LONG DISTANCE CALLING - How Do We Want To Live?

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VÖ: 26.06.2020
Bandinfo: LONG DISTANCE CALLING
Genre: Post-Rock
Label: Inside Out Music
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Lineup  |  Trackliste

Nach fast eineinhalb Jahrzehnten und sechs Studioalben legen LONG DISTANCE CALLING nun mit "How Do We Want To Live" ihr neuestes Werk vor. Dabei beschleicht einen das Gefühl, dass die vier Münsteraner hellseherische Fähigkeiten beim Songwriting und beim Gesamtkonzept des Albums hatten. Die Frage "How Do We Want To Live" wurde in den letzten Monaten sehr oft gestellt. Der Klimawandel, fragile Wirtschaftssysteme und eine immer größer werdende Abhängigkeit von Technologie haben in den Lock-Down-Zeiten bei manch einem oder manch einer vielleicht zu der Frage geführt "Wie wollen wir/wie will ich eigentlich leben?". LONG DISTANCE CALLING haben beim Timing also ins Schwarze getroffen. Die Songs waren allerdings alle schon fertig, als Europa von COVID-19 getroffen wurde, wie Jan bei unserem Gespräch verraten hat.

Das große Thema der zehn neuen Tracks ist die Beziehung Mensch/Maschine und der Einfluss künstlicher Intelligenz auf unseren Alltag beziehungsweise, was passieren kann, wenn sich eine KI eventuell mal über den Menschen erhebt. Für alle, die LONG DISTANCE CALLING bisher nicht am Schirm hatten: ein besonderes Merkmal der Band ist, dass sie ohne Vocals agieren. Auf "How Do We Want To Live" gibt es nur einen Track, wo mit Eric A. Pulverich ein Gastvocalist mitwirkt. Der Rest ist instrumental. 

Die Richtung die dabei eingeschlagen wird unterscheidet sich dabei aber durchaus vom Vorgängeralbum. Um dem Konzept bezüglich des Einflusses von Technik auf den Menschen mehr Nachdruck zu verleihen setzt die Band hier erheblich mehr elektronische Sounds und Samples als gewöhnlich ein. Das wird dem Hörer schon bei der Eröffnung klar. "Curiosity (Part 1)" und "Coriusity (Part 2)" gehen nahtlos ineinander über und werden zu Beginn sehr stark von Voice-Samples geprägt, die einen in das Thema einführen. Man muss Geduld haben, bis zum ersten Mal die verträumten und leicht melancholischen Riffs einsetzen, die man von LONG DISTANCE CALLING kennt. Geduld ist ohnehin gefragt. Laut der Band selbst wird "How Do We Want To Live" am Besten in einem durch und in mit Kopfhörer genossen. Dem kann ich beipflichten. Nimmt man sich die Zeit und lässt sich darauf ein, gibt es auch nach mehrmaligem Durchlauf Neues zu entdecken. Die Songs entfalten dabei eine ganz eigene Stimmung die sich innerhalb eines Tracks auch in eine völlig neue Richtung drehen kann.

Man schafft es auch, die diesmal mehr im Vordergrund stehenden digitalen Sounds wunderbar mit den analogen Sounds der Instrumente zu verschmelzen. Alles wirkt sehr harmonisch und aus einem Guss. Sicher, der rock-affine-Hörer mag sich die eine oder andere Stromgitarre mehr wünschen, aber die Kompositionen und die Spannungsbögen, die in den Songs erzeugt werden, entschädigen dafür allemal. 

Einzelne Songs rauszupicken ist schwierig, weil das Album als Gesamtes betrachtet werden sollte. "Voices" zum Beispiel wirkt am besten wenn man das Video im Hinterkopf hat. Der Song kommt ja zuerst relativ locker flockig um die Ecke, steigert sich aber zum dramatischen Finale, das im Video recht eindrucksvoll gezeigt wird. Ähnlich verhält es sich mit "Immunity". Dafür wurden als Musikvideo News-Schnipsel, Ausschnitte und Meldungen der vergangenen Wochen und Monate arrangiert und man hat das Gefühl, dieser Song wurde genau für diese Zeit geschrieben. Knapp vor der vier Minuten Marke zieht der Track dann mächtig an. Grandiose Breakdowns inklusive. "Sharing Thoughts" sei auch noch jedem Hörer ans Herz gelegt. Beendet wird das Ganze auf "Ashes" mit einem sehr vernichtenden Urteil des Androiden über die Menschheit. Man kann nur hoffen, dass wir irgendwann die Kurve kriegen und nicht wirklich als jene Spezies in die Geschichte eingehen, die ihren eigenen Untergang verursacht hat.

Solche Gedanken sind es, die dieses Album zu einem ganz starken Release machen. Vielleicht ist ja gerade das Fehlen von Vocals der Grund, dass man beim Abtauchen in die Soundwelten, die LONG DISTANCE CALLING kreieren, die Gedanken schweifen lassen kann, um über "How Do We Want To Live" nachzudenken. Ob alle Fans mit dem hohen Elektronik-Anteil zufrieden sind, wird sich zeigen. Etwas Neugier, eine knappe Stunde Zeit und ein gemütliches Plätzchen - mehr braucht es nicht, um abzuheben.

Hier auch nochmal der Hinweis auf das Interview, das ich mit Jan führen durfte.

 

 

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Hans Unteregger (27.06.2020)

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