KATAKLYSM - Unconquered

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VÖ: 25.09.2020
Bandinfo: KATAKLYSM
Genre: Death Metal
Label: Nuclear Blast Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Jeder gesundheitsbewusste, aber wenig wetterfeste Metalhead kennt das: vollen Elans bezwingt man das Intervallprogramm des neuen, angesagten und obendrein elliptischen Crosstrainers, man stemmt Eisen, für die selbst Sylvester Stallones Oma höchstens drei Anläufe bräuchte und hält sich nach einem harten, zwölfminütigen Workout für den gerechten Thronfolger des schrecklichen Sven (jaja, Joey DeMaio geht bei diesem Contest mal wieder leer aus). Das Leben könnte kaum besser zu einem sein, doch dann kommt's: aus den Boxen der Sportstätte, die höchstwahrscheinlich sehr viel teurer sind als alle Geräte und Jahresgehälter der Trainer zusammen, ballert mal wieder der drölfzigste Verschlimmbesserungs-Remix-Aufguss diverser Pop-"Hits", die schon vor dreißig Jahren zum Recyclen waren. In diesen Momenten gierst du - abgesehen mal von deinem vollsynthetischen low-carb-Schoko-Haselnuss-Shake - nur noch nach einem: Rache!

Und weil du unter Schweißmassen, die dein Umgebungsgeräusche unterdrückender Micky-Maus-Gedenkkopfhörer neben Krawall im Ohr produziert, ohnehin fast den Heldentod stirbst, keimt in deinem geplagten Hirn dieser eine Gedanke: runter mit den altgedienten Overears und her mit der (fast) nuklearen Gegenoffensive, bei der der letzte Schrei aus Kanada noch lauter aus noch teurerer Hardware dröhnt und diesem menschenverachtenden DJ des Fitnessstudios endlich den Hammer der Gerechtigkeit auf die Rübe pflanzt. Aber warum in alles in der Welt leite ich mein Review zur neuen KATAKLYSM-Platte ausgerechnet mit einer auralen Weltkriegsszenerie in der örtlichen Muckibude ein? Klarer Fall! Es mag daran liegen, dass der Verfasser zu eben jenen Autoren gehört, die vornehmlich unter Last und geweiteten Gefäßen die dümmsten (und vermutlich besten) Ideen für künftige Artikel schmieden. Überdies könnte es auch damit zusammenhängen, dass die ohnehin schon fett auffahrenden Ahorn-Deather mit "Unconquered" soundtechnisch noch eine Kelle draufgelegt haben.

Deshalb fangen wir auch gleich mit dem Offensichtlichen an: dass die Alben KATAKLYSMs schon seit Langem ordenlich PS unter der Haube haben und zumeist modern produziert sind, ist kein Geheimnis. Was "Unconquered" jedoch deutlich von seinen Vorgängern abhebt, ist der Übergang zur siebensaitigen Gitarre (JF Dagenais) und zum fünfsaitigen Bass (Stéphane Barbe). Diese Veränderungen gepaart mit der gelungenen Produktion sorgen für ein deutliches Plus an Bums und einen amtlichen Elfmeter in die Beißleiste. Mit diesem brutalen Sound bricht man selbst mit mittelmäßigem Equipment den lautesten Partysound am Ballermann. Doch damit alleine ist es nicht getan - aufmotzen und pimpen kann im Prinzip jeder. Doch neben der mit allen Feinheiten der modernen Produktionskunst gesegneten Wucht bietet der Mix einen merklichen Zuwachs an Volumen, Tiefe und auch Lebendigkeit. Von rohen Oldschool-Mixings ist das Ganze freilich weit entfernt, doch passt es zu KATAKLYSMs Spielart wie die Faust auf's Auge und darf in diesem Zusammenhang als Zugewinn betrachtet werden.

Was die Songs angeht, bietet "Unconquered" sowohl Bekanntes als auch Neues. "The Killshot", der testosteronüberflutete Eingangs-Verklopper, überrascht zwischenzeitig mit einer Rückkehr zum lange vermissten "Northern Hyperblast" - so brutal erlebt man KATAKLYSM dieser Tage nicht mehr allzu häufig. "Defiant" setzt in puncto Aggression und Geschwindigkeit sogar einen drauf und markiert einen der schwersten Vorschlaghämmer der letzten Alben. Daneben gibt es typischen KATAKLYSM-Melodeath à la "Cut Me Down" (mit Gastvocals von WOLFHEARTs Tuomas Saukkonen) und - jetzt wird's lustig: Groove- und Nu-Metal-Einflüsse wie in "Stitches". Man könnte meinen, Maurizo Iacono wollte damit Corey Taylor ins Sitzfleisch treten (was er aber glaubhaft verneint). Neben dem pompös-symphonischen Albumfinale in "When It's Over" lässt dabei besonders eine Nummer aufhorchen: "Icarus Falling". Der Exot der Platte startet höchst emotional mit Klavier, serviert zwischendurch schleppende Death-Kost und erweist sich als gelungenes Experiment, das allenfalls in der Bridge ein Quäntchen zu weit in den Pop absackt. Beats aus der Dose (oder die sich so anhören, als stammten sie von dort) müssen nun im Death Metal wirklich nicht sein - aber wie man es auch dreht: dieser Schönheitsfehler ist für mich nicht mehr als ein Fliegensackhaar in einem Industriekochtopf voll schmackhafter Maronensuppe. Außerdem kann man damit die Analogie der verkokelten Flügel passend an den Mann bringen - mit dem Unterschied, dass die Schwingen des Heartbeasts bei ihrem Höhenflug nicht mehr als einen leichten Sonnenbrand davontragen.

Zusammenfassend fand ich die letzten KATAKLYSM-Alben stets respektabel, oftmals sogar gut...doch hatten sie für mich eine zugegebenermaßen kurze Halbwertszeit. "Unconquered" hingegen ließ schon nach dem ersten Durchgang meine Glotzer weit aufgerissen einrasten, weil ich nach den gehoben mittelständischen bis guten Platten der letzten Jahre keinen solchen Kracher erwartet hätte. Album Nummer vierzehn ist abwechslungsreich, reich an Pluspunkten, ein stückweit avantgardistisch und dennoch zu 100% KATAKLYSM. Dazu ist der Dreher äußerst kurzweilig und drängt sich - zumindest in den vergangenen Wochen des Testhörens - auf meinem virtuellen Plattenstapel immer wieder ganz nach oben.


Zu viel oder zu wenig Lobpreisung? Dieses Review ist Teil eines Gangbang-Reviews, das ihr in unserem Gangbang-Bereich finden könnt!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (21.09.2020)

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