ANCIENT BURIAL - Beyond The Watchtowers

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VÖ: 01.05.2020
Bandinfo: ANCIENT BURIAL
Genre: Black Metal
Label: Signal Rex
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Lineup  |  Trackliste

Das Schöne an der Kunstfreiheit ist, dass man in der Kunst frei ist. Regeln sind zum Brechen da und wenn man etwas erfindet, das es noch nicht gibt oder beliebige Spielarten miteinander verknüppelt, erschafft man ein neues Subgenre. Und wenn die Fertigkeiten eines Interpreten so unterirdisch sind, dass das hieraus entstehende Resultat in kaum einer bekannten Stilrichtung als Musik anerkannt werden kann, dann hebt man - wer hätte es geahnt - abermals ein Subgenre aus der Taufe, das auf eben jenes undefinierbare Resultat zugeschnitten ist. Typische Kandidaten für solche Genres sind pubertierende Punkrocker im ersten Semester des Drei-Akkorde-Schrubbens, die Bremer Stadtmusikanten auf Speed oder eben der gute alte Raw Black Metal. Und wer von Letztgenanntem bisweilen keine Vorstellung hat, der unternimmt in Anwesenheit von ANCIENT BURIALs "Beyond The Watchtowers" einen Sprung ins kalte Wasser.

Ich möchte mit meiner überspitzt sarkastischen Einleitung keineswegs ganze Subkulturen über einen Kamm scheren und diskreditieren, aber was die portugiesischen Newcomer hier veranstalten, ist schon eine Sensation für sich. Und um es vorwegzunehmen, beschert mir das Hören des besagten Debütalbums nicht ansatzweise den Lustgewinn, für den ich das übergeordnete Genre so schätze. Darüber hinaus - und das ist der eigentliche Knackpunkt - konfrontiert mich das Gebotene mit einer Handvoll unweigerlicher Fragestellungen, die mich ernsthaft über den Sinn des Lebens (als Metaller) nachdenken lassen. Muss denn Black Metal, auch wenn er mit dem Präfix "Raw" gekennzeichnet ist, so klingen, als würde ein verhaltensauffälliger Erstklässler den Schulkater Findus am Schwanz packen und mit ihm die nächste Blechmülltonne ausbürsten? Ist die akustische Kongruenz des (Raw) Black Metal mit dem Paarungsritual von Bagger und Rüttelplatte obligatorisch? Ist der Schwarztee erst dann "raw" genug, wenn man nach zwei Songs die Gewerbeaufsicht auf der Matte stehen hat und sich für das unangemeldete Unterhalten einer Straßenbaustelle verantworten muss? Darf man wahrhaftig trve Texte nicht verstehen, weil sie aufgrund ihrer beispiellosen Boshaftigkeit sonst zu spontaner Selbstentzündung, Inkontinenz und dergleichen führen könnten?

Wer diese und ähnliche Fragen mit "ja" beantworten kann, der ist bei ANCIENT BURIAL goldrichtig, denn "Beyond The Watchtowers" umwirbt den Hörer über die bescheidene Distanz von 38 Minuten mit einem atonalen Klangpudding, den man ohne Mühe mit beliebigen Haushaltsgegenständen und Werkzeugen zusammenzimmern könnte, wenn man nur über ein ausreichendes Aggressionspotenzial verfügt. Bei der homogenen Pampe, die aus einem Intro und sieben Songs gebildet wird, entbehrt die Untergliederung in Titel jeder Bedeutung und Sinnhaftigkeit. Das ziellose und unkoordinierte Gekloppe auf den Kesseln klingt, als würde man das gesamte Schlagzeug in seine Einzelteile zerlegen und in einen überdimensionalen Wäschetrocker stecken. Das Verdreschen von Omas Kochtopfsammlung mit einem handelsüblichen Baseballschläger würde - Achtung Pro-Tipp - bei ungleich niedrigerem Kostenaufwand exakt dasselbe Ergebnis erzielen. Bei den Gitarren fragt man sich manchmal, ob hier tatsächlich auf einem Musikinstrument gespielt wird oder ob man mit dem armen Stück versucht, das Holz für den nächsten Winter zu hacken. Von Stimmgeräten scheint man indes der Meinung zu sein, dass sie sich wie Kühlschränke am Nordpol und das Internet schlichtweg nicht durchsetzen werden. Den Gesang kann man nur mit Phantasie erahnen, von verstehen ganz zu schweigen. Sonst müsste man womöglich noch die Texte kommentieren...ist also vermutlich besser so.

Über den genretypisch rohen Sound braucht man sich nicht auszulassen, aber songwriterisch ist dieses Machwerk eine ziemliche Nullnummer. Diese stumpfsinnige Ansammlung von Störgeräuschen hat weder Variation, noch Atmosphäre, noch irgendeinen anderweitigen Reiz. Es ist eintönig, langweilig, nervtötend und vor allen Dingen eins: in jeder Hinsicht austauschbar. Doch ganz zum Wohlgefallen der kreativen Köpfe hinter ANCIENT BURIAL ist auch eine so unverfrorene Kakophonie wie ihr hier beschriebenes Erstwerk durch die Kunstfreiheit abgedeckt und führt selbst im Falle von Ohren-, Kopf- und Gliederschmerzen, Potenzstörungen oder partiellem Gedächtnisverlust nicht zur Bestrafung der Urheber. Damit mag auch die Verbreitung von "Beyond The Watchtowers" ihr gutes Recht sein, doch von mir gibt's dafür allenfalls einen Punkt...einen Punkt, dessen größere Hälfte wohlgemerkt auf das ansehnliche Cover geht. Alles andere wäre ein saftiger Tritt in die Kronjuwelen einer jeden Band, die den Raw Black Metal hörenswert macht und mehr zu bieten hat als die Imitation eines umnachteten Rasenmähers.



Bewertung: 1.0 / 5.0
Autor: Lord Seriousface (28.04.2020)

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