GERNOTSHAGEN - Ode Naturae

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VÖ: 24.07.2020
Bandinfo: GERNOTSHAGEN
Genre: Pagan Metal
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste

Ein wirklich sonderbares Jahr erleben wir heuer. Gleich einer Paralyse umklammerte eine Pandemie monatelang weite Teile des gesellschaftlichen Miteinanders, ehe hauptsächlich im Sinne von Konsum und Kommerz Lockerungen, so schön und erleichternd sie auch sein mögen, vollzogen wurden, die man in der Kunst- und Kulturbranche äußerstenfalls müde weglächeln konnte bzw. kann. Welch ein Zufall also, dass ausgerechnet die totgeglaubte deutsche Pagan-Metal-Szene, die sich gerne in Mythologie und Kritik an Neuzeitlichem vertieft, anno 2020 den wohlbekannten dritten Frühling zelebriert und sowohl XIV DARK CENTURIES mit ihrem "Waldvolk" als auch GERNOTSHAGEN mit "Ode Naturae", auf dem in dieser Rezension der Fokus liegen soll, nach exakt neun Jahren Stillschweigen wiederkehren.

Zugegeben, dieser hergestellte Zusammenhang mag zunächst fantasievoll oder für manch einen gar konstruiert erscheinen, und doch verbinden sich die nur scheinbar inexistenten Fäden dadurch, dass GERNOTSHAGEN im Kern kaum noch Kontext zu mythologischen Schriften und Sagen einbinden, sondern deutlicher denn je ihre Ablehnung u.A. gegenüber der Auswirkungen des Menschen und seines Wachstumswahns auf seine Umwelt - also egal ob auf seinesgleichen, Flora oder Fauna - in metaphorische Lyrik deuten. "Ode Naturae" ist deshalb aber kein nostalgisches Relikt, das sich zwanghaft an verstaubte, alte Werte klammert, sondern ein Tondokument von Wiedergeburt und Weiterentwicklung, das von einer oftmals fälschlicherweise als archaisch dargestellten Geisteshaltung unterstrichen wird.

Auch künstlerisch haben GERNOTSHAGEN in den letzten neun Jahren enorme Fortschritte gemacht. Während man speziell in Deutschland zu Zeiten von "Wintermythen" und "Märe aus wäldernen Hallen" (ein Klassiker des Pagan Metal) trotz hoher Qualität und vieler klanglicher Eigenheiten stets in den großen Schatten legendärer oder kommerziell erfolgreicherer Bands verweilen musste, ist "Ode Naturae" kompositorisch so ausgereift, dass man diesbezüglich den Vergleich zu MOONSORROW nicht scheuen muss. Stilistisch betrachtet bedient man dabei zwar immer noch den charakteristischen, atmosphärischen Stil der Frühwerke (die Harmonien von "Eisenwald" und "Blut für die Meute" rufen sofort wohlige Erinnerungen in's Gedächtnis), baut darum aber einen weitaus facettenreicheren, nuancierteren Horizont auf und vollendet damit die Entwicklung, die auf "Weltenbrand" begonnen wurde aber nur teilweise von Erfolg gekrönt war. Da FINSTERFORST mittlerweile - zumindest für meinen Geschmack - viel zu überladen und glattpoliert klingen, erachte ich diese Tendenz hin zur stimmungsvollen Tiefe als besonders angenehm, weil man eben nicht ständig von Brickwall-Sound und Bläsern erschlagen wird. Stattdessen baut man behutsam auf ("Erwachen"), wechselt innerhalb der Songs zwischen melodisch untermalten Aggressionen und ruhigeren Passagen ("Eibengang" und "Zyklus Tod") und widmet sich, wenn auch nicht mehr ganz so häufig wie früher, den hymnischeren Elementen ("Wildnis"). Auch die Chöre treten nicht mehr ganz so oft auf, dafür aber die markanten Leadmelodien, die nicht nur in "Fahle Wege" und dem 17-minütigen Longtrack "Transzendenz", der dynamisch sämtliche Wesenszüge, die GERNOTSHAGEN seit 1999 angenommen haben, bündelt und durch all die Verbesserungen im Songwriting spannend erzählt, allgegenwärtig sind.

Reflektiert man all das eingedenk meines eingänglichen Wortflusses zu aktuellem Zeitgeschehen, kann man wohl zu dem Ansatz gelangen, dass "Ode Naturae" für mich persönlich nicht nur ein Musterbeispiel natürlicher Entstehung fernab (musik-)industriellen, kommerziellen Trubels ist, sondern (mal wieder) auch für den unermesslichen Wert künstlerischer Ausdrucksformen. Um es aber etwas pragmatischer zu formulieren: Alle acht Stücke klingen so ausgereift, als hätte man sie über neun Jahre hinweg gleichermaßen umsichtig aufgebaut und wachsen lassen - und auch wenn nicht jeder Künstler ein derartiges Umfeld für Kreativität benötigt, erweist sich diese Methodik zumindest für GERNOTSHAGEN als durchweg richtig. Dass man mit dem soundtechnischen Überbau u.A. aus der Klangschmiede Studio E auch Aspekte à la Produktion, Mix und Mastering spürbar optimieren konnte, sorgt für den letzten Feinschliff an einem bedeutsamen Album, das eine Band mit sämtlichen Markenzeichen und einem respektvollen Maß an Weiterentwicklung in Szene setzt und zudem zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht wird.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Pascal Staub (21.07.2020)

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