KARIBOW - Essence

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VÖ: 14.04.2020
Bandinfo: KARIBOW
Genre: Progressive Rock
Label: Eigenproduktion
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Lineup  |  Trackliste

Da sieht man nur einmal nicht hin, schon hat Oliver Rüsing unter der Flagge KARIBOW schon wieder was in die Öffentlichkeit getragen, was mir doch beinahe durch die Lappen gegangen wäre. Dabei sind KARIBOWs Releases wie zum Beispiel "Holophinium" oder "From Here To The Impossible" Dauerbrenner in heimischen CD-Abspielgeräten, sobald der Alltag mal zu stressig wird oder einfach nur die Zeit reif ist für Musik, die einen (durch)atmen lässt. 

Besagter Neu-Output hört auf den Namen "Essence" und bietet gleich zwei Scheiben, vereint in einer Doppel-CD. Einerseits bekommt man auf "Essentially Acoustic" - wer hätte das gedacht - einen Querschnitt aus KARIBOWs Schaffen im neu und sehr hochwertig arrangierten Akustik-Mantel, andererseits werden auf der "Essentially Live" Glanzstücke der 2019er MOnuMENTour kredenzt. Und zu beiden Scheiben hat meinereiner ein paar Worte zu verlieren. 

"Essentially Acoustic" hält mit ganzen elf Songs einiges bereit. Zuallererst wird hier aber großartig verstanden, starke Songs aus dem Querschnitt von KARIBOWs Discografie herauszupicken, und diesen dann quasi Strom und Stecker zu ziehen. Dabei werden die Tracks zwar auf eine sehr gemütliche, akustisch-"davontreibende" Art heruntergekocht. Was sich dabei aber keineswegs verliert, sind einerseits die Qualität der musikalischen Aufarbeitung und andererseits die Gratwanderung, den Kern des Songs beizubehalten und sich so gekonnt darum herum zu verlustieren, dass man teils einen neuen Song vermutet und dann der Bogen wieder zum Kern des Ursprünglichen zurück geführt wird. Kompositorisch und spieltechnisch hoch virtuos und durch die verschiedenen "Bausteine" und Elemente keineswegs langweilig, auch wenn hier und da der bekannte KARIBOW´sche Spannungsbogen zu fehlen scheint. Dies bringt wohl aber auch das schiere Attribut "Akustik" mit sich. Trotz der ruhigen Gangart wird mit vielen kleinen, verspielten, aber nicht überladenden Details gearbeitet. Hin und wieder plätschern vereinzelt Passagen aber doch ein wenig einmütig daher, was allerdings auch der allgemeinen Ruhe und Unaufgewühltheit dient. Und ich mich das ein oder andere Mal dabei ertappt habe, wie ich - von der Arbeit wiederkommend - in meinem Auto sitzen blieb, weil ich den Song noch zu Ende hören wollte. Oder beim Lesen eines Buches nicht bemerkt habe, wie ich auf demselben Wort stehen geblieben bin und der Musik mehr Aufmerksamkeit gewidmet habe, denn den Worten vor mir. Sehr empfehlenswert, um wirklich runterzukommen und richtiggehend Ballast abzuwerfen. 

Doch damit nicht genug! Richtig gespannt war ich nun schon auf die "Essentially Live". Bisher hatte ich noch nie das Glück, KARIBOW live zu erleben. Nicht nur deswegen war ich sehr neugierig, ob es die Band auch live schaffen würde, diese auf den Alben so herausstechenden harmonisch geführten Spannungsbögen und die fließende Stimmung auf die Bühne zu bringen. Oder war das Liedwerk am Ende vielleicht doch zu ruhig für eine Live-Performance? Doch schon die ersten Takte von "The Raining Silence", direkt nach dem Intro, zerschlugen all meine Zweifel und ich wurde automatisch in dieses fünfte Element namens KARIBOW gezogen. Großartige Live-Umsetzung von großartiger Musik, ein durchgehend tragendes Gefühl, das richtiggehend beflügelt. Die feine Rock-Note wird hierbei gefühlt noch ein wenig verstärkt, doch nicht zulasten der fließenden Melodielinien. Auch live wird akribisch auf kleine musikalische Akzente im Hintergrund geachtet, die das Große und Ganze ausfeilen und zieren. Und trotzdem wird selten ein Song komplett identisch mit der Album-Version gespielt, wird hier noch ein Solo, da noch ein kleines akustisches Intermezzo dazwischen geschoben. Ein Hoch auf die musikalische Virtuosität, die die Herrschaften hier bedienen!

Highlights gibt es auf "Essentially Live" zu viele: Das schwungvolle und ohrwurmlastige "My Private Babylon" (und neben "Back To The Ashes" nach wie vor eines meiner Favourites), das angeproggte und fantastische stimmlich passende Duett mit Hayley Griffiths bei "District Of Dignity", das erst angenehm unaufgeregte und dann aufsteigende "Is That You?", das dramatisch-kraftvolle "Back To The Ashes", nur um einige zu nennen. Von "Red Feathers" wird man sanft in gefühlt in schwerelose Sphären gehoben, während man dann von "9/16" wieder auf den rockigen Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Im Programm auch ein akustisch dargebotenes "Believe" und "Remember" mit besagtem großartigen Spannungsbogen zwischen punktierten Rock-Passagen, fast schon gehetzten Strophen und weichem Melodie-Refrain und dann ein spannungslösendes "Chance". Beendet wird die Sache dann von "The Cry", einer dieser Songs, der es schafft, alles zu kitten und zusammenzufügen, was innerlich vielleicht auseinander geraten ist. Und das waren noch nicht einmal alle. Man merkt, ich schwärme schon wieder. 

Fazit: Wow! Uneingeschränktes Hörvergnügen auf musikalisch und emotional höchstem Niveau! Eigentlich war ich immer der Meinung, dass irgendwann ein Album kommt, das doch mal schwächeln müsste. Bei KARIBOW werde ich da wohl allerdings noch warten müssen. Und das ist gut so! Die besagten, feinen (und ich jammere auf höchstem Niveau) sehr ruhigen Längen auf "Essentially Acoustic" werden von "Essentially Live" um Längen entschädigt. Alleinstehend würde die Live-Scheibe auch absolute Höchstpunkte bekommen. Unterm Strich kommt erneut ein großartiges Ergebnis eines meines Erachtens absoluten Masterminds und den virtuosen Musikern heraus, die es verstehen, nicht nur Musik, sondern auch Emotionen und eine allumfassende Stimmung zu transportieren. Ich bin begeistert! Und ich kann es jetzt erst recht kaum noch erwarten, diesen Genuss live und in Farbe erleben zu dürfen!

 

 



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lisi Ruetz (04.07.2020)

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