. Anfang bis Mitte der 2000er Jahre holte man sich Infos und Inspirationen zu neuen Bands und Alben zumeist noch durch physisches Probehören diverser Silberscheiben in Elektronikfachmärkten oder beim Plattenhändler des Vertrauens um die Ecke (bei mir bedeutete „um die Ecke“ damals 25 km Fahrt in die nächste Großstadt). Und bei einer dieser Listening-Sessions am Stamm-CD-Player des damals noch einzigen Chemnitzer Mediamarktes landete auch das Album „Absence“ einer mir unbekannten finnischen Combo auf dem Stapel – aufgrund des Covers und des Labels Spikefarm (von denen ich bereits den Sampler „True Kings of Norway“ besaß)  hatte ich NOUMENA fälschlicherweise in die Black-Metal-Ecke gesteckt. Umso tiefer klappte mir bereits nach den ersten Klängen des Openers „The End of the Century“ die Kinnlade bis zu den Knien herunter! Denn was mir da in die Gehörgänge knallte, war Melodic Death Metal der Extraklasse! 

Auch das Debüt „Pride/Fall“ aus dem Jahr 2002 ist ein großartiges Stück Musik, aber „Absence“ wird für mich immer DIE Signature-Scheibe der Finnen bleiben. NOUMENA nahmen auf ihrem Zweitling die herausragendsten Zutaten des Melodeath der späten 90er: die Wildheit und den unbändigen Groove von IN FLAMES (speziell zu „Clayman“ und „Whoracle“ - Zeiten, die Einflüsse von Songs wie „Resin“ oder „Jotun“ sind unüberhörbar!), die Melancholie und die folkloristische Seite von AMORPHIS in der „Tales“ und „Elegy“ Phase („Drowned Maid“, „My Kantele“) und den Weltschmerz von SENTENCED („Down“, „Frozen“, „Crimson“), extrahierten daraus die Essenz, kombinierten diese mit ihrer persönlichen Handschrift und transportierten das Ganze mit einer ordentlichen Portion Frische ins neue Jahrtausend. Neben der erstklassigen musikalischen Komponente waren es auch Anttis unbeschreiblich intensive Growls, die für mich den großen Reiz von „Absence“ ausmachten (dass ab 2006 ein gewisser Tomi Joutsen bis heute unverrückbar den Melodeath-Shouter-Thron besetzen sollte, konnte ein Jahr vorher ja noch niemand ahnen! Aber nicht traurig sein Antti, es ist keine Schande, wenn ein Meister sein Knie vor einem Gott beugt!)  Dazu gesellten klarer Frauen- und Männergesang (zum damaligen Zeitpunkt noch als Gastbeiträge), ein Stilmittel, das NOUMENA bis heute als festen Bestandteil ihrer Musik beibehalten haben. 

Mit der Folge-Veröffentlichung „Anatomy Of Life“ konnten NOUMENA eindrucksvoll unter Beweis stellen, daß sie in der Lage waren, ihre selbst gesetzten Qualitätsstandards auf einem hohen Level zu halten. Danach sollte es allerdings satte sieben Jahre dauern, ehe der vierte Longplayer „Death Walks With Me“ das Licht der Welt erblickte und der Fünfer aus Äthäri durch die Verpflichtung von Sängerin Suvi Uura zum Sextett wurde. Weitere vier Jahre sollten ins Land gehen, dann erschien 2017 mit „Myrrys“ das fünfte Studioalbum von NOUMENA, mit dem die Finnen ein neues Kapitel in ihrer Bandgeschichte aufschlugen. Einerseits geht „Myrrys“ unüberhörbar back to the Roots in Richtung „Absence“. Andererseits ist die Scheibe auch komplett in finnischer Landessprache gehalten, eine äußerst gelungene Neuerung, die der Musik von NOUMENA eine ganz neue Authentizität verleiht. „Myrrys“ war sowohl lyrisch als auch musikalisch nach „Absence“ die zweite Veröffentlichung der Suomis, für die ich die bewertungstechnisch ohne Gewissensbisse die Höchstnote zücken würde. 

