DR. JÖRG SCHELLER - Metalmorphosen: Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal

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VÖ: 11.05.2020
Bandinfo: DR. JÖRG SCHELLER
Genre: (nicht klassifizierbar)
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Dr. Jörg Scheller ist Professor für Kunstgeschichte an der Zürcher Hochschule der Künstem Jikznbust der Stuttgarter Zeitung, verfasst regelmäßig Beiträge für die NZZ, DIE ZEIT und das frieze magazine. Außerdem betreibt er einen Heavy Metal Lieferservice mit seinem mehr als faszinierenden Metal Duo MALMZEIT.

Bücher über Heavy Metal gibt es einige. Ian Christes "Sound of the Beast: The Complete Headbanging History of Heavy Metal" ist als reine Geschichtsabhandlung des Genres wohl die Benchmark. "Lords Of Chaos" nahm sich des Black Metal Genres an und wurde von Dayal Pettersons "Black Metal: Evolution of the Cult" hinter sich gelassen. "Choosing Death: Improbable History Of Death Metal & Grindcore" von Albert Mudrian und "Swedish Death Metal" von Daniel Ekeroth gehen eher in die härtere Schiene. Dazu gibt es noch zahlreiches mehr, einige akademische Schriften (Dissertationen) und unzählige Bandbiographien. Lesematerialien über Metal gibt es also reichlich.

Jörg Scheller begibt sich sowohl als Akademiker als auch als Fan in die Welt des Metal und betont dabei einige spezielle Ecken. Wir haben es nicht mit einer durchgehenden Geschichte dieser, unserer Musik zu tun, der Autor pickt sich vielmehr einige Aspekte, das Genre, die Genres betreffend aus dem seit den frühen 70ern bestehenden Oberbegriff, wie wir ihn heute gebrauchen. Es gibt einen kurzen Abriss über den Beginn der Musik, aber es geht dem Autor nicht um Vollständigkeit. "Vielmehr werde ich exemplarisch vorgehen und versuchen, besonders prägende Musikstil- wie auch allgemeine Genre- und Szenemerkmale, die ich unter dem Oberbegriff "Ästhetik" fasse, herauszuarbeiten" (S. 13) Der Autor nähert sich spielerisch dem Begriff "Metal" (oder auch "Metall") um dann der ewig währenden Suche nach dem ersten Metalsong, der ersten Metalband anzuschließen. Hier gibt es einige interessante Nennungen, die ich bisher so nicht gesehen habe. Auch hier wurde wieder sauber recherchiert und trotz des akademischen Backgrounds das Ergebnis spannend und tiefgehend präsentiert. Ebenso wie der Umgang mit Nicht-Weißen Bandmitgliedern. Hier kommt auch der Chefredakteur eures Lieblingswebzines zu Wort (Mike Seidinger, "HIRAX - Katon W. De Pena: Skin color shouldn´t matter als long as the music is fuckin´ heavy", siehe Interview mit Katon W. De Pena, vom 11.09.2018). Noch immer ist der Metal mehrheitlich weiß, aber Bands aus aller Welt und allen Kulturräumen mischen die weltweite Szene immer mehr durch.

Kurz wird der "Kampf" zwischen Punk und Heavy Metal berührt, wie dieser geendet hat sehen wir auch heute noch. Heavy Metal blüht nachwievor auf, der Punk ist zu einer Randnotiz in der Musik geworden. Die Ästhetik im Metal wird eingehender beschrieben, sei es die Covergestaltung oder das Bühnenbild von IRON MAIDEN bis hin zum Gesamtauftritt der X Japan - Riege. Metal ist bunt, aufwändig und aufregend. Metal ist politisch, egal ob als einzelne Person, Band oder in seiner Gesamtheit. Metal ist religiös, spirituell, atheistisch oder sozialkritisch. Metal ist Alles, auf den kleinsten Nenner gebracht nur Musik, andererseits aber ein Weltbild.

Das Buch bietet auch noch Interviews mit Szenegrößen wie Mille Petrozza, Sabine Classen oder Cronos, die gehaltvoll sind und fernab des üblichen "wer war für das Songwriting zuständig" der Metal-Journaille zu gefallen wissen. Gerne hätte ich die Meinung des Autoren zur dahinsiechenden Printjournaille gehört, oder zur Tonträgerdiskussion, CD, LP oder Streaming.

Darüber gibt es auch noch musiktheoretische Analysen einiger Songs von MEGADETH oder BEHEMOTH von Dennis Bäsecke-Beltrametti für kundigere Leute als den Verfasser.

"Metalmorphosen - Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal" ist ein Buch, wie ich es so im Kanon der Metalliteratur noch nicht lesen durfte. Hier wird nicht von der Intelligenzija über den in Leder und Denim gekleideten Proll gerichtet, sondern das dem Autor eigene Fantum in höchst interessanten Ecken und Alkoven des Metiers genau beleuchtet, zerstückelt und wieder zusammengebaut.

Dr. Jörg Scheller hat außerordentlich gut recherchiert und mit seinem Buch ein Werk geliefert, welches nicht notwendigerweise auf einmal durchgelesen werden soll oder muss. Immer wieder kann man sich einzelne Teile, Kapitel heraussuchen und mit sich und dem Autor entweder übereinstimmen oder ein kleines, internes Gefecht austragen. Ich selbst habe mich einige Male beim "Halt, so war/ist das nicht!" ertappt, nur um den Ausführungen des Autors dann doch zumindest Respekt zu zollen. Hier hat ein gelehrter Mann ein Buch über Heavy Metal geschrieben, das eine höhere Halbwertszeit innehat als es viele Bücher über Musik haben und faszinierenderweise findet er genau die Mitte zwischen akademischer Diktion und lesbarer Vortragsweise. 

Klare Empfehlung für dieses wunderbare Buch über unsere wunderbare Musik. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Ohne Bewertung
Autor: Christian Wiederwald (15.07.2020)

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