EREMIT - Desert Of Ghouls

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VÖ: 17.07.2020
Bandinfo: EREMIT
Genre: Doom Metal
Label: Transcending Obscurity
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Dass der metallische Makrokosmos und insbesondere dessen extreme Ableger heutzutage mehr Angebot als Nachfrage bieten, dürfte jedem bekannt sein, der auch nur ansatzweise um den Erhalt eines Funkens von Überblick bemüht ist. Über das Luxusproblem einer erdrückenden Anzahl von Bands und Releases braucht man sich daher im Prinzip überhaupt nicht mehr zu unterhalten. Weitaus interessanter, wenn auch mühevoller, ist die Suche nach den spärlich gesäten Kandidaten, die unter ihrem Banner noch etwas Originelles und Eigenständiges zu bieten haben und sich damit aus dem vollgestopften Pool artverwandter Acts emportun können. Deshalb ist es umso erheiternder, mit dem Osnabrücker Doom-/Sludge-Trio EREMIT wieder einen dieser besonderen Vertreter auf den Drehteller zu bekommen.

Was macht EREMIT besonders?

Dass man es bei dieser Truppe, die mit der Zwei-Song-EP "Desert Of Ghouls" gerade ihr zweites Lebenszeichen von sich gibt, mit einem eigensinnigen Konstrukt zu tun hat, offenbart sich schon am Sound. Dadurch, dass EREMIT ihre Songs live aufnehmen und beim Soundengineering auf moderne Spielereien verzichten, vermitteln sie ein unverfälschtes Live-Feeling und konservieren dabei ein hohes Maß an Dynamik. Erfrischenderweise bleibt die Soundqualität hierbei zu keiner Zeit auf der Strecke - doch wie wir noch weiter enthüllen werden, ist dies noch nicht das komplette Spektrum an soundbezogenen Exquisitäten.

Ebenfalls von spezieller Natur ist das lyrische Konzept von EREMIT, das sich als in sich geschlossene Saga um den namensgebenden Eremiten versteht. Nachdem der Protagonist in den Texten des Debutalbums "Carrier Of Weight" über Jahre alleine auf einem scheinbar unendlichen Ozean umhertrieb und am Ende Land findet, wird er in Kämpfe verwickelt ("Beheading The Innumerous") und findet sich schließlich in einer Wüstenstadt wieder ("City Of Râsh-Il-Nûm"). Die Geschehnisse auf "Desert Of Ghouls" spielen sich dabei innerhalb der Handlung des zweiten, noch nicht erschienenen EREMIT-Albums ab. Inspiriert von J.R.R. Tolkien, dem Film "Waterworld" und weiteren Quellen, entsteht von Album zu Album ein komplexeres Themenuniversium um die beschriebene Hauptfigur - ein höchst interessanter Ansatz, den man im weitesten Sinne mit dem Blashyrkh-Thema IMMORTALs vergleichen kann und den so nur wenige Bands verfolgen.

Zwei Etappen eines langen Weges...

Die beiden überlangen (und dennoch verhältnismäßig kurzen...) Stücke von "Desert Of Ghouls" sind, was das Songwriting angeht, ebenfalls eine Klasse für sich. "Beheading The Innumerous" baut über geschätzt sechs Minuten Spannung auf und drückt erst zum Ende aufs Gaspedal - als nähere sich der vertonte Kampf der Hauptfigur einem furiosen Showdown. Das repititiv vorgetragene Hauptriff ist von einfacher, gar puristischer Art und sorgt gerade vor diesem Hintergrund für Aufsehen, weil die Nummer trotz seiner Simplizität eine ungeheuere Fesslungskraft entfaltet. Was schon auf dem Erstwerk gut funktionierte, erlebt hier eine Intensivierung in Richtung Perfektion. Und was dabei klingt wie ein derbe verzerrter Bass, ist indes eine einfache Gitarre mit dicken Saiten, die über mehrere Bassamps in den Äther dröhnt - die Verstärker mögen dabei regelmäßig über den Jordan schippern, dienen damit jedoch einem Märtyrer gleich dem höheren und edlen Zweck, gehobene Tonkunst zu schaffen. Ebenfalls auf voller Linie überzeugen kann Gitarrist und Sänger Mo, dessen blutige Vocals glaubhaft schmerzgeplagt aus der vierundzwanzigsten Sohle seines Klangkörpers hinausgespeit erscheinen.

Der zweite Song "City Of Râsh-Il-Nûm" baut auf einem ähnlichen Mainriff wie "Beheading The Innumerous" auf, ergänzt dabei jedoch erstmals verhallte Leadmelodien, die Bilder von verfallenen Ruinen im heißen Wüstensand heraufbeschwören. Die Musik passt zur Thematik wie die Faust aufs Auge, wobei besonders der verführerische Balztanz der quietschigen Leadgitarre hypnotisiert und zu einer gänzlich chemie- und nebenwirkungsfreien Bewusstseinserweiterung einlädt. Man taucht im Geiste in die Welt des Eremiten ein, man durchsucht den heimischen Wäschekorb nach tanzenden Kobras, man durchlebt nach dem Biss des imaginären Reptils surreale Fieberkrämpfe...wie auch immer die subjektive Komponente dieser Musik ist - sie geht auf keinen Fall spurlos an einem vorbei.

...den man bis zum Ende mitbeschreiten will

Alleine die Tatsache, dass man zu einer EP mit zwei Songs so viele Worte verlieren kann, spricht für sich. Das zusammenhängende und beliebig evolutionsfähige Konzept EREMITs hat bereits seinen Charme, doch die eigenwillige musikalische Untermalung, die so wirkungsvoll wie anschaulich ist, setzt dem Ganzen die Krone auf. Trotz der Länge der Songs bleibt "Desert Of Ghouls" ein naturgemäß kurzer Ritt auf dem Plattenteller, dürfte sich aber unter den Jägern und Sammlern im Underground als hochkarätiges Stück extremmetallischen Geheimwissens herauskristallisieren. Mit dem richtigen Kniff braucht es eben nicht mehr, um zu begeistern - das weiß man nicht erst seit BÖLZER.


Weitere interessante Hintergrundinfos und Vorausblicke in die Zukunft gibt's in unserem Interview mit Gitarrist und Sänger Mo!



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (10.07.2020)

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