Und nun also „Anima“. Mit „Saatto“ und „Murtuneet“ hatten NOUMENA den heißhungrigen Fans (kein Wunder bei dem doch sehr gemächlichen Veröffentlichungsrhythmus der Finnen) vorab bereits zwei Appetithappen in Form äußerst geschmackvoller Lyrik-Videos serviert. Umso gespannter war ich natürlich auf den kompletten Longplayer. 'Long' trifft es in diesem Zusammenhang übrigens ziemlich gut, neben einem Zehn- und zwei Siebenminütern findet sich auf „Anima“ mit stattlichen 15 Minuten auch das bislang längste Stück der Bandgeschichte.

Zu erwähnen ist außerdem noch, dass sich die Band mittlerweile zum Septett gemausert hat, die Hinzunahme eines dritten Gitarristen (Markus Hirvonen) wirkt sich spür- und hörbar auf die Dichte und Tiefe von NOUMENAs Musik aus. Was erwartet den Hörer nun auf dem aktuellen Album? Die Band selbst beschreibt „Anima“ als „… Soundtrack für den herannahenden Herbst, ein Album das inmitten schwerer, dunkler und ruhiger Gewässer schwebt und verweilt …“. Diese Aussage kann ich dem Fazit vorgreifend in jedem Fall bestätigen, würde sie aber noch um den Begriff 'pulsiert' erweitern. NOUMENA haben auf ihrer aktuellen Scheibe kräftig auf die Bremse getreten und einiges an Geschwindigkeit gegenüber den Vorgängern aus den Songs herausgenommen, eine Maßnahme die sich aber zu keiner Zeit negativ auswirkt oder die, wie bereits erwähnt, zumeist recht ausufernden Stücke zäh oder langatmig werden lässt. Man hat hin und wieder das (nicht ganz ernst gemeinte) Gefühl, NOUMENA hätten beschlossen, ihren Landsleuten von INSOMNIUM den Rang als melancholischste Melodeath-Band aus dem Land der 1000 Seen abzulaufen und ein neues Subgenre für sich zu begründen: 3MDM - Melodic Melancholic Mournful Death Metal.

„Anima“ startet mit einem zweiminütigen, dunkel-verträumten Akustikgitarren-Intro mit Spoken Words und viel Atmosphäre. Dann beginnt „Saatto“, und man fühlt sich sofort zu Hause im NOUMENA-Universum. Zugleich legt sich aber schon hier ein samtener Mantel der Melancholie um den Hörer, einhüllend, wärmend, beschützend einerseits, auf der anderen Seite zuweilen aber auch einschnürend, fesselnd und erdrückend. Diesen Mantel wird man tragen, bis der letzte Ton von „Anima“ verklungen ist. Doch zurück zu „Saatto“. Bereits die ersten Riffs, die erste Hookline schreien mit allen Gitarrensaiten: 'AMORPHIS'! Aber keineswegs in Form einer Kopie, sondern ausschließlich als Quell der Inspiration. Und während der Metal der akustischen Sanftmut weicht und zum ersten Mal die so unglaublich intensive, klare Stimme von Suvi zu vernehmen ist, fühle ich mich unwillkürlich an die wunderbare Kari Rueslåtten in ihrer Schaffensperiode bei THE THIRD AND THE MORTAL erinnert, und wohlige Schauer beginnen mir über den Rücken zu laufen. Der nächste Gänsehautmoment folgt sogleich, als Suvis und Anttis Stimmen sich zum ersten Mal zum Duett vereinen und zusammen mit dem pochenden Rhythmus der Musik eine geradezu urgewaltige Kraft entfesseln. Was für ein Einstand! 

Es folgt der zweitlängste Track und die zweite Singleauskopplung „Murtuneet“. Auch dieses Stück lebt vom Wechselspiel aus zarten akustischen und kraftvollen Midtempopassagen, den großartigen Melodien und dem fantastisch harmonierenden Gesang von Suvi und Antti. Die zehn Minuten geben dem Song genügend Raum, sich voll entfalten zu können. Und während die musikalische Ausrichtung durchaus als verträumt bezeichnet werden kann, ist der Text von „Murtuneet“, zu Deutsch 'Der Gebrochene', alles andere als träumerisch. Denn auf der lyrischen Ebene handelt der Song vom Schmerz, dem Leid und der Wut, die durch Kriege hervorgerufen werden – Kriege, die Tote, Verwundete und gebrochene Menschen zurück lassen.

„Seula“ beschäftigt sich mit der Geschichte von Karin Persdotter, die im 17. Jahrhundert in Åland lebte und 1666 als Hexe verbrannt wurde. „Ajaton“ (Zeitlos) handelt vom Verlust durch den Tod geliebter Menschen, aber auch von der Erinnerung an die Gegangenen, die uns bleibt und die wie Millionen Sterne für uns leuchtet. Musikalisch ist „Ajaton“ der phasenweise schnellste Song auf „Anima“, die instrumentale Interpretation ist unglaublich intensiv und mitreißend. Und zum ersten Mal wird dem Hörer hier der extrem gereifte Klargesang von Markus Hirvonen dargeboten.

Dann ertönen die ersten Klänge von „Totuus“ (Die Wahrheit), dem (für mich) Herzstück der Platte. Musikalisch präsentiert sich der Longtrack in seinen 15 Minuten von der ersten bis zur letzten Sekunde ungemein abwechslungs- und facettenreich. Das Wechselspiel aus laut und leise, der geschickt aufgebaute Spannungsbogen – auch nach mehrmaligem Hören läßt sich immer noch etwas Neues, eine bis dato unentdeckte Nuance, ein weiterer musikalischer Farbtupfer finden, und diese Vielfalt verleiht „Totuus“ eine geradezu epische Tiefgängigkeit und Dichte. Dazu kommen Lyrics der Extraklasse. „Totuus“ ist ein Lied über unsere wahre Natur, über die verschiedenen Wege, die wir in unserem Leben beschreiten können, die jedoch ALLE zu dem gleichen, unausweichlichen Ende führen.  Ein Lied über die wilde Kraft der Wahrheit, die bereit ist, alles zu zerstören und nichts zu opfern.

Nach dieser unglaublich intensiven 15minütigen Erfahrung beginnt der Titelsong verhalten, beinahe zerbrechlich. Im weiteren Verlauf entwickelt sich das Stück zu einem traurig-schönen Doom/Death Track, den SWALLOW THE SUN nicht besser hätten kreieren können. Inhaltlich beschäftigt sich „Anima“ mit dem der finnischen Folklore entspringenden Seelenvogel, der den Menschen bei ihrer Geburt ihre Seele bringt und die Seelen der Verstorbenen auf ihrer letzten Reise begleitet.

Der Albumcloser „Joutsen“ (Der Schwan) ist eine rein akustische, ausschließlich von einem Cello und einem Piano untermalte Ballade, die musikalisch recht düster daherkommt. Allerdings handelt der Text auch von Trost und Hoffnung und vom Verblassen der Schatten des Hasses. Das Stück entlässt den Hörer so, wie das Album ihn mit „Saatto“ in Empfang genommen hatte, mit einer Gänsehaut, und in meinem Fall mit einer ungeahnten Spiritualität, die sich während des Hörens von „Anima“ in mir entfaltet und ausgebreitet hat.

 

Fazit:

 

Der neue NOUMENA Longplayer hat mich wirklich umgehauen! Musikalisch und textlich ist „Anima“ für jeden Melodeath Fan, der gern auch mal unter die Oberfläche schaut und gern tiefer in die Materie eines künstlerischen Werkes eindringt, ein absoluter Hochgenuss. Vom erstklassigen Songwriting über die großartige Leistung der Instrumentalfraktion und die stimmlichen Fähigkeiten von Antti und Suvi sowie die kraftvollen Produktion der Musik, bis hin zur visuell und inhaltlich äußerst ansprechenden Gestaltung des Covers und des gesamten Booklets - für mich ist „Anima“ vom Anfang bis zum Ende perfekt. Vielen Dank NOUMENA für diese außergewöhnliche und einzigartige musikalische und geistige Erfahrung!



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Ernst Lustig (04.09.2020)

